Doch noch auf Svalbard abtauchen mit kleinen Schiffen | Polarjournal
Zu den Anbietern, die Sitzfleisch gezeigt haben, gehört auch die MS Cape Race. Das kleine 12-Gäste-Schiff ist zurzeit unterwegs nach Svalbard, um dort seinen Gästen die arktische Wildnis über und unter Wasser zu zeigen. Bild: mareverlag

Wer eine Reise in die Arktis in diesem Jahr geplant hatte, benötigte viel Geduld und lange Fingernägel zum Kauen. Denn vor allem die naheliegendste arktische Destination, Svalbard, war durch die COVID-Massnahmen Norwegens vom Ausland abgeschnitten. Dadurch entschieden grössere Reedereien und Anbieter, ihre Arktissaison abzusagen oder nach Island und Grönland zu verschieben. Doch einige Anbieter mit kleinen Expeditionsschiffen harrten aus und warteten ab. Mit Erfolg: Svalbard ist offen für Touristen und die Saison kann beginnen.

Praktisch auf den letzten Drücker kamen die erlösenden Worte aus Oslo: Reisende mit Impf-, Test- oder überstandener COVID-Erkrankungsnachweis oder die aus Ländern mit niedriger Inzidenzrate stammen, dürfen nach Norwegen und Svalbard ohne Einschränkung einreisen. Damit konnten die kleinen Expeditionsschiffe losgeschickt werden und den Gästen, die teilweise seit zwei Jahren auf ein «Go» gewartet hatten, doch noch der Wunsch nach Arktis erfüllt werden. Eine der Firmen, die jetzt doch noch in den Gewässern rund um Svalbard operieren werden, sind die Besitzer der MS Cape Race. Das kleine Expeditionsschiff lag seit dem Ende der letztjährigen Sommer-Saison in Kiel und wurde die ganze Zeit über flott gehalten, um in See stechen zu können, sobald es die Lage erlauben würde. Man holte alle notwendigen Zertifizierungen ein, stellte Programme zusammen und hoffte und hoffte und hoffte… doch es kam keine Bewegung aus Oslo.

Den meisten Besuchern, die in den Gewässern der Arktis unterwegs sind, entgeht die spannende und reichhaltige Unterwasserwelt Svalbards. Den Gästen der Cape Race aber nicht, dafür sorgt ein ferngesteuertes Unterwasserfahrzeug mit Kameras, Greifarmen und vielen anderen Gadgets. So erhalten die Passagiere einen einmaligen Einblick in eine verborgene Welt. Bild: mareverlag

Wie bei Expeditions-gehärteten Firmen üblich, existierte auch ein Plan B: Fahrten in der Ostsee, der nun aber nicht zur Anwendung kommen wird. Dafür aber ein Konzept, welches ziemlich einzigartig ist für ein Schiff dieser Grösse: Die Unterwasserwelt als Teil der Expedition. Denn anders als die meisten Anbieter will Nikolaus Gelpke, der mare-Verlagsschef und Besitzer der Cape Race, seinen Gästen auch die Unterwasserwelt näherbringen. Der studierte Meeresbiologe erklärt dazu: «Weil ich die Gäste in wissenschaftliches Arbeiten, sowie tiefer in die Meeresbiologie einführen wollte, startete ich eine Kooperation mit einer ehemaligen Kollegin an der Uni Kiel, die sogenannte Experimentkisten entwickelte mit denen Laien einerseits authentisches wissenschaftliches Arbeiten kennenlernen und zudem einen Einblick in die Fundamente der Meeresbiologie erhalten.»

