Der geheimnisvollen Ross-Robbe in der Antarktis auf der Spur | Polarjournal
Die Rossrobbe (Ommatophoca rossii) ist die kleinste der echten Robben der Antarktis und auch die am schlechtesten erforschte Art. Die gerade mal 1,8 Meter lange und knapp 180 Kilo schwere Robbe ist erkennbar an ihren dunklen Kehlstreifen, den grossen Augen und der gedrungenen Form. Nur wenig ist über diese Robbe bekannt und sie ist schwierig zu entdecken. Bild: Michael Wenger

Die Auswirkungen des Klimawandels sind in der Antarktis viel schwieriger zu erfassen als in der Arktis. Dies hängt nicht zuletzt mit der Grösse des antarktischen Kontinents und der fast doppelt so grossen Fläche der Antarktis insgesamt zusammen. Um mehr über die Auswirkungen zu erfahren, setzen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler daher immer mehr auch auf tierische Helfer. Ein südafrikanisches Projekt will nun gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Ökosysteme auf und unter dem Meereis untersuchen und gleichzeitig endlich mehr über die geheimnisvollste Robbenart der Antarktis erfahren, der Rossrobbe.

Das Projekt unter der Leitung von Professor Trevor Mcintyre von der Universität Südafrika und Doktor Mia Wege von der Universität Pretoria will die Jagd- und Ernährungsstrategien der Rossrobben im Bereich der Packeisrandzone untersuchen und so nicht nur über die Robbe selbst, sondern auch über deren Beutetiere und das Nahrungsnetz herausfinden. Unterstützt werden sie dabei vom südafrikanischen Antarktisprogramm. Denn Rossrobben sind ziemlich einzigartig in vielerlei Hinsicht im Vergleich zu ihren Verwandten wie Weddell- oder Krabbenfresserrobben. Man weiss kaum etwas über ihre Populationsgrösse und die Tiere sind sehr schwer zu entdecken.

In den Randregionen des antarktischen Meereises eine Rossrobbe zu entdecken, braucht sehr viel Glück. Denn die kleinen Robben können sich gut hinter kleinen Eishügeln verstecken. Selten sind die Tiere s gut zu sehen wie hier. Deswegen weiss man auch wenig über die Art Bild: Michael Wenger

Eine im Mai veröffentlichte Studie von Mia Wege konnte zeigen, dass Rossrobben im antarktischen Sommer weit in den offenen Ozean ziehen, um zu jagen. Wenn dann im Winter das Meereis nach Norden wächst, bleiben die Robben ihrem Standort treu und jagen vom Eisrand aus. «Rossrobben bevorzugen es, in Gewässern, die zwischen -1 und +2°C Wassertemperatur liegen, wo die Strömungen langsam sind und weg vom Eisrand im offenen Ozean zu jagen», schreiben die Autoren der Studie. Auch die Tiefe der Sprungschicht, wo sich verschiedene Wassermassen mischen, spielt eine Rolle.

Die Animation verfolgt besenderte Rossrobben östlich des Weddellmeeres (farbige Punkte) und dem Verlauf des Packeises (blaue Linie). Die Tiere ziehen im Sommer weit ins offene Südpolarmeer und bleiben auch im Winter mehr oder weniger in derselben Region. Video: Wege et al (2021) Fron Mar Sci

Die Erkenntnisse, die Mia Wege und das Team in der Studie gewonnen haben, zeigen, dass Rossrobben einerseits von den Veränderungen, die durch den Klimawandel beim Packeis entstehen, profitieren könnten, da sich die Packeisgrenze nach Süden zurückzieht und die Sprungschicht sich nach oben bewegt. Dadurch müssten die Robben nicht mehr so viel Zeit für die Jagd aufwenden, was ein Energiegewinn bedeutet. Doch gleichzeitig warnen die Forscher, dass sich die Strömungen beschleunigen und die Wassertemperaturen steigen, was sich negativ auf die Robben und ihre Beute auswirken könnte.

Um mehr über die Gewohnheiten beim Tauchen und die physiologischen Vorgänge zu erfahren, wollen die südafrikanischen Forscher Rossrobben mit Sendern versehen, die Daten aufzeichnen sollen. Ausserdem wollen die Forscher Gewebeproben sammeln, um mehr über die Beutetiere herauszufinden. Bisher ist lediglich bekannt, dass die Tiere zeitweise kleine antarktische Dorschartige jagen, besonders wenn sie im Fellwechsel sind. Auch Tintenfische stehen auf dem Speisezettel. Doch genaueres ist nicht bekannt. Vor allem fehlen Ganzjahresdaten, was mit dem neuen Projekt gefüllt werden soll. Ausserdem ist nicht bekannt, ob die Robben ein breites oder enges Beutespektrum haben. Sollten sich die Prognosen in Bezug auf die Veränderungen in den antarktischen Gewässern bewahrheiten und die Robben nur ein enges Spektrum haben, könnten die Tiere in Schwierigkeiten geraten.

Rossrobben haben enorm grossen Augen, was darauf hinweist, dass die Tiere tief tauchen können. Frühere Ergebnisse von Mia Wege zeigen, dass die Robben wohl am Schelfabhang auf die Jagd gehen. Ob sie dabei an ihre Tauchgrenzen gehen und wo diese liegen, soll nun erforscht werden. Bild: Michael Wenger

Rossrobben haben von allen antarktischen Robben die grössten Augen gemessen an ihrem Körper. Doch über die Tauchgewohnheiten ist kaum etwas bekannt. Professor Mcintyre und Mia Wege wollen mit ihrem Projekt nun herausfinden, wo die physiologischen Limiten der Tiere liegen und ob sie diese bei ihren Tauchgängen erreichen. Sollten sie dies tun, könnten die Tiere weniger flexibel auf die Veränderungen in den antarktischen Gewässern reagieren. Insgesamt hoffen die Projektleiter, möglichst viel über die geheimnisvolle Rossrobbe und ihre Umwelt zu erfahren, bevor die Tiere vielleicht auf Nimmerwiedersehen verschwunden sind.

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

Link zur Studie: Wege M, Bornemann H, Blix AS, NordØy ES, Biddle L and Bester MN (2021) Distribution and Habitat Suitability of Ross Seals in a Warming Ocean. Front. Mar. Sci. 8:659430. doi: 10.3389/fmars.2021.659430

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