Schnellere Erderwärmung, mehr Extremwetter | Polarjournal
Nicht nur für die Eisbären wird das Eis immer dünner. Viele Tier- und Pflanzenarten sind wegen der Auswirkungen des Klimawandels bereits vom Aussterben bedroht. Für den Menschen werden die Extremwetterereignisse immer gefährlicher.  Foto: Julia Hager

Steigende Temperaturen, intensivere Hitzewellen, länger anhaltende Dürren und mehr Starkregen infolge eines veränderten Wasserkreislaufes: Durch seine Treibhausgas-Emissionen hat der Mensch gravierende und weitreichende Klimaveränderungen in allen Teilen der Welt angestoßen, berichtet die Arbeitsgruppe I des Weltklimarates IPCC in ihrem heute veröffentlichten sechsten Sachstandbericht.

Der neue Bericht fasst das aktuelle Wissen zur Funktionsweise des Klimasystems der Erde zusammen und beschreibt beobachtete und prognostizierte Veränderungen innerhalb dieses Systems. Im Vergleich zu vorhergehenden Berichten basieren die Ergebnisse des neuen Weltklimaberichtes auf deutlich verbesserten Wetter- und Klimabeobachtungen aus der Vergangenheit und der Gegenwart; auf Simulationen mit neuen globalen Klimamodellen sowie auf neuen Analysemethoden, die Daten ganz unterschiedlicher Herkunft zusammenführen.

Den Autorinnen und Autoren der Arbeitsgruppe I des Weltklimarates (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) ist es auf diese Weise gelungen, den Einfluss des Menschen auf eine wachsende Anzahl von Klimavariablen besser zu verstehen und im Detail aufzuzeigen, welchen Anteil der Mensch an Wetter- und Klimaextremen hat.

Klimaforscher Hans-Otto Pörtner im Interview

Prof. Dr. Hans-Otto Pörtner ist Co-Chair der IPCC Working Group II (WG II) und Leiter der Sektion Integrative Ökophysiologie am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Foto: Kerstin Rolfes

„Ich halte es für einen ganz entscheidenden Fortschritt, dass die Autorinnen und Autoren der Arbeitsgruppe I mittlerweile sagen können, mit welcher Wahrscheinlichkeit Einzelereignisse wie die schweren Waldbrände in Australien oder aber die Hitzeglocke im Westen Nordamerikas auf den Klimawandel zurückzuführen sind“, sagt Prof. Dr. Hans-Otto Pörtner, AWI-Klimaforscher und Ko-Vorsitzender der Arbeitsgruppe II des Weltklimarates in einem ausführlichen Interview. Schließlich ginge es in der Klimadebatte längst nicht mehr nur um den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur, sondern insbesondere auch um Extremereignisse und wie sie sich im Vergleich zur Vergangenheit verändern. „Die Bevölkerung im Süden und Westen Deutschlands hat in den zurückliegenden Wochen auf tragische Weise erleben müssen, welche unvorstellbaren Ausmaße Extremwetterereignisse heute bereits infolge des Klimawandels erreichen und welche schwerwiegenden Zerstörungen sie mit sich bringen. Auch aus diesem Grund können die Aussagen des neuen Weltklimaberichtes nur als letzter Weckruf verstanden werden. Wir haben keine Wahl mehr, sondern müssen als Gesellschaft alles in unserer Macht Stehende tun, um die globale Erwärmung zu stoppen und uns bestmöglich auf unvermeidbare Risiken und Gefahren vorzubereiten“, sagt AWI-Direktorin Prof. Dr. Antje Boetius mit Blick auf den heute vorgestellten Bericht.