«Das ROV und das Hydrophon sind beides Ergänzungen, die eher in die emotionale Ebene führen und den Zugang zu den meeresbiologischen Ansätzen erleichtern sollen: über das sinnliche Erleben»,

Nikolaus Gelpke, Besitzer Cape Race

Und damit keiner der Gäste dazu über Bord gehen muss, wurde ein ROV (ferngesteuertes Unterwasserfahrzeug) angeschafft. Und der «Navysub T2» aus europäischer Produktion hat es durchaus in sich: Kameras, Greifarme, Objekterfassungssonar, Tiefentauglichkeit bis 200 Meter lassen die Gäste direkt die verborgene Unterwasserwelt der Arktis eintauchen. Das bordeigene Unterwassermikrofonsystem bringt die Geräusche mit an Bord: Meeresbiologie mit allen Sinnen erleben. «Das ROV und das Hydrophon sind beides Ergänzungen, die eher in die emotionale Ebene führen und den Zugang zu den meeresbiologischen Ansätzen erleichtern sollen: über das sinnliche Erleben», erklärt Nikolaus Gelpke. Also nicht nur Eisbären suchen, Gletscher bestaunen und Vögel fotografieren, sondern tief in die arktische Vielfalt eintauchen, deren Schätze eben auch unter der Wasseroberfläche liegen: Planktonproben sammeln und betrachten, fremdartig scheinende Fischarten sehen und vielleicht auch vorbeischwimmende Robben erhaschen.

Obwohl Longyearbyen und die anderen Orte auf Svalbard keine COVID-Infektion verzeichneten, litten die Orte massiv unter der Pandemie. Zu wenige Touristen aus Norwegen liessen sich in den hohen Norden locken, um eine auch nur kostendeckende Saison zu erlauben. Auch die jetzigen Einkünfte aus der verkürzten Saison dürften nicht ausreichen. Ausserdem bleibt die Lage fragil und kann jederzeit wieder ändern. Bild: Michael Wenger

Neuartige Konzepte müssen die Schiffsbetreiber solch kleiner Schiffe auch entwickeln. Denn die jetzt sonnige Situation kann durchaus wieder drehen, sollte sich die epidemiologische Lage in den Heimatländern der Gäste ändern und die norwegische Regierung entsprechend reagieren. Letztes Jahr war dies schon einmal der Fall gewesen. Doch man ist verhalten optimistisch: die Schutzkonzepte, die letztes Jahr angewandt wurden, hatten sich als erfolgreich erwiesen und die Gäste sind dieses Jahr alle geimpft, getestet oder haben eine COVID-Erkrankung bestätigt durchgemacht. Ausserdem sind diese Saison 90 Prozent Auslastung der Schiffe erlaubt, was den finanziellen Druck noch etwas stärker mindert. Aber wirklich Gewinn machen wird auch diese Saison kaum jemand in der Branche. Dies gilt wahrscheinlich auch für die anderen Anbieter wie Secret Atlas Travel mit der Togo oder die Tallship Company mit dem Segelschiff Antigua, die beide auch noch unterwegs sein werden. Auch die Tourismusfirmen in Longyearbyen, die seit letztem Jahr nur einheimische Touristen zu Gesicht bekommen haben, dürfte die Öffnung zwar freuen, aber wird finanziell kaum lukrativ sein. Zu spät kam die Öffnung, zu viele Gesellschaften haben ihre Saison abgesagt. Trotzdem freut man sich auf die Touristen, die noch den Weg in den Norden finden werden, erklärte Ronny Brunvoll, Leiter von Visit Svalbard, gegenüber lokalen Medien. Denn immerhin kann, wenn alles gut geht, noch bis Oktober in die arktische Wunderwelt eingetaucht werden… auf der Cape Race wortwörtlich… ohne nass zu werden.

Einreisende nach Norwegen aus grünen Ländern müssen nicht in Quarantäne, orange und rot müssen dagegen schon (Stand 12. Juli. 2021, Karte ohne Gewähr). Nachweislich geimpfte Reisende oder Menschen mit einer nachgewiesenen COVID-Erkrankung innerhalb der letzten 6 Monate sind von der Quarantänepflicht ebenfalls befreit. Doch die Lage bleibt aufgrund der sich weiter ausbreitenden Delta-Variante fragil. Karte: Norwegisches Institut für öffentliche Gesundheit FHI

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

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