Argentinien baut ferngesteuertes Observatorium in Antarktika | Polarjournal
Noch steht nur das Grundgerüst und die Basis des neuen Observatoriums auf der Antarktisstation Belgrano II. Doch bereits ab 2022/23 soll das Teleskop installiert und bald darauf in Betrieb genommen werden (kleines Bild). Bild: CONICET / UNAHUR

Antarktika bietet für zahlreiche Wissenschaftszweige hervorragende Forschungsmöglichkeiten. Auch die Weltraumforschung zählt dazu. Denn dank der meteorologischen und atmosphärischen Bedingungen des weissen Kontinents, können Wissenschaftler von hier aus einen relativ ungestörten Blick in die Weiten des Alls werfen. Auch argentinische Forscher werden nun die Möglichkeit haben, die Weltraumforschung weiter voranzutreiben. Denn bald wird ein ferngesteuertes Weltraumteleskop in Antarktika ihnen die Möglichkeit dazu bieten.

Das geplante «Argentinische Antarktis Roboterobservatorium» ORAA wird von der argentinischen Station Belgrano II aus der Weltraumforschung zur Verfügung stehen. Bereits wurden die Fundamente und die Plattform auf der Station installiert. In dieser Saison soll nun das Gebäude selber und dessen Motorisierung, die an der Nationalen Universität von Hurlingham UNAHUR entwickelt worden ist, aufgebaut und einen Winter lang auf seine Funktion getestet werden. In der kommenden Sommersaison 2022/23 soll danach das Teleskop selbst installiert werden. Danach wird das Teleskop von Buenos Aires aus gesteuert, während das Stationspersonal den logistischen Support leistet und dafür sorgt, dass die sensible Ausrüstung vor den klimatischen Einflüssen geschützt bleibt.

Das Observatorium ist Teil des Nationalen Antarktisplanes der argentinischen Regierung und wird gemeinsam vom Argentinischen Antarktisinstitut, dem IAFE und des Nationalen Rates für wissenschaftliche und technische Forschung CONICET betrieben. «Eine der Hauptmotivationen für dieses Projekt besteht darin, eine Forschungsnische zu erkunden, in der Argentinien aufgrund seiner geografischen Lage und seiner Geschichte der Erforschung der Antarktis einen unbestreitbaren relativen Vorteil hat,» erklärt Projektleiter und Astrophysiker Dr. Mario Melita. «Der Standort des Observatoriums ist aufgrund seiner klimatischen Bedingungen ein idealer Ort: wenig Wind, niedrige Temperaturen, die die Reduzierung des „Rauschens“ in den Detektoren begünstigen.» Ausserdem sind monatelange Beobachtungen sowohl in der Dunkelheit der Polarnacht wie auch an den komplett hellen Polartagen möglich. «Damit können wir astronomische Phänomene wie binäre Sterne oder Exoplaneten studieren, da wir konstante Daten über längere Zeiträume erhalten anstatt Beobachtungen, die weiter nördlich nur acht Stunden pro Tag durchgeführt werden können», meint Dr. Melita weiter.

Für die technische Umsetzung des Observatoriums sind Wissenschaftler der Nationalen Universität Hurlingham zuständig. Sie entwickeln die Anlage, die den extremen klimatischen Bedingungen in den nächsten Jahren standhalten muss. Bild: UNAHUR

Die klimatischen Bedingungen, die den Vorteil des Standortes darstellen, sind auch die grösste Herausforderung für die technische Umsetzung der Anlage. Denn die Temperaturen an der Station Belgrano II variieren +1°C im Sommer und -25°C im Winter, wobei Temperaturen von bis zu -58°C auch möglich sind. Ausserdem sorgt die Küstennähe für eher feuchtes Klima mit Schneereichen Tagen. Auch der Wind kann ein Problem darstellen, denn vom Inlandeis her kann er schon mal bis zu 200 km/h Spitzengeschwindigkeiten erreichen. Das Ritchtey-Chretien-Teleskop ist zwar ein für extreme Klimabedingungen entwickeltes Gerät. Doch die Beobachtungen und Messungen sind enorm störungsanfällig und daher musste die Anlage und das Gebäude entsprechend geplant werden. Das drehbare Observatoriumsgebäude wurde aus Polyethylenfasern konstruiert, die Basis besteht aus galvanisiertem Stahl. Das Stationspersonal wird die Motoren warten und dafür sorgen, dass die Anlage wasserdicht bleibt.

Teleskope für die Weltraumforschung sind zwar nicht selten in Antarktika. Das südlichste steht am Südpol selbst (Bild). Doch nur drei sind solche, die für die direkte Beobachtung von Himmelskörpern verwendet werden. Bild: US Antarctic Program

Die Vorteile eines solchen Teleskops liegen für Projektleiter Dr. Melita auf der Hand: die niedrigeren Kosten. «Dieses Observatorium wird uns mehr Möglichkeiten geben, spezielle Sterne und exoplanetare Systeme zu beobachten, indem wir uns darