Vierfache Odyssee für eine falsche These | Polarjournal
George W. DeLong ist am 22. August 1844 in New York City geboren. Er trat als 17-jähriger in die United States Naval Academy ein und wurde 1869 Leutnant. Am 8. Juli 1879 brach er in San Francisco mit dem Schiff Jeannette zur Klärung des Schicksals des von Adolf Erik Nordenskiöld genutzten und vermissten Schiffs Vega auf. Nach dem Einfrieren der Jeannette im Eis des Arktischen Ozeans versuchte DeLong mit der Mannschaft in den Rettungsbooten Land zu erreichen, wo er um den 30. Oktober 1881 im Mündungsdelta der Lena verstarb.

Kapitän George Washington DeLong und seine tapferen Männer werden endlich den Nordpol erobern, soviel ist klar, und sie werden auch beweisen, dass der Nordpol, ja das ganze Nordpolarmeer ein offenes, warmes Meer ist. Vielleicht kommen die Männer mit unbekannten Tieren zurück, die sie hoch im Norden entdecken werden. Vielleicht sogar mit sonnengebräunten Nordpol-Eingeborenen in Baströcken. So steht es jedenfalls in der Zeitung geschrieben, genauer im «New York Herald», und der gibt schliesslich nur die Meinung von Wissenschaftlern wieder.

Tatsächlich sind zu dieser Zeit Forscher aus allen Fachrichtungen der Erdkunde felsenfest davon überzeugt, dass das Nordpolarmeer nicht von einer meterdicken Eiskappe zugedeckt ist, sondern offenes, warmes Gewässer sein muss. Nach allem, was man zurzeit über die Erde weiss, scheinen diese Theorien dazu sogar logisch. Zum Beispiel diese: Wenn im Nordpolarsommer die Sonne 24 Stunden auf das Meer niederscheint, kann sich gar kein Eis bilden. Oder diese: Die Meeresströmungen halten das Wasser derart in Bewegung, dass eine Eisbildung unmöglich ist. Eine andere: Eine so grosse Menge an Salzwasser kann gar nicht gefrieren. Allen Theorien gemeinsam ist die Annahme, dass das offene Nordpolarmeer lediglich von einem zirkumpolaren Ring aus Eis umgeben ist, quasi als Übergangszone. Wer also zum Nordpol will, muss lediglich diesen Eisgürtel durchbrechen und hat danach freie Fahrt mit dem Schiff. Besonders beflügelt ist die Expedition von Kapitän DeLong und der «Jeannette» von einer weiteren Theorie des offenen Meeres: der Lehre des Kuroshio.

Dienstag, 8. Juli 1879, 16 Uhr im Hafen von San Francisco: Mehr als zehntausend Schaulustige jubeln, als der mit einem Dampfmotor ausgerüstete Dreimastsegler «Jeannette» den Anker lichtet.

Warme Meeresströmung

Kuroshio ist der Name einer ausgedehnten Warmwasser-Strömung im Pazifik. Sie bildet sich bei den Philippinen, fliesst der Ostküste Japans entlang und von dort weiter zwischen Ostrussland und Alaska durch die Beringsee und unter dem Eisring hindurch Richtung Nordpolarmeer. Der springende Punkt: Das warme Kuroshio-Wasser bringt den Eisgürtel der Tschuktschensee zum Schmelzen oder macht das Eis zumindest weich und brüchig. Dieser Strom ist das Gegenstück zum ebenfalls warmen Golfstrom auf der anderen Seite der Erdkugel. Und weil die beiden Ströme im Nordpolarmeer zusammenfliessen, haben wir gleich einen weiteren Grund, warum das Nordpolarmeer nicht eisbedeckt sein kann. Wer also den richtigen Zeitpunkt erwischt, kommt verhältnismässig locker durch den Eisring und von dort zum Nordpol. Einer der grössten Verfechter der Kuroshio-Theorie ist gleichzeitig einer der angesehensten Kartografen der Welt: der Deutsche August Petermann.

