Neue Saurierart in Ostgrönland entdeckt | Polarjournal
Die geologischen Strukturen Grönlands sind bemerkenswert und eine Schatztruhe für Wissenschaftler. Denn auf der Insel bildet sich die Erdgeschichte beinahe wie ein illustriertes Buch ab und lässt weit in die Vergangenheit blicken. Bild: Michael Wenger

Grönland ist der Inbegriff der Arktis mit seinem eisigen Klima und den dazu angepassten Pflanzen- und Tierarten. Doch die grösste Insel der Welt war nicht immer so: Vor über 200 Millionen Jahren war Grönland erstens viel weiter südlich als heute und zweitens wohl auch die Heimat von Dinosauriern. Denn ein internationales Forschungsteam hat nördlich der Ortschaft Ittoqqotoormiit die Schädelknochen einer bisher unbekannten Saurierart entdeckt: Issi Saaneq, zu Deutsch «Kalte Knochen».

Die Schädelknochen gehörten laut dem Forscherteam zu zwei Tieren, einem jungen Erwachsenen und einem jüngeren Tier. Sie wurden zwar bereits 1994 von Paläontologen der Harvard Universität entdeckt, aber bis heute einer Gattung von Sauriern, den Plateosauriern, zugeordnet. Diese Gruppe war während der späten Trias (vor rund 220 Millionen Jahren) u.a. auch in Deutschland und der Schweiz verbreitet. Doch das Forschungsteam unter der Leitung von Professor Lars B. Clemmensen von der Universität Kopenhagen und Professor Octavio Mateus vom Museu da Lourinhã in Portugal konnten zeigen, dass die entdeckten Fossilien einer ganz neuen, unbeschriebenen Saurierart gehörten. «Die Anatomie der beiden Schädel ist in vielerlei Hinsicht einzigartig», erklärt Victor Beccari, der zurzeit sein PhD in München an der Bayrischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie, macht. «Diese Individuen gehören zu einer neuen Art.» In Anlehnung an den Fundort im ostgrönländischen Jameson-Land, erhielt die neue Art den Namen Issi Saaneq, was so viel wie «Kalte Knochen» in Grönländisch bedeutet.

Dank der gut erhaltenen und beinahe komplett vorliegenden Schädelteile gelang es Victor Beccari und seinen Kollegen, die neue Saurierart zu rekonstruieren und ein gerendertes Modell zu erstellen. Die Farbgebung der Haut beruht auf einer Vermutung der Experten. Video: Victor Beccari

Der besondere Fund wurde in einem Fjord in Jameson-Land, einer Region von Ostgrönland, gemacht. Da die Schädel beinahe komplett erhalten und auch in aussergewöhnlich gutem Zustand sind, gelang es den Forschern, dem Tier ein Gesicht zu geben und sie quasi wieder zum Leben zu erwecken. Die Untersuchungen der Schädelanatomie zeigte, dass die Tiere nicht zur bisher bekannten Gattung Plateosaurus gehörten, sondern eine eigene pflanzenfressende und auf zwei Beinen gehende Art sein mussten. Vergleiche mit anderen Fossilien zeigte, dass sie nahe mit Plateosaurus verwandt sind, aber auch Ähnlichkeiten mit Fossilien aus Brasilien aufweisen. Plateosaurus ist aber eine aus Europa, besonders aus Deutschland, der Schweiz und Frankreich bekannte Art. «Es ist aufregend, einen nahen Verwandten des bekannten Plateosaurus zu entdecken», sagt Mitautor Dr. Oliver Wings von der Martin-Luther-Universität in Halle (D). «Mehr als einhundert Individuen haben wir allein in Deutschland gefunden.» Gemäss dem Leiter der Studie, Lars B. Clemmensen, sind die Knochen rund 214 Millionen Jahre alt und stellen ein Novum dar. Denn bisher ist diese pflanzenfressende Art nur aus Ostgrönland bekannt. «Zum Zeitpunkt ihres Auftretens erlebte die Erde Veränderungen des Klimas, die es den ersten pflanzenfressenden Dinosaurier erlaubten, bis nach Europa und weiter vorzustossen», meint Professor Clemmensen. Zu diesem Zeitpunkt, dem späten Trias, zerbrach der Superkontinent Pangäa in die beiden Grosskontinente Laurasia und Gondwanaland. In ersterem waren auch Europa und Nordamerika mit Grönland zusammengefasst.

Der Fundort der Fossilien liegt im Jameson-Land, einer Region zwischen dem Scoresby-Sund und dem Kong-Oscar-Fjord. In der Zeit der späten Trias war dies der nördliche Rand des Superkontinents Pangäa und bildete eine Übergangszone zwischen dem trockenen Inland und einer feuchteren Küstenregion, wie die Forscher in ihrer Arbeit schreiben. Das Fundgebiet ist sehr reichhaltig an verschiedensten Fossilien und liefert Paläontologen einen weiten Einblick in die Erdgeschichte. Neben den verschiedensten Gruppen von altertümlichen und modernen Fischen fand man hier auch die Überreste von frühen Säugetierarten. Da am Fundort die geologischen Schichten durch tektonische Bewegungen in die Höhe gedrückt worden sind, können die Experten relativ einfach einen Blick in die Vergangenheit der Erde und deren Bewohner erhalten und sie dann mit etwas Glück am Computer wieder zum Leben erwecken. Für Grönland ist der Fund ein Glücksfall, denn es ist die erste Saurierart aus dieser Zeit, die bisher nur für Grönland beschrieben worden ist und auch die nördlichste bisher bekannte Art darstellt. Und das ist besonders bemerkenswert, weil die Sauropoden, die sich im Laufe der Evolution aus der Verwandten von Issi Saaneq entwickelt hatten, teilweise gigantische Arten hervorgebracht hatten und während 150 Millionen Jahren die Erde beherrschten.

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

Link zur Studie: Beccari, V.; Mateus, O.; Wings, O.; Milàn, J.; Clemmensen, L.B. Issi saaneq gen. et sp. nov.—A New Sauropodomorph Dinosaur from the Late Triassic (Norian) of Jameson Land, Central East Greenland. Diversity 2021, 13, 561. https://doi.org/10.3390/d13110561

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