Vierfaches Glück: US-Forscher treffen auf seltene Wale in Alaska | Polarjournal

Wale in der Arktis haben es nicht leicht. Zuerst bis an den Rand der Ausrottung gejagt, stellen sich den grossen Meeressäuger heute Klimawandel, Verschmutzung und grosser Schiffsverkehr mit Lärm und Zusammenstössen entgegen und bedrohen ihre Existenz. Eine Art, der nordpazifische Glattwal steht gemeinsam mit seinem atlantischen Verwandten auf der Liste der seltensten Walarten. Aber US-Forscher der National Oceanographic and Atmospheric Administration NOAA haben bei einer Bestandesaufnahme im Golf von Alaska den Jackpot erwischt: vier der seltenen Meeressäuger wurden innerhalb kürzester Zeit entdeckt und teilweise identifiziert.

Die vier Nordpazifischen Glattwale wurden südlich der Insel Kodiak im August bei zwei verschiedenen Sichtungen identifiziert. Jeweils zwei Tiere zeigten sich den Forschern, die an Bord des Forschungsschiffes Oscar Dyson auf einer vierwöchigen Beobachtungs- und Forschungsmission waren. Dabei konnte das Team wichtige Bild- und Tonaufnahmen erstellen, die auch dabei helfen, die Tiere individuell zu erkennen. Die Tiere der ersten Sichtung südöstlich von Kodiak konnten dabei beobachtet werden, wie sie auf Nahrungssuche waren «Das ist eine hoch produktive Region im Golf von Alaska mit einer hohen Dichte an Krill und anderer Nahrung für Bartenwale», erklärt Jessica Crance, Meeressäugerexpertin am Alaska Fisheries Science Center und Leiterin der Expedition. Bei der zweiten Sichtung im Süden der Insel wurden dafür wichtige Daten zur Kommunikation gewonnen.  «Diese Arbeit ist unglaublich wichtig. Der Klimawandel verändert bereits den subarktischen Lebensraum des Nordpazifischen Glattwals, was die Notwendigkeit, mehr über diesen vom Aussterben bedrohten Wal zu erfahren noch dringender macht», meint sie weiter.

Wie wichtig die Sichtungen sind, zeigt sich bei einer Betrachtung der Populationsgrösse dieser Walart: nur noch geschätzte 30 Tiere (!) sind im östlichen Teil des Nordpazifiks bekannt, die restlich maximal 70 Tiere werden auf der westlichen Seite vermutet. Damit stehen die Tiere kurz vor dem Aussterben und es wiegt umso schlimmer, dass man nur wenig über diese Tiere weiss. Man kennt nicht ihre Wanderrouten und ihre Geburtsorte, was wichtig für den Schutz der Tiere wäre. Besonders wichtig bei den beiden Sichtungen waren daher auch Identifizierungsbilder. Dabei konzentrierte man sich besonders auf den Kopf, der mit seinen schwieligen Auswüchsen wie ein Fingerabdruck wirkt. Die Forscherinnen und Forscher konnten so zum einen zwei Tiere wiedererkennen und zwei weitere in die Datenbank aufnehmen, ein grosser Erfolg für den Schutz der Tiere.

Nordpazifische Glattwale sind die bisher einzigen bekannten Glattwale, die singen. Bei einem Klick auf das Bild hört man die charakteristischen Rufe eines Glattwals. Bild: NOAA Fisheries

Auch andere Informationen über ihre Lebensweise sind nur spärlich. Jessica Crance gelang es beispielsweise erst 2010 zu zeigen, dass die Nordpazifischen Glattwale die einzigen Glattwale sind, die auch singen. «Ein solcher Gesang ist nicht ein melodiöser Ruf wie bei Buckelwalen. Es ist mehr eine Reihe von repetitiven, gleichklingenden Rufen», fügt Crance an. Daher war es auch ein besonderer Glücksfall, dass das Team auch Rufe bei der zweiten Sichtung aufnehmen konnte. Denn Tiere dort blieben nicht lange an der Oberfläche, sondern tauchten nach ein paar Atemzüge wieder schnell ab. Doch unter der Wasseroberfläche gelang dem Team einige wichtige Aufnahmen von Rufen der Tiere. Daneben sammelte das Team auch Daten über den arktischen Krill, von dem die Wale sich ernähren. Gepaart mit den ozeanographischen Daten erhalten die Wissenschaftler/innen so wertvolle Daten über die Lebensweise dieser scheuen Giganten. «Die Fähigkeit, Meeressäuger mit Beuteressourcen und ozeanographischen Merkmalen zu verbinden, wird es uns ermöglichen, besser zu verstehen, wie diese Tiere mit ihrer Umwelt interagieren und welche Triebkräfte hinter ihrer Bewegung und Verbreitung stehen», sagt Crance.

Obwohl die Nordpazifischen Glattwale eigentlich arktische und subarktische Regionen wohl bevorzugen, sind Tiere bis in die Baja California und bis Hawaii gesichtet worden. Doch ob sie dorthin zur Fortpflanzung ziehen, ist nicht bekannt. Bild: Mark Hoffman & Bruce Long via Wikicommons CC BY-SA 4.0

Nordpazifische Glattwale gehören zu den Bartenwalen. Gemeinsam mit den nahen Verwandten im Süden und im Atlantik und den Grönlandwalen waren sie die ersten, die dem industriellen Walfang zum Opfer fielen. Ihre langsame Schwimmweise, ihr grosser Fettanteil und ihre Gesamtgrösse von bis zu 18 Metern Länge und knapp 80 Tonnen Gewicht sorgten dafür, dass die Bestände so stark dezimiert worden waren, dass die Tiere mit nur noch knapp 100 Tieren auf der roten Liste der bedrohten Arten weit oben stehen. «Umfassende Untersuchungen wie diese sind zusammen mit passiver Akustik erforderlich, um so viel wie möglich über gefährdete Nordpazifik-Glattwale und andere Meeressäuger in den Gewässern Alaskas zu erfahren», sagt Robyn Angliss vom Alaska Fisheries Science Center. «Wir hoffen, dass dies die erste einer Reihe von wiederholenden Untersuchungen von Walen in Alaska sein wird, um diese kritischen Informationslücken zu schliessen.»

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

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