Er geht sogar noch einen Schritt weiter, indem er frei erfundene Karten veröffentlicht, auf denen er Grönland und das quasi gegenüberliegende Wrangel-Land als einheitliche, quer über den Nordpol verlaufende Landmasse einzeichnet. Petermann behauptet: Wer den Eisring in der Beringsee durchbrochen hat, kann danach bequem zum Nordpol laufen. Deshalb ist es auch gut möglich, dass am Nordpol Menschen leben. All diese Theorien zu beweisen, ist die Aufgabe von Kapitän George DeLong. Er soll den Eisring in der Tschuktschensee durchbrechen und zum Nordpol segeln. DeLongs Expedition gilt auch als Alternative zu den bisherigen Nordpol-Expeditionen, die alle auf der europäischen Seite über Grönland gestartet waren – und scheiterten.

DeLongs Schiff ist bestens gewappnet für diese Fahrt. Unter dem Namen «Pandora» war es schon bei der Suche nach dem in der Nordwestpassage verschollenen Sir John Franklin im Einsatz und ist somit Arktis-geprüft. Das ursprünglich englische Schiff wurde in San Francisco für DeLongs Expedition zusätzlich ausgebaut und in «Jeannette» umgetauft, benannt nach der Schwester desjenigen Mannes, der das ganze Unternehmen finanziert: des Amerikaners Gordon Bennett junior (auch wenn der amerikanische Kongress extra ein Gesetz verabschiedete, das DeLongs Vorhaben zu einer offiziellen Staats-Expedition machte).

Gordons Vater, Gordon Bennett Senior, war der Gründer der Zeitung «New York Herald» und gilt als Erfinder des Boulevard-Journalismus. Sex and Crime, das war neu, aber es verkauft sich seither bestens, genauso wie Sensationen und Abenteuer. In Zeiten wie diesen, wo auf den Landkarten noch viele weisse Flecken sind und die Industrialisierung gerade erst begonnen hat, gieren die Leser nach spektakulären Geschichten, und genau die liefert ihnen auch der Junior, seit er die Zeitung übernommen hat. Der Erfolg des «New York Herald» machte sowohl den Vater als auch den Sohn zu zwei der reichsten Männer der Welt.

Deshalb hatte Junior ein offenes Ohr, als im Winter 1874 George DeLong in sein mit weissem Marmor ausgekleidetes Büro in New York reinschneite und ihm nassforsch erklärte, dass er den Nordpol erobern wolle und finanzielle Unterstützung brauche. DeLong konnte sich dieses Auftreten leisten, denn er war zu dieser Zeit ziemlich berühmt. Er hatte sich ein halbes Jahr zuvor als Erster Offizier des Schiffes «Juanita» durch ausserordentliche Unerschrockenheit hervorgetan: Während einer Such-Aktion nach dem verschollenen Expeditionsschiff «Polaris» vor Grönland meldete er sich freiwillig für eine mehrwöchige, lebensgefährliche Suchfahrt durch das Packeis in einem kleinen Beiboot der «Juanita». DeLong wurde dafür in den Zeitungen als Held gefeiert. Der rothaarige, blauäugige, stämmige Schnurrbart-Träger mit dem warmen Blick und dem kantigen Kinn, verheiratet und Vater einer Tochter, galt mit seinen 28 Jahren als äusserst zielstrebig und ehrgeizig. Sein Lebensmotto: Do it now! In den Augen von Gordon Bennett war DeLong genau der richtige Mann, um den Nordpol zu erobern und dem «New York Herald» sensationelle Storys beziehungsweise neue Auflagenrekorde zu bescheren. Bennett besuchte den Kartographen August Petermann in Deutschland und liess sich von ihm dessen Theorien erklären. Zudem übernahm er sämtliche Kosten der «Jeannette» Expedition und liess im übrigen Kapitän DeLong freie Hand. Am 8. Juli 1879, nach fünf Jahren Vorbereitungszeit und ausführlichen Begleitartikeln im «New York Herald», geht das Abenteuer also endlich los. An Bord der Kapitän und 32 bewährte Männer, darunter zwei Inuit-Hundeschlittenführer und zwei chinesische Köche. Die «Jeannette», 44,5 Meter lang und 7,6 Meter breit, ist beladen mit 135 Tonnen Kohle und ausgerüstet unter anderem mit einer Dunkelkammer, einem tragbaren Observatorium, einer gut sortierten Bibliothek, einer Orgel und Chemikalien, in denen gefundene Pflanzen und Tiere konserviert werden sollen. Plus Girlanden aus Bogenlampen gegen die arktische Nacht aus dem Atelier Erfinders Thomas Alva Edison (dem die Erfindung der Glühlampe zu Unrecht zugeschrieben wird), die dann allerdings in der klirrenden Kälte nicht funktionierten.