Zahlen und Fakten

  • Der Bericht wurde von insgesamt 234 Autorinnen und Autoren aus 66 Ländern erstellt.
  • Er fasst das aktuelle wissenschaftliche Wissen aus mehr als 14.000 Fachpublikationen zusammen, die bis zum 31. Januar 2021 entweder schon publiziert oder aber für eine Veröffentlichung angenommen waren.
  • Bei der Begutachtung des ersten von drei Berichtsentwürfen reichten Expert:innen aus aller Welt insgesamt 23.462 Kommentare ein, welche das Autorenteam dann berücksichtigte. Bei der Begutachtung des zweiten Berichtsentwurfes waren es dann sogar 51.387 Kommentare, eingereicht von Expert:innen und Regierungsvertreter:innen aus aller Welt.
Die globale Erwärmung führt zu häufigeren und heftigeren Stürmen und anderem Extremwetter, zur Versauerung der Ozeane und zum Meeresspiegelanstieg, um nur einige Folgen zu nennen. Foto: Julia Hager

Die acht Bausteine des 6. IPCC-Sachstandsberichtes

Der als Weltklimarat bekannte Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) ist eine Institution der Vereinten Nationen. In seinem Auftrag tragen Fachleute aus aller Welt regelmäßig den aktuellen Kenntnisstand zum Klimawandel zusammen und bewerten ihn aus wissenschaftlicher Sicht. Der 6. IPCC-Sachstandbericht besteht aus insgesamt acht Publikationen:

  • den drei Sonderberichten, die in den Jahren 2018 und 2019 veröffentlicht wurden. Dazu gehören der Sonderbericht über 1,5 Grad Celsius Erwärmung, der Sonderbericht über Klimawandel und Landsysteme sowie der Sonderbericht über den Ozean und die Kryosphäre in einem sich wandelnden Klima;
  • ein überarbeiteter Methoden-Bericht (2019 Refinement to the 2006 Guidelines on National Greenhouse Gas Inventories), erschienen im Mai 2019; 
  • die Teilberichte der drei IPCC-Arbeitsgruppen
    • Arbeitsgruppe I: Physikalische Grundlagen,
    • Arbeitsgruppe II: Folgen des Klimawandels, Anpassung und Verwundbarkeiten, Veröffentlichung geplant im Februar 2022 und
    • Arbeitsgruppe III: Minderung des Klimawandels, Veröffentlichung geplant im März 2022.
  • der abschließende Synthesebericht. Er fasst die Ergebnisse der drei Sonderberichte sowie der Teilberichte der drei Arbeitsgruppen zusammen. Die Veröffentlichung ist im September 2022 geplant.

Ausgewählte Ergebnisse des neuen Teilberichtes im Überblick: 

  • Seit dem 5. Sachstandsbericht aus dem Jahr 2013 sind die Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre weiter angestiegen. Ihre Durchschnittswerte für das Jahr 2019 lagen bei 410 ppm für Kohlendioxid (CO2), 1866 ppb für Methan (CH4) und 332 ppb für das als Lachgas bekannte Distickstoffmonoxid (N2O). Die Anstiege sind im überwältigenden Maße auf den Einfluss des Menschen zurückzuführen. Die aktuellen Methan- und Lachgas-Konzentrationen übertreffen alle Spitzenwerte der zurückliegenden 800.000 Jahre. Eine so hohe Kohlendioxidkonzentration wie derzeit hat es seit mindestens zwei Millionen Jahren nicht gegeben.
  • Die globale Oberflächentemperatur lag im Zeitraum von 2011 bis 2020 im Durchschnitt 1,09 Grad Celsius höher als im Vergleichszeitraum von 1850 bis 1900. Die Erwärmung über Land betrug durchschnittliche 1,59 Grad Celsius. Sie lag damit deutlich höher als die Erwärmung über dem Meer, die wiederum 0,88 Grad Celsius im Durchschnitt betrug. Die Erde hat sich seit dem Jahr 1970 schneller erwärmt als in jedem anderen 50-Jahre-Zeitraum der zurückliegenden 2000 Jahre.
  • Die Menge der globalen Niederschläge über Land hat seit 1950 zugenommen, mit einem beschleunigten Anstieg seit den 1980er Jahren. Angetrieben vom menschlichen Einfluss auf das Klimasystem haben im selben Zeitraum auch die Frequenz und die Intensität von Starkregenereignissen zugenommen.
  • Der Einfluss des Menschen hat zu einem weltweiten Rückzug der Gletscher und zum Rückgang des arktischen Meereises geführt. Dessen September-Minimumfläche schrumpfte von 6,23 Millionen Quadratkilometer im Zeitraum 1979 bis 1988 auf 3,76 Millionen Quadratkilometer im Zeitraum von 2010 bis 2019. Die Sommer-Resteisfläche war damit kleiner als jemals zuvor in den zurückliegenden 1000 Jahren. Das Ausmaß des weltweiten Gletscher-Rückzuges erreicht mittlerweile einen Rekordwert für die zurückliegenden 2000 Jahre.
  • Der globale Meeresspiegel steigt seit dem Jahr 1900 schneller als in jedem vorhergehenden Jahrhundert der zurückliegenden 3000 Jahre. Der Ozean hat sich im zurückliegenden Jahrhundert stärker erwärmt als davor in schätzungsweise 11.000 Jahren. Das Oberflächenwasser der Meere versauert derzeit schneller als zu jedem anderen Zeitpunkt in den zurückliegenden 26.000 Jahren. Die bisherigen Treibhausgasemissionen haben bereits langanhaltende Veränderungen der Meere angestoßen. So wird sich die Meereserwärmung im restlichen Verlauf des 21. Jahrhunderts fortsetzen. Ihr Ausmaß wird sich dabei im Vergleich zum Zeitraum 1971-2018 verdoppeln bis verachtfachen. Weiter zunehmen werden auch die Ozeanversauerung, die Schichtung der Wassermassen sowie die Sauerstoffverluste.
  • Die Frequenz und Intensität von Hitzeextremen über Land hat seit dem Jahr 1950 über den meisten Landregionen zugenommen, während Kälteextreme seltener geworden sind und nicht mehr so extrem ausfallen. Hauptantrieb dieser Entwicklung ist der menschengemachte Klimawandel. Ohne ihn wäre es extrem unwahrscheinlich gewesen, dass einige der jüngsten Hitzeextreme überhaupt auftreten. Die Klimamodelle prognostizieren: Jede weitere Erwärmung wird in einigen Regionen zu einer weiteren Zunahme der Intensität, Frequenz und Dauer von Extremereignissen wie Hitzewellen, Starkregenereignissen und Dürren führen.
  • Verbesserte Kenntnisse über die Wechselwirkungen innerhalb des Klimasystems, über das Klima der Vergangenheit sowie über die Reaktionen den Klimasystems auf steigende Kohlendioxid-Konzentrationen haben dazu geführt, dass die Klimasensitivität (globaler Temperaturanstieg bei Verdopplung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre) im Vergleich zum 5. Sachstandbericht eingeengt werden konnte. Sie liegt nun bei wahrscheinlichen 2,5 bis 4 Grad Celsius, anstatt bei 1,5 bis 4,5 Grad Celsius. Erstmals wird eine bestmögliche Schätzung (best estimate) angegeben, die bei 3 Grad Celsius liegt. Infolgedessen lassen sich Projektionen zur künftigen Entwicklung des Klimas besser eingrenzen und somit genauere Aussagen treffen.
  • Die globale Oberflächentemperatur wird mindestens bis zum Jahr 2050 weiter ansteigen, selbst wenn es gelingt, die Treibhausgasemissionen drastisch zu reduzieren. Es besteht eine mehr als 50-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass die Marke von 1,5 Grad Celsius Erwärmung in den frühen 2030er Jahren überschritten wird und damit etwa 10 Jahre früher als im 1.5-Grad-Sonderbericht des Weltklimarates berechnet. Etwa die Hälfte dieser zeitlichen Verschiebung ist auf die beschleunigte Erwärmung zurückzuführen. Die andere Hälfte ergibt sich durch die Anpassung der Ausgangstemperatur für den Zeitraum 1850-1900. (Siehe Interview)
  • Wenn die Menschheit es schafft, die Treibhausgaskonzentrationen sehr gering oder gering zu halten (sehr niedriges Modell-Szenario, bzw. Null- oder Negativszenaro um das Jahr 2050), ist es sehr wahrscheinlich, dass die globale Erwärmung bis zum Ende des aktuellen Jahrhunderts auf unter 2 Grad Celsius begrenzt werden kann.

Pressemitteilung des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung

Weiterführende Informationen:

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