Sibirische Hunde durch alten Fernhandel geformt | Polarjournal
In den heutigen arktischen Siedlungen im arktischen Russland spielen Hunde immer noch eine wichtige Rolle. Meist werden die Tiere als Schlittenhunde und als Wächter gegen Eisbären genutzt. Auch bei der Haltung der Tiere bestehen grosse unterschiedliche Auffassungen zwischen der arktischen und westlichen Kultur. Bild: Annina Egli

Der beste Freund des Menschen ist der Hund, heisst es. Dies gilt sicherlich für viele indigene Völker, in deren Kultur der Vierbeiner kaum mehr wegzudenken ist. Dazu zählen auch praktische alle arktischen Kulturen. Doch wie entstanden die widerstandsfähigen und kräftigen Hunderassen, die wir heute kennen? Diese Frage beleuchtete ein grosses internationales Forschungsteam mit einem überraschenden Ergebnis: jahrtausendalter Fernhandel spielte eine tragende Rolle.

Das internationale Forschungsteam unter der Leitung von Professor Laurent Frantz von der Ludwig-Maximilians-Universität in München kam zum Schluss, dass die Hunde, die bei den arktischen Volksgruppen im nordwestlichen Sibirien wie Nentzen gelebt hatten, während Jahrtausenden kaum mit anderen Hunderassen in Kontakt gekommen waren. Erst mit einem aufkommenden Fernhandel vor rund 2’000 Jahren, der auch mit grossen soziologischen und kulturellen Veränderungen einhergegangen war, vermischten sich die arktischen Hunde mit Rassen aus Europa und den Steppengebieten im südlichen Russland bis zum Nahen Osten. «Während sich arktische Hunde bis mindestens vor 7’000 Jahren nahezu isoliert von anderen Hundepopulationen entwickelten, zeigen die genetischen Informationen der jüngeren Hunde ab der Eisenzeit bis ins Mittelalter hinein immer wieder eine signifikante Einmischung von Hunden aus der eurasischen Steppe und aus Europa», erklärt die Hauptautorin der Studie, Dr. Tatiana Feuerborn von der Universität Kopenhagen.

Früher waren Hunde in der Arktis Schlittenhund, Arbeitstier, Jagd- und Wachgefährte, aber auch Nahrung. Heutzutage werden Schlittenhunde der Nutzung der Schlitten angepasst, je nachdem, ob für Arbeiten, für Rennen oder für touristische Zwecke verwendet. Bild: Michael Wenger

Das Team untersuchte die genetischen Informationen von Hunden aus Sibirien und Eurasien aus den verschiedensten Epochen. So konnten sie zeigen, dass ein kultureller und gesellschaftlicher Wandel, der durch die arktischen Volksgruppen gegangen war, auch die Ansprüche an die Hunde verändert hatte. «Die ursprünglichen arktischen Hunde waren vor allem Schlittenhunde», erklärt Laurent Frantz. «Als die Menschen begannen, mehr Rentierherden zu halten, benötigten sie vermutlich Hunde mit anderem Verhalten, die besser für das Hüten von Herden geeignet waren. Die Vermischung von arktischen Hunden mit anderen Populationen führte dann möglicherweise zur Entstehung von Linien, die sowohl zum Hüten geeignet als auch an die rauen klimatischen Bedingungen angepasst waren.» Ein weiterer Aspekt war die Tatsache, dass Hunde ein wertvoller Besitz gewesen sein mussten. Dadurch wurden sie zu Handelsobjekte im aufkommenden Fernhandel mit anderen Völkern. Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass ein solches Handelsnetz schon früh bestanden haben musste. Eine letztjährig veröffentlichte Studie über Glasperlen, die von Europa über das fernöstliche Russland nach Alaska gelangt waren, zeigte dies deutlich.

In der nordwestsibirischen Region Reka-Poluj am Fuss der Yamal-Halbinsel fanden Archäologen eine Grabstätte, in der über 100 Hunde begraben worden waren. Daneben fanden die Archäologen auch Beigaben, die auf den Fernhandel der dort lebenden Volksgruppen deutete. Karte: Michael Wenger via Google Earth

Hinweise für einen regen Fernhandel und die Bedeutung der Hunde für die arktischen Volksgruppen fanden Archäologen in der Region Reka-Poluj am Fuss der Yamal-Halbinsel. In einer Fundstätte kamen die Überreste von mehr als 100 Hunden zum Vorschein. Einige waren rituell begraben worden, andere zeigten Spuren von Verzehr. Gleichzeitig wurden Gegenstände aus verschiedenen Regionen wie beispielsweise der Schwarzmeer-Region und dem Nahen Osten entdeckt. Die genetischen Analysen der Hunde und auch der Vergleich mit anderen Studien zeigte, dass die Hunde der Region im Laufe der Zeit mit Rassen aus diesen Gebieten gekreuzt worden waren. Dadurch entstanden neue Linien, die für den neuen Lebensstil der zu Rentiernomaden gewordenen Völker Nordwestsibiriens geeigneter waren.

Die Polarforscher des frühen 20. Jahrhunderts setzten immer mehr auf Hunde, wie beispielsweise Amundsen auf Samjoeden-Verwandte. Dazu wurde vor allem auf die sibirischen Hunderassen gesetzt. Denn man dachte, dass sie am besten als Arbeitstiere geeignet waren. Britische Züchter versuchten dann die Tiere zu «optimieren», so dass viele der heute bekannten Rassen wie beispielsweise Samojeden daraus resultierten. Bild: Unbekannt; Wiki Commons

Die neuen Züchtungslinien hatten und haben auch heute noch Bestand. Denn in den arktischen Regionen setzt man auch heute noch auf die Kraft und die Widerstandsfähigkeit gegenüber arktischen Bedingungen und nutzt die Hunde als Arbeitskräfte, vor allem als Schlittenhunde. Die frühen Polarforscher wie Shackleton und Amundsen setzten bei den Expeditionen ebenfalls auf diese Fähigkeiten. Gleichzeitig wollte man aber die Tiere noch «optimieren» und begann mit Zuchtprogrammen. Daraus resultierten heute bekannte Rassen wie beispielsweise der Samojede. Heute ein beliebter Zuchthund, war er früher einfach ein Arbeitstier, der aber auf eine lange Linie von einst ursprünglichen Arbeitshunden im Nordwesten Sibiriens zurückblicken kann.

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

Link zur Studie: Feuerborn et al (2021) Proc Nat Ac Sci Sep 2021, 118 (39) e2100338118; Modern Siberian dog ancestry was shaped by several thousand years of Eurasian-wide trade and human dispersal; DOI: 10.1073/pnas.2100338118

Mehr zum Thema:

Print Friendly, PDF & Email

Pin It on Pinterest

Share This