“Walk the talk?”: Rettet die COP26 in Glasgow die Erde? | Polarjournal
Während in den Sitzungszimmern der Konferenz debattiert wird, wird auf den Strassen demonstriert und endlich Handfestes zur Erreichung der Pariser Klimaziele gefordert. Foto: COP26 Coalition

Wird die COP26 in Glasgow eher wie Kopenhagen (Katastrophe) oder Paris (Durchbruch) in die Geschichte eingehen? Ist das Klimaglas halb leer oder halb voll? Zur Halbzeit könnte man den Eindruck gewinnen, es fänden gleichzeitig zwei Parallelkonferenzen statt. Je nachdem, welche Quellen man liest, könnten beide Varianten wahrscheinlich sein.

Die Massendemonstrationen im Herzen meiner alten Heimatstadt, dem alten Industriezentrum Glasgow, am Wochenende, ließen mein Herz schneller schlagen. So viele Menschen, so viel Energie. Gleichzeitig liegt so viel Frustration in der Luft. Nach einem Jahr mit Waldbränden, Starkregen, Überflutungen, Stürmen, schmelzendem Eis, steigenden Meeren hatten die Menschen auf der Straße eine klare Botschaft: unsere Regierungen tun nicht genug. Es bleibt keine Zeit, um noch mehr heiße Luft zu produzieren. Die Welt muss den Ausstoß an Treibhaugasen drastisch reduzieren – und zwar jetzt. Prominente Aktivisten warfen der Klimakonferenz Grünfärberei, „Greenwashing“ vor.

Es überrascht nicht, dass die Organisatoren, die britische Regierung unter Boris Johnson, das anders sehen. Sie betonen das Positive, stellen das bisher in Glasgow Erreichte als großen Fortschritt dar. Dabei hatten sie bereits vor Anfang des Mega-Ereignisses die Erwartungen klug gedämpft, damit viel Raum für Steigerungen, weniger für Enttäuschungen, übrigblieb.

Es mangelte im Laufe der ersten Woche tatsächlich nicht an schlagzeilentaugliche Ankündigen

Nicht alle Hauptdarsteller auf der Bühne

Während die Rückkehr der USA nach den desaströsen Trump-Jahren und die Ankunft von Joe Biden in der schottischen Stadt am Clyde ein positives Signal aussendete, glänzten einige andere Schlüsselfiguren durch ihre Abwesenheit. Die Führer von China, Russland und Brasilien blieben zu Hause. Das hätte ich nicht schlimm gefunden, wenn ihre Verhandlungsteams erfolgreiche Klimaaktionen beschließen könnten. China bleibt aber der größte Emittent von Treibhausgasen, Russland setzt weiterhin auf Öl und Gas und Brasilien zerstört den Regenwald, die „Lunge des Planeten“ in einem atemberaubenden Tempo. Damit war die Abwesenheit dieser Länderchefs nicht nur von symbolischer Bedeutung.

Der indische Premier Narendra Modi erhielt viel Aufmerksamkeit, als er ankündigte, sein Land werde bis 2030 50% seines Stroms aus erneuerbaren Quellen erzeugen, und bis 2070 das Netto-Null-Ziel erreicht haben. Optimisten betonen, dies sei ein riesiger Schritt im Vergleich zu den bisherigen Zielen. Aber 2070? Das ist viel zu weit in der Zukunft, um zur Einhaltung des 1,5°C-Ziels wesentlich beizutragen, befürchte ich.

Die Forderung nach einer maximalen Temperaturerhöhung um 1.5°C ist nicht willkürlich, sondern beruht auf den Ergebnissen des Pariser Klimaabkommens. Doch die Zeit wird knapp, das Ziel zu erreichen. Bild: I. Quaile

Gute Nachrichten für die Wälder

Es gab ein gemischtes Echo auf die Ankündigung, dass mehr als 100 Länder sich verpflichteten, die Entwaldung bis 2030 aufzuhalten, und dafür beträchtliche Geldsummen zur Verfügung stellen würden. Ein ähnliches Versprechen von 2014 war bis dato kläglich gescheitert. Die Finanzierungsverpflichtungen, inklusive einer Summe für indigene Gruppen, verliehen der Erklärung etwas mehr Gewicht. Es ist allerdings schwer, daran zu glauben, dass Brasilien unter Bolsonaro sein Versprechen einhalten wird, im Anbetracht der anhaltenden skrupellosen Zerstörung des Regenwaldes.

Wie die Wissenschaft – und die passionierten Demonstranten auf den Straßen von Glasgow – nicht müde werden zu betonen: Versprechen und Ankündigen alleine bedeuten gar nichts. Den Worten müssen Taten folgen – und zwar sofort.

Diese Skepsis bewies sich sehr schnell als begründet, als Indonesien nur einige Tage später vom Waldabkommen wieder abrückte.

Methan: der andere Klimakiller

Mehr als 100 Länder haben sich in Glasgow einer Initiative der USA und der EU angeschlossen, um den Ausstoß des Treibhausgases Methan bis 2030 um 30 Prozent im Vergleich mit 2020 zu verringern. Das könnte eine sehr wichtige Entwicklung für das Weltklima sein. Methan galt lange als 30 Mal so stark in der Klimaveränderung wie CO2. Das ist allerdings auf 100 Jahre gerechnet. Wenn man die Auswirkung über 20 Jahre nimmt, hat das Gas eine 84-mal stärkere Auswirkung als CO2.

Eine neue Analyse der Weltenergieagentur IEA beschreibt die Reduzierung des Methanausstosses durch den Umgang mit fossilen Energieträgern als die effektivste Methode, um den Klimawandel kurzfristig einzuschränken. Das könnte für den Planeten Zeit gewinnen. Eine 30 prozentige Reduktion bis 2050 könnte den Temperaturanstieg um 0,2°C verringern, so die IAE.

Leider haben einige wichtige Länder wie China, Indien und Russland die Vereinbarung nicht unterschrieben.

Kohleausstieg am Horizont?

Laut der IEA ist die Verbrennung von Kohle für 27% des globalen CO2-Austosses verantwortlich. Carbon Brief hat errechnet, dass die Welt in der “sehr nahen Zukunft aus Kohle aussteigen muss”, wenn das 1,5°C-Ziel erreichbar bleiben soll. Auch hier gab es einige interessante Ankündigungen während der ersten Woche der Konferenz.

Einige Länder versprachen, keine oder weniger Kohlekraftwerke im Ausland mehr zu finanzieren.

Überraschend wurde eine internationale Vereinbarung verkündet, um den Kohleausstieg zu beschleunigen. Die britische Regierung gab bekannt, dass 190 Länder und Organisationen, darunter einige Großbanken, sich auf „ehrgeizige Zusagen“ geeinigt hätten. Die ökonomisch bedeutenden Länder würden bis in den 2030er Jahren aus der Kohle aussteigen, der Rest der Welt in den 2040er Jahren.

Darunter war das wichtigste „Kohleland“ Europas, Polen. Das wäre eine Sensation gewesen – wenn es dabei geblieben wäre. Nur Stunden später radelte Polen zurück. Ein solches Verhalten schadet der Glaubwürdigkeit von COP26. Wenn Länder bereits im Laufe der Konferenz ihre Entscheidungen wieder zurücknehmen, fällt es schwer, sich auf Versprechen für die Zeit danach zu verlassen.

Leider haben die wichtigen Kohleländer und großen Emittenten von Treibhausgasen China und Russland die Vereinbarung auch nicht unterschrieben.

Nach der Pandemie: „business as usual“

Studien und Daten, die während der ersten COP-Woche veröffentlicht wurden, unterstrichen die Dringlichkeit der Klimasituation und die Notwendigkeit sofortigen und drastischen Handelns.

So errechnete das internationale Wissenschaftskonsortium Global Carbon Project, dass der globale Treibhausgasaustoss fast wieder das Niveau der Zeit vor Covid erreicht hat.

Am meisten machen den Experten der langfristige Aufwärtstrend der CO2-Emissionen durch Öl und Gas, sowie der Anstieg der Emissionen durch Kohle in diesem Jahr zu schaffen. Das laufe alles nicht in die Richtung „Netto-Null bis 2050“, schreiben sie. Vor allem in China habe sich die Wirtschaft erholt und damit der Ausstoß an Treibhausgasen zugenommen.

Die Gruppe hat das vom Weltklimarat berechnete CO2-Budget aktualisiert. Es zeigt, wie viel CO2 noch in die Atmosphäre entlassen werden kann, ohne die globale Erwärmung über die vereinbarte Temperaturschwelle steigen zu lassen.

Die Zahlen sind ernüchternd: Ab 2022 hat die Welt bei den jetzigen Emissionsraten nur noch 11 Jahre, wenn der Temperaturanstieg auf 1,5°C begrenzt werden soll. Dies zeige die riesige Herausforderung, vor der wir stehen und die Notwendigkeit nicht nur langfristiger sondern auch kurzfristiger Klimaverpflichtungen.

Corinne LeQuere von der britischen University of East Anglia und Mitautorin der Studie, betonte in Glasgow, es sei nicht die Pandemie, die unsere Wirtschaft grundlegend verändere, sondern die Entscheidungen, die auf der Konferenz getroffen werden.

Zeke Hausfather vom Breakthrough Institute, der nicht an der Studie beteiligt war, sagte der Nachrichtenagentur AP es sei sehr wahrscheinlich,  dass der weltweite Ausstoß an CO2 im Jahr 2022 einen neuen Rekord erreichen würde.

Foto: Beliebter Spruch in Glasgow. Schottisch für: Nicht bummeln, Klimagerechtigkeit jetzt (Foto: COP26 Coalition)

Leitautor der Studie Professor Pierre Friedlingstein vom Global Systems Institute in Exeter erklärte der schnelle Anstieg nach der Pandemie verstärke die Notwendigkeit sofortigen Handelns, um das Klima zu schützen. Man gehe wieder zurück zu einer fossilen Wirtschaft. Einige Länder versäumten die Chance, das zu vermeiden.

Es ist noch nicht zu spät

Eine Gruppe leitender Forscher überreichten einen Bericht „10 New Insights in Climate Science 2021“ an UN-Klimachefin Patricia Espinosa. Sie lenken darin die Aufmerksamkeit auf einige der wichtigsten Forschungsergebnisse.

Dr. Wendy Broadgate, Direktorin des schwedischen Future Earth Global Hub, appellierte an die Regierungen, im Laufe der Konferenz aggressive Ziele vorzulegen. Eine Reduktion des Treibhausgasausstoßes von 50% bis 2030 und Netto-Null Ziele für 2040 sei unumgänglich.

Die Gruppe warnt vor gefährlichen Rückkopplungseffekten und Kipppunkten. Sie erwähnte das beobachtete schnelle Abschmelzen des antarktischen Pine-Gletschers, das zu einem Meeresspiegelanstieg von 0,5 Meter führen könnte.

Professor Johan Rockström, Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung, betonte, dass das Nichteinhalten des 1,5°C-Ziels ein hohes Risiko für das Klimasystem bedeuten würde.

Es werde immer klarer, dass das Grönlandeis sowie die großen Wälder der Welt, die Klimakipppunkte auslösen könnten, von der ganzen Weltgemeinschaft als „Globale Öffentliche Güter“ behandelt werden müssten, um unsere Zukunft auf der Erde zu sichern.

Versprechen und Realität

Die Weltenergieagentur IEA hat die bisherigen Ankündigungen auf COP26 mit dem “Netto-Null-bis-2050-Ziel” verglichen

IEA-Chef Fatih Birol beschreibt das bisher Erreichte als “Meilenstein”. Die IEA-Analyse sieht den Temperaturanstieg bis zum Ende des Jahrhunderts bei 1,8°C – wenn alle bisherigen Versprechen tatsächlich umgesetzt würden. Es sei das erste Mal, dass Regierungen Ziele vorgelegt hätten, die die globale Erwärmung unter 2°C halten würden.

Vor der Konferenz hatte die Organisation eine Erwärmung von 2,1°C errechnet. Die Vereinten Nationen rechneten mit 2,7°C.

Allerdings betonte Birol, dass wir noch weit davon entfernt sind, das 1,5°C-Ziel in Sichtweite zu halten. Dafür müssten schnellere Fortschritte her, um den Treibhausgasausstoß zwischen heute und 2030 zu reduzieren. Es gäbe immer noch eine Lücke von 70% zwischen den vorhandenen Klimaversprechen und der notwendigen Reduzierung bis 2030. Regierungen machten zwar kühne Versprechen für die Zukunft, handelten aber kurzfristig zu wenig.

Eine am Anfang der Konferenz in Nature veröffentlichte Umfrage unter Autoren des neuesten Bericht des Weltklimarats ergab, dass sehr viele Wissenschaftler über die Zukunft besorgt sind und davon ausgehen, dass sie selbst katastrophale Veränderungen erleben werden. Sie sind skeptisch, dass die Regierungen der Welt es schaffen werden, der globalen Erwärmung Einhalt zu gebieten. Die Verhandelnden in Glasgow haben nur noch eine Woche, um konkrete Maßnahmen und kurzfristige Ziele zu vereinbaren, die den besorgten Wissenschaftlern einen etwas besseren Schlaf bescheren könnten.

Dr. Irene Quaile-Kersken

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