Ein Schweizer in Grönlands extremen Lebensräumen | Polarjournal
Zu Grönland gehört Eis, Schnee und Gestein. Nunataqs heissen Bergspitzen, die aus dem Eis schauen. Auch die Alpen haben während der letzten Eiszeit vermutlich ähnlich ausgesehen. Foto: Christian Rixen, SLF

Eine Expedition um Nord-Grönland führte den SLF-Botaniker Christian Rixen zu den nördlichsten Pflanzen der Welt und zu Berggipfeln, die aus einem Eismeer ragen. Er berichtet, wie die Forschenden zufällig die nördlichste Insel der Welt entdeckten und über die unerwartete Begegnung mit einem Eisbären.

Grönland ist gross, sehr gross. Die Nord-Süd-Ausdehnung entspricht der von Oslo nach Sizilien. Dabei wohnen auf Grönland weniger als 60’000 Menschen. Die längste Strasse ist ca. 51 km lang, und keine zwei Siedlungen werden durch eine Strasse verbunden. Nicht zuletzt liegt in Nordost-Grönland der grösste und am wenigsten besuchte Nationalpark der Welt. Entsprechend ambitioniert war das Vorhaben, in einer 12-köpfigen Schweizerisch-Dänischen Expedition, der «Leister Expedition Around North Greenland 2021», die nördliche Hälfte von Grönland mit Helikopter und einem kleinen Flugzeug, einer Twin Otter, zu umrunden.

Die nördlichste Blütenpflanze der Welt, der Gegenblättrige Steinbrech. Auch in den Alpen ist er Rekordhalter. Er blüht auf einer Höhe von rund 4500 m. Foto: Christian Rixen, SLF

Die Expedition hatte unter anderem zum Ziel, extreme Lebensräume zu untersuchen, z.B. Pflanzen und Bodenlebewesen im höchsten Norden oder auf Berggipfeln, die aus dem Grönländischen Eis aufragen, sogenannte Nunataqs. Diese Grenzen des Lebens zu erforschen ist auch wichtig, um Veränderungen, insbesondere in Zeiten des Klimawandels zu verstehen. So waren wir gespannt, welches die nördlichste Pflanze unseres Planeten sein würde. Interessanterweise war es ein Steinbrech, und zwar dieselbe Art, die auch in den Alpen den Höhenrekord hält, nämlich auf dem Gipfel des Dom auf ca. 4’500 m Höhe.

Blick nach Süden vom Kap Morris Jesup in Nordgrönland. Im Norden liegt nur Eis, ein paar Inselchen (wo der Steinbrech auch noch vorkommt) und nach ca. 700 km der Nordpol. Foto: Christian Rixen, SLF

Obwohl die Region so abgelegen ist, wurde sie schon früher von Botanikern besucht, was interessante Schlüsse über Veränderungen bei Pflanzen zulässt. Schon 1934 kartierte der Dänische Botaniker Gelting Pflanzen bis in Höhen über 1200 m über Meer. Der Schweizer Botaniker Fritz Hans Schwarzenbach untersuchte ab den 1950er Jahren Höhenverbreitung von Pflanzen an diversen Orten Nordost Grönlands. Auch wiederholte er im Jahr 2001 Geltings Untersuchungen und fand, dass viele Pflanzenarten inzwischen in grösserer Höhe am Berg zu finden sind – vergleichbar mit unseren Forschungsergebnissen in den Schweizer Alpen.

Während ich die Pflanzen des nördlichsten Kaps Grönlands untersuchte, machten sich einige Expeditionsteilnehmende im Helikopter auf, ein noch weiter nördlich gelegenes Inselchen zu finden, das aber schon einige Jahrzehnte lang nicht mehr gesichtet wurde. Wo die Insel hätte liegen sollen, fanden sie: nur Eisschollen. Bei der weiteren Suche fand sich das Eiland jedoch ca. 800 m weiter nördlich. Erst nach der Expedition stellte sich heraus, dass kein Zweifel bestand: Die frühere nördlichste Insel war durch Sturm und Eisgang ausradiert worden, dafür ist eine neue Insel weiter nördlich entstanden. Die neue Insel braucht nun einen Namen. Der Vorschlag lautet: «Qeqertaq Avannarleq». Das ist Grönländisch und bedeutet «Insel im Norden».

Das Camp in Citronenfjord, nur noch 772 km vom Nordpol entfernt. Trotz der Lage spürten die Forscher die Wetterextreme in Grönland. Foto: Christian Rixen, SLF

Trotz der Nähe zum Nordpol konnten wir die Auswirkungen des Klimawandels hautnah miterleben. Einigen wurde der Schlafsack in der Nacht zu warm. Später erfuhren wir, dass um Mitternacht 19.8°C gemessen wurden, also fast eine Tropennacht! Zum Vergleich: Die Nachttemperaturen in Davos waren noch nie über ca. 14°C. In dieser warmen Phase hatte Grönland eines der grössten Schmelzereignisse seit Messbeginn verzeichnet. Ausserdem regnete es kurz darauf auf dem höchsten Punkt des Grönland-Eisschildes (auf 3’216 m) zu ersten Mal seit Beginn der Beobachtungen!

Der Eisbär wirkte nicht übertrieben hungrig, musste dennoch vom Camp vertrieben werden. Foto: Christian Rixen, SLF

Eine der Vorbereitungen auf die Expedition beinhaltete ein Schiesstraining für den Fall einer Begegnung mit einem Eisbären. Man geht also durchaus mit gemischten Gefühlen nach Grönland – einerseits möchte man gerne einen Eisbären sehen, anderseits bitte nicht zu nah! Auf einer Insel namens Ella wurde angenommen, dass die Chance, auf einen Eisbären zu treffen, sehr gering seien. Prompt erblickte ich auf der Rückkehr von einer Wanderung einen knuffigen Eisbären zwischen uns und unserem Camp. Der Bär wirkte weder nervös noch hungrig, bewegte sich aber doch langsam auf unser Camp zu, wo unsere Kollegen mit Feldarbeiten beschäftigt waren. Dank Funkgerät waren aber alle rasch informiert, und der Bär konnte mit mehreren Schreckschüssen verjagt werden. Eigentlich schade, denn anfangs konnten wir den Bären friedlich in seinem Territorium beobachten. Aber noch besser, dass es eine Begegnung ohne jegliches Blutvergiessen war.

Dr. Christian Rixen ist Senior Scientist am WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos. Er beschäftigt sich vor allem mit der alpinen Umwelt, Naturgefahren und den Ökosystemen in extremen Lebensräumen.

Mehr zum WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF findet man auf auf https://www.slf.ch/

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