«Eine Welt ohne Eis» | Polarjournal
Während der gesamten Dauer der Klimakonferenz stellt die Universität Genf mit dem Geneva Cryosphere Hub eine Verbindung nach Glasgow her, im Rahmen derer zahlreiche Veranstaltungen stattfinden. Bild: Screenshot Geneva Cryosphere Hub

Die 26. Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Glasgow ist in vollem Gange und die Erwartungen der Wissenschaftler und der breiten Öffentlichkeit sind hoch, dass nach dem Stecken zahlreicher Ziele endlich die nötigen Taten folgen. Doch nicht nur in Glasgow wird diskutiertund verhandelt, sondern auch an Schauplätzen weit entfernt von Schottland. So zum Beispiel in der Schweiz: Die Universität Genf stellt während der Dauer der Klimakonferenz den «Geneva Cryosphere Hub» bereit, der eine Brücke bildet von der Schweiz zum Cryosphere Pavilion in Glasgow mit öffentlich zugänglichen (Online) Veranstaltungen.

Gestern gab es nach dem Startschuss des Geneva Cryosphere Hub bereits die erste Diskussionsrunde mit dem Thema «A world without ice – How can scientists contribute to enhancing climate ambition, in Switzerland and beyond?» («Eine Welt ohne Eis — Wie können Wissenschaftler dazu beitragen, die Ambitionen für den Klimaschutz zu steigern, in der Schweiz und weltweit?»). Wir waren online dabei.

Géraldine Pflieger, Direktorin des Instituts für Umweltwissenschaften an der Universität Genf, erklärt im Video die Rolle des Geneva Cryosphere Hub. Video: Universität Genf

Mit Akteuren in Glasgow und Genf sowie weiteren online zugeschalteten ging es bei diesem Side Event um die Frage, wie das Niveau der Ambitionen im Klimaschutz angehoben werden kann, um während der Konferenz konkrete Ergebnisse zu erreichen. Sie erörterten, welche neuen wissenschaftliche Erkenntnisse erforderlich sind, um die Klimapolitik in der Schweiz und darüber hinaus zu verbessern, und welche Rolle Wissenschaftler in öffentlichen Debatten, politischen Entscheidungsprozessen und kollektiven Maßnahmen spielen.

Der Schweizer Bundespräsident Guy Parmelin eröffnete die Veranstaltung von Glasgow aus mit mahnenden Worten und lobte das große Engagement der Wissenschaftler bezüglich des Klimawandels und seine Auswirkungen auf die Kryosphäre, die kalten Zonen der Erde wie die Gletscher in den Schweizer Alpen, im Himalaya, in der Arktis und in der Antarktis. Am ersten «Sonderbericht über den Ozean und die Kryosphäre in einem sich ändernden Klima» des Weltklimarats IPCC waren auch Schweizer Wissenschaftler beteiligt.

Im Laufe der Veranstaltung, die durch mehrere Kurzvorträge von Wissenschaftlern bereichert wurde und in eine Diskussionsrunde mündete, wurde sehr deutlich, dass die Auswirkungen des Klimawandels nicht nur in für uns weit entfernten Regionen der Welt verheerend sein werden, sondern auch unmittelbar vor unserer Haustür. Die Flutkatastrophe in Westdeutschland, Belgien, Niederlande, Österreich und auch der Schweiz im Juli diesen Jahres vermittelte dies bereits eindrücklich auf tragische Weise. 

Zur Kryosphäre zählen alle Formen von Eis (außer dem Eis in den Wolken) und Schnee auf der Erde: Meereis, Schelfeis, Landeis, Gletscher, Eiskappen, Eis der Permafrostgebiete und der saisonal gefrorenen Böden. Foto: Julia Hager

Professor Jean-Marc Triscone, Vizerektor der Universität Genf, erinnerte daran, dass «die Schweiz keine sichere Insel bleiben wird», und fügte hinzu: «Die Schweiz wird die Folgen dieser Veränderungen in vollem Umfang zu spüren bekommen, da die Alpengletscher schnell schmelzen und sich die Verfügbarkeit von Wasserressourcen verändert. Gleichzeitig wird deutlich, dass überall und auf allen Ebenen gehandelt werden muss, um unsere Gesellschaft zu dekarbonisieren und die Fähigkeit unseres Planeten, Leben zu ermöglichen, zu erhalten.» 

In ihren kurzen Präsentationen machten die Wissenschaftler nochmals deutlich, wovor sie seit Monaten und Jahren warnen. So stellte Professorin Sonia Seneviratne, Klimaforscherin an der ETH Zürich, heraus, dass:

  • es weltweit häufiger zu Extremwetterereignissen wie Hitze, Dürren, Starkregen und Tropenstürmen kommen wird, die stärker ausfallen werden als bisher;
  • diese Ereignisse in allen bewohnten Regionen vorkommen werden;
  • jede Region auch die Kombination verschiedener Ereignisse erfahren wird;
  • das Risiko solcher Extreme bei einer Erwärmung von 2°C viel höher ist als bei einer Erwärmung von 1.5°C;
  • wir auch bei einer Erwärmung von 1.5°C nicht sicher sind, aber dies die beste Option ist, die wir haben.

Samuel Jaccard, Professor an der Universität Lausanne, fügte hinzu, dass die Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1.5°C uns vor dem Überschreiten von Kipppunkten bewahren wird, hoffentlich. 

In den Bergen in der Schweiz und weltweit steigen die Temperaturen ähnlich schnell wie in der Arktis, was nicht nur den Rückzug der Gletscher bedingt, sondern auch das Auftauen des Permafrostbodens im Hochgebirge wie Matthias Huss, Professor an der ETH Zürich und am WSL Birmensdorf, in seinem Vortrag anschaulich beschrieb. Fehlt das Eis im Gestein als Zement, verlieren Berghänge ihre Stabilität und stürzen mit zerstörerischer Kraft ins Tal, was ebenfalls kein Zukunftsszenario mehr ist. Und verlieren die Berge als Wassertürme der Erde ihre Gletscher, ist nicht nur einfach kein Eis mehr da, sondern in Zukunft auch kein Wasser mehr für die Menschen im Tal. Prof. Huss bezeichnete die Gletscher als «Botschafter des Klimawandels», weil sie die Veränderungen visualisieren.

In der Diskussionsrunde erörterten Botschafter Stefan Estermann (2. v.l.), Dr. Elena Manaenkova (2. v.r.) und Prof. Markus Stoffel (r.) die Rolle der Wissenschaftler bei politischen Entscheidungen im Kampf gegen den Klimawandel. Bild: Screenshot Geneva Cryosphere Hub

In der anschließenden Diskussionsrunde knüpfte Professor Markus Stoffel von der Universität Genf an die Wasserthematik an und stellte die Frage: «Wer bekommt das Wasser, wenn es knapp wird? Wird es für die Energieversorgung verwendet, bekommen es die Haushalte, die Landwirtschaft oder wird es für den Wintertourismus genutzt, um Schnee herzustellen?»

Prof. Stoffel, Botschafter Stefan Estermann, Leiter der Abteilung Wohlstand und Nachhaltigkeit im Eidgenössischen Department für auswärtige Angelegenheiten, Dr. Elena Manaenkova, Stellvertretende Generalsekretärin der Weltwetterorganisation WMO, und Dr. Sebastian König, Leitender Wissenschaftler und IPCC Focal Point der Schweiz im Bundesamt für Umwelt (BAFU), kamen in der Runde zu dem Schluss, dass noch mehr Daten notwendig sind, um die Vorhersagen zu verbessern. So muss beispielsweise das Netzwerk an Messstationen dichter werden, um die Auswirkungen des Klimawandels in einem kleineren Maßstab prognostizieren zu können.

Prof. Stoffel machte deutlich, dass die Wissenschaftler ihre neuen Erkenntnisse gegenüber Politikern immer und immer wieder wiederholen müssen, um sicherzustellen, dass die Botschaft ankommt. Jede politische Entscheidung, die das Weltklima betrifft, sollte auf Wissenschaft beruhen, sagte Dr. Manaenkova. Dr. König fügte hinzu, dass es eine große Rolle spielt, wie die Narrative von den Wissenschaftlern formuliert werden.

Von Seiten der Politik gibt es freilich mehrere Aspekte zu bedenken. Botschafter Estermann sagte in seinem Schlusswort: «Jede Lösung muss ökologisch nachhaltig, aber auch wirtschaftlich nachhaltig und sozial verträglich sein. Man muss die Menschen mitnehmen und man muss die Schwächsten mitnehmen.»

Julia Hager, PolarJournal

Link zum Geneva Cryosphere Hub (englisch und französisch): https://www.gecryohub.ch 

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