Kapitän George W. DeLong trieb mit der «Jeannette» fast zwei Jahre lang im Packeis. Seinen Tod fand er aber auf dem Festland. Das war das Ende einer Ära. Die «Jeannette» in Fahrt. Mit dem Schiff sind auch sämtliche Fotografien gesunken: Es existieren keine Bilder von der Expedition.

Der Proviant reicht für drei Jahre, so lange soll die Reise höchstens dauern. Unter anderem 700 Kilo Butter, 750 Kilo Bohnen, 50 Kilo Tabak zum Rauchen und 900 Kilo Tabak zum Kauen. Plus 25 Tonnen Pemmikan: Die fade schmeckende, schmierige Mischung aus zerstossenem Dörrfleisch, Beeren und Fett wird im Verlauf der Expedition überlebenswichtig. Die Mannschaft ist guten Mutes. 

Die Meldung kommt zu spät

Aber o weh! Die «Jeannette» hat das Packeis nördlich der Aleuten noch nicht mal erreicht, da veröffentlicht zu Hause der US Coast and Geodetic Survey bahnbrechende neuste Forschungsergebnisse: Eine seiner Crews hat über mehrere Jahre das Meer in der und um die Beringstrasse auf Strömung, Temperatur, Tiefe und vieles mehr untersucht, insbesondere galt das Augenmerk dem Kuroshio-Strom. Das Ergebnis: Ja, der Kuroshio existiert. Aber seine Kraft verliert sich schon kurz nach Japan, weiter nördlich löst er sich ganz auf. Im Klartext: Es gibt kein warmes Wasser in der Tschuktschensee. Und folglich auch kein offenes Nordpolarmeer. Der Nordpol muss eisbedeckt sein. Einer der Forscher bringt es auf den Punkt: «Die Beringstrasse ist eine Sackgasse.» Und DeLongs Mission somit obsolet. Bloss: DeLong ist bereits unterwegs. Er erfährt nicht, dass er im Grunde seine Reise jetzt abbrechen kann.

Am 2. September stösst die «Jeannette» erst ins Treibeis, dann durch zwei Meter dickes Packeis. Nur fünf Tage später, am 7. September, einem Sonntag mit Schneefall und dichtem Nebel, drückt eine Eisscholle das Schiff in Schräglage, innert Minuten gefriert das Eis rundherum pickelhart. Die «Jeannette» steckt fest. Man kann nirgends auf dem Schiff gerade stehen oder sitzen.

DeLong hat zwar damit gerechnet, dass er irgendwann im Packeis eingeschlossen würde, aber nicht so früh, nicht auf dem 72. Breitengrad. Und er fragt sich besorgt: Wo bleibt das warme Wasser des Kuroshio-Stroms? Immerhin ist es tröstlich, dass das Schiff in Sicht-Distanz zu Wrangel-Land gefangen ist. DeLong behält die Ruhe. Nach zwei Monaten, Ende Oktober, sitzt das Schiff immer noch fest, und das wird sich während der Wintermonate nicht ändern. DeLong befiehlt, das Schiff winterfest zu machen.

Und natürlich gehen die ausführlichen Forschungsarbeiten weiter: Temperaturmessungen in der Luft und im Wasser, Wetter- und Tierbeobachtungen und vieles mehr. Aufgrund der Wassertemperaturmessungen gelangt DeLong mehr und mehr zur ernüchternden Ansicht, die der US Coast and Geodetic Survey zu Hause schon vor Wochen verkündet hat: Der Kuroshio-Strom fliesst nicht durch den Eisring.

Eisring? Es kommt für DeLong noch dicker: Zwar sitzt das Schiff im Packeis fest, aber die Eisdecke selber, die ist immer in Bewegung. Das nennt man Drift, und das ist den Seemännern bekannt. Akribisch beobachtet die Crew, wie die festgefrorene «Jeannette» immer ein bisschen kreuz und quer, aber alles in allem kontinuierlich vom Eis nach Westen transportiert wird. So kommt es, dass die «Jeannette» innerhalb eines Jahres definitiv nördlich von Wrangel-Land an demselben vorbeigedriftet ist. Doch wenn das möglich ist, so folgert De-Long, dann bedeutet das, dass Wrangel kein mit Grönland verbundenes Festland ist, sondern eine Insel. Die Wrangel-Insel. Womit auch August Petermanns Theorie vom Festland am Nordpol endgültig widerlegt ist. Aus dieser Erkenntnis und aus der aktuellen Situation der «Jeannette» im Packeis folgert DeLong wiederum, dass von hier bis zum Nordpol nur eines existiert: eine dicke, feste, undurchdringbare Eisdecke, die sich im Uhrzeigersinn um den Nordpol dreht. Im Klartext: Auch die Vermutung vom warmen Nordpolarmeer ist nichts mehr als eine falsche Theorie.

Die Odyssee von DeLong und seiner Mannschaft begann in San Francisco und endete im Lena Delta. Die Odyssee der Mannschaft in vier Teilen: Einer schlimmer als der andere.

Langeweile und Disziplin

Und letztlich: Dass die «Jeannette» aus eigener Kraft den Nordpol erreichen wird, ist sehr unwahrscheinlich. Nichtsdestotrotz hält DeLong die Disziplin an Bord aufrecht. Antreten der Mannschaft um 7 Uhr, Frühstück um acht. Anschliessend Arbeiten an Bord und wissenschaftliche Messungen. Nach Mittag zwei Stunden Sport auf dem Eis und die mitgeführten 40 Hunde bewegen, um 15 Uhr Mittagessen. Um 19 Uhr ein leichtes Nachtessen, Bettruhe um zehn.

Sonntags liest DeLong seiner Mannschaft Artikel aus dem Kriegsgesetz vor, gefolgt von einer Messe, DeLong vergleicht seine Mannschaft mit dem biblischen Hiob und beschwört den Durchhaltewillen. Am ersten Tag jedes Monats absolviert der Schiffsarzt einen gründlichen Gesundheits-Check an der ganzen Mannschaft.

So vergehen die Tage, Wochen und Monate. Nach 16 Monaten Gefangenschaft im Eis, es ist der letzte Tag des Jahres 1880, zieht der Kapitän Bilanz: Das Schiff ist in der Drift insgesamt 2000 Kilometer bewegt worden, hat aber in Luftlinie nur 500 Kilometer Richtung Nordwest zurückgelegt.

Mehrfach ist der Druck des Eises auf das Schiff so gross, dass die Männer fürchten, ihr letztes Stündchen habe geschlagen. Am 19. Januar hatte das Schiff tatsächlich leckgeschlagen, das Loch konnte aber repariert werden. Die Mannschaft hält sich trotzdem tapfer, man geht auf Jagd und inszeniert Theaterstücke.

Derweil macht man sich zu Hause allmählich Sorgen über den Verbleib der «Jeannette». Die Regierung schickt im Verlauf des Frühlings 1881 drei Schiffe los, um die «Jeannette» zu suchen – sie alle kehren erfolglos zurück. Weitere Rettungs-Expeditionen, eine davon in England, sind in Vorbereitung. Das Interesse der Zeitungsleser über den Verbleib von DeLong und seinen Männern ist immens.

Die «Jeannette» wird vom Eis zerdrückt und sinkt.

Das Schiff sinkt

Am 11. Juni 1881 kommt es schliesslich zur Katastrophe: Das Packeis zermalmt die «Jeannette». Eisiges Wasser flutet die Unterdecks. Kapitän DeLong befiehlt die sofortige Evakuation aufs Eis. Zwei Tage später versinkt das Schiff in die Tiefen des Meeres. Adieu, «Jeannette»! Nach 21 Monaten in der Drift stehen die 33 Männer und die Hunde nun ohne Schiff auf dem Eis. Ihre Position beträgt 77°15’ Nord 155° Ost. Der Nordpol liegt 1000 Kilometer entfernt.

Den Männern bleibt nur eine einzige Hoffnung: dass sie sich an die Küste Zentralsibiriens retten können. Aber das bedeutet: Ihnen steht ein 1500 Kilometer langer Marsch über das Eis bevor – und die mitgeführten Landkarten von August Petermann sind im Bereich Nordrussland ausgesprochen ungenau. Und die Zeit drängt. Denn wenn sie Küste nicht erreichen, bevor der harte sibirische Winter einbricht, sind ihre Überlebenschancen definitiv gleich null. Am 18. Juni brechen sie auf. Der Plan: Zu Fuss bis zu den Neusibirischen Inseln und von dort mit den Booten zum Festland.

Immerhin: Weil die Mannschaft für diesen Fall seit Monaten vorbereitet ist, sind die Männer verhältnismässig optimal ausgerüstet mit Kleidern, Nahrung, Zelten und Instrumenten. Inklusive der mitgeführten Logbücher sind das acht Tonnen Material, ordentlich verpackt auf Schlitten. Plus drei Beiboote, die nun ebenfalls über das Eis geschleppt werden müssen. Die zweite Odyssee beginnt.

Die Mannschaft floh nach dem Verlust der «Jeannette» auf das Eis.

Der lange Marsch

Der Marsch über das Eis ist die reinste Tortur. Das Eis ist wegen der Sommersonne knietief matschig und stellenweise immer wieder aufgebrochen. Im Zickzack-Kurs mühen sich die Männer ab. Was anfangs nichts half, denn die Drift machte ihnen einen Strich durch die Rechnung: Nach acht Tagen sind die Männer 30 Kilometer Richtung Süden marschiert, aber 45 Kilometer nach Norden abgedriftet. Trotzdem bleibt die Moral gut, zumindest vorläufig. Und bis jetzt ist noch kein einziges Expeditionsmitglied gestorben. DeLong gibt die Devise «Nil desperandum» aus – frei übersetzt: Wir werden niemals aufgeben.

Tag um Tag mühen sich die Männer in drei Gruppen aufgeteilt durch Matsch und Eis und über offenes Wasser, immer Richtung Süden. Die Temperaturen schwanken stark, die Kleider sind permanent nass, die Nahrung wird knapp, die Männer sind müde und zunehmend ausgelaugt. Es kommt zu Querelen. Die ersten Hunde machen schlapp und werden an ihre fitteren Artgenossen verfüttert.

Nach elf Tagen erreicht die Mannschaft eine bisher unbekannte Insel. DeLong tauft sie auf den Namen seines Sponsors Bennett-Insel und verordnet acht Tage Pause.

Nach weiteren drei Wochen anstrengendem Marsch, am 30. August, erreichen die Männer die Faddejewski-Halbinsel, einen Ausläufer der Kotelny-Insel, der grössten der Neusibirischen Inseln. Zum ersten Mal seit zwei Jahren und einem Monat spüren die ausgelaugten Männer wieder Moos und Flechten unter ihren geschundenen Füssen und können Vögel jagen. Sie kämpfen sich weitere zehn Tage zu Fuss und in den Booten weiter bis zur Semjonowski-Insel. Von hier sind es nur noch 150 Kilometer bis zum rettenden Festland – allerdings über das offene Meer.

Am Montagmorgen um halb acht, es ist der 12. September 1881, nehmen die Männer die letzte Etappe über die Laptewsee in Angriff. Die 33 Männer sind aufgeteilt in die drei mitgeschleppten Boote. Von den Hunden ist keine Handvoll mehr übrig. Doch bis jetzt ist kein einziges Todesopfer unter den Menschen zu beklagen. Und das Wetter ist so prächtig wie der neu gefasste Mut der Männer. Die grosse Überfahrt beginnt.

DeLong und die Männer seines Trupps erreichen beim Lena-Delta endlich das Festland.

Endlich festen Boden

Doch schon in der Nacht zieht ein Sturm auf. Die Boote werden in den hohen Wellen voneinander getrennt, die Gruppen verlieren Sichtkontakt. Ab jetzt ist jede Gruppe auf sich alleine gestellt.

Der Sturm ist hart. Im Boot, das DeLong anführt, kommt über 36 Stunden niemand zu Schlaf. Doch das Wetter beruhigt sich wieder. Und nach vier Tagen hat das Boot endlich Grundberührung. Trotzdem muss sich die Crew erst mühsam weitere 24 Stunden durch Schlick und Schlamm kämpfen, bis sie endlich das sichere Festland erreicht. 95 Tage nach dem Untergang der «Jeannette» steht zumindest die Crew von DeLongs Boot wieder auf festem Boden. Freude herrscht!

Aber gerettet sind die Männer deshalb noch lange nicht: Das Delta des Flusses Lena, wo sie gelandet sind, ist unglaublich gross und menschenleer. Von den anderen beiden Booten ist nichts zu sehen. Die 14 erschöpften Männer und ein Hund sind auf sich alleine gestellt. Die Landkarten sind sehr unzuverlässig. Und die Aussichten sind deprimierend: Der sibirische Winter steht vor der Tür. Die dritte Odyssee beginnt.

Tödliche Tundra

Ohne zu wissen, wie es den Kameraden in den anderen Booten ergangen ist, lassen die 14 Männer der DeLong-Gruppe ihr Boot liegen und machen sich auf den Weg ins Landesinnere in der Hoffnung, auf einheimische Jakuten zu treffen. Schon fast zynisch: Hätte der Sturm DeLongs Gruppe nur 15 Kilometer weiter westlich verschlagen, hätten die Männer mit dem Boot einen Seitenarm der Lena hochfahren können und wären innert eines Tages auf ein Jakuten-Dorf gestossen.

So aber irren die Männer durch die Wildnis Richtung Süden. Sie sind so erschöpft, dass sie wenig Jagderfolg haben, die letzten Pemmikan-Reserven müssen streng rationiert werden. Der Hund wird geschlachtet. Nachts wird es bis zu minus 50 Grad kalt. Viele Instrumente und vor allem die Logbücher werden unterwegs vergraben, um Ballast zu sparen.

Dass sie unterwegs dreimal auf leerstehende Jagdhütten stossen, ist zwar ein kleiner Trost, hilft aber letztlich auch nicht weiter: Am 6. Oktober, nach 49 Tagen Fussmarsch durch die Tundra des Lena-Deltas, stirbt der Matrose Hans Erichsen an Erfrierung und Erschöpfung und er wird vor Ort begraben.

DeLong weiss, dass Erichsen nicht der letzte Tote sein wird, wenn nicht sehr schnell Hilfe kommt. Er schickt deshalb die beiden Männer, die noch am besten beieinander sind, als Stosstrupp voraus: den Maat William Nindemann und den Matrosen Louis Noros. DeLong vermutet, dass sich das Jakuten-Dorf Kumakh-Surt vier Tagesmärsche von ihrer Stellung entfernt befindet.

Mit stählernem Willen schleppen sich Nindemann und Noros durch den Schnee – zehn Tage lang, 200 Kilometer weit, bis sie endlich von einer Gruppe jagender Jakuten gefunden und trotz massiver Verständigungsprobleme nach Kumakh-Surt gebracht werden.

Wiedersehen macht Freude

Die beiden sind so delirierend schwach, dass sie erstmal von den Jakuten aufgepäppelt werden müssen. Und wie erklärt man in Zeichensprache, dass weit weg von hier elf Männer auf ihre Rettung warten?

Nach zehn Tagen im Krankenlager tritt unverhofft der «Jeannette»-Ingenieur George Melville in die Hütte von Nindemann und Noros: Er war der Chef der zweiten Gruppe beziehungsweise eines der beiden anderen Boote. Seine Gruppe hatte die Überfahrt ebenfalls überstanden und wurde nach einem Monat in der Wildnis von indigenen Ewenken ins Dorf Bulun gerettet. Alle elf Männer seiner Gruppe sind den Umständen entsprechend wohlauf. Aber auch Melville hat keine Ahnung, was aus der dritten Gruppe unter der Führung von Charles Chipp geworden ist. Inzwischen sind seit der Überfahrt 70 Tage vergangen.

Am 5. November bricht Melville gemeinsam mit einigen Jakuten auf zur Suche nach DeLong und seinen zehn Männern. Obwohl er in 23 Tagen mehr als 2000 Kilometer im Zickzack-Kurs zurücklegt, findet er nur die Kisten mit den Logbüchern, die DeLong vergraben liess: Dank diesem Fund weiss die Welt heute bis ins letzte Detail Bescheid über die Reise der «Jeannette».

Am 21. Dezember schickt Melville von Irkutsk aus ein Telegramm nach London: Endlich erfährt die Welt, was aus der «Jeannette»-Expedition geworden ist. Gordon Bennett stellt umgehend unbeschränkt Geld zur Rettung der Mannschaft zur Verfügung. Die russische Regierung unterstützt mit ihrer Armee die Suche nach DeLong. Die Hoffnung, dass die Männer aus DeLongs Gruppe noch am Leben sind, verblassen. Die dritte Gruppe unter der Leitung von Charles Chipp bleibt verschollen.

Auf der Suche nach den Leichen von Captain De Long und seinen Gefährten.

Letzte Gewissheit

Am 16. Januar 1882 macht sich Melville erneut auf die Suche nach DeLong, diesmal ist Nindemann quasi als Ortskundiger mit dabei. Doch die Wege sind lang und beschwerlich, immer wieder bleibt der Suchtrupp in Stürmen stecken.

Am 23. März, sieben Monate, nachdem sich die Mannschaft der «Jeannette» aufs Festland gerettet hat, findet der Suchtrupp endlich DeLongs letztes Lager. Alle elf Männer sind erfroren und verhungert, schon vor Monaten. Der letzte Eintrag in DeLongs Eistagebuch datiert auf den 30. Oktober, 140 Tage nach dem Untergang der «Jeannette»: «Boyd und Görtz in der Nacht gestorben. Mr. Collins liegt im Sterben.»

Die Leichname werden in einem Felsengrab beigesetzt, Melville tauft den Ort Monument Point. Der Suchtrupp geht zurück nach Jakutsk, wo Melville am 5. Mai ein Telegramm nach Irkutsk schickt, das umgehend nach London weitergeleitet wird: «Habe Lieutnant DeLong und Begleiter gefunden, alle tot. Alle Logbücher und Aufzeichnungen gesichert. Setze Suche nach Lieutnant Chipp und dessen Gruppe fort.»

Doch die acht Männer der Gruppe von Chipp bleiben auf ewig verschollen.

Das Grab auf dem Monument Hill im Lena-Delta in Sibirien, wo 1882 die Leichen von George W. DeLong, dem Expeditionskommandanten und denen, die mit ihm umkamen, beigesetzt wurden. 

Was danach geschah

• George Melville trifft am 13. September 1882 in New York ein. Er wird international als Held gefeiert. Zwei Jahre darauf reist er erneut in die Arktis und wird später Konteradmiral. Er stirbt am 17. März 1912.

• Auch DeLong gelangt postum zu militärischer Ehre.

• 1883 werden die sterblichen Überreste von DeLong und seiner zehn Gefährten nach Amerika überführt. DeLong wird in New York mit allen Ehren beigesetzt.

• 1884 werden Wrackteile der «Jeannette» an der Ostküste Grönlands gefunden, fast 3000 Kilometer vom Unglücksort entfernt. Fridtjof Nansen macht sich aufgrund dieser Funde auf zur Fram-Expedition (1893–1896) und beweist somit die zirkumpolare Eisdrift im Nordpolarmeer.

• Im selben Jahr, 1884, veröffentlicht Emma DeLong die Log- und Tagebücher ihres verstorbenen Gatten. 1938 veröffentlicht sie ihre eigenen Memoiren. Sie stirbt 89-jährig am 25. November 1940 und wird an der Seite von George auf dem Woodlawn-Friedhof in New York beigesetzt, wo auch fünf andere Expeditions-Mitglieder ihre letzte Ruhe fanden.

• Gordon Bennett junior bleibt zeitlebens Verleger des überaus erfolgreichen «New York Herald». Er stirbt am 14. Mai 1918 in Frankreich.

• Seit der «Jeannette»-Expedition wird kein Versuch mehr unternommen, den Nordpol von der Beringstrasse aus zu erobern. Alle weiteren Versuche führen über Grönland – zu Fuss über das Eis.

• Nach eigenen, unbewiesenen Angaben reklamieren 1908 sowohl Robert Peary als auch Frederick Cook für sich, den Nordpol als erster Mensch erreicht zu haben.

• Ein Archipel aus fünf Inseln im Nordpolarmeer ist nach DeLong benannt.

• Herbert Leach stirbt 1933 als letzter der 12 Überlebenden der «Jeannette»-Expedition.

• Einen Monat lang sucht im Herbst 2016 eine russische Expedition das Wrack der «Jeannette» mit Unterwasser-Sonar. Die Suche bleibt erfolglos.

Text: Christian Hug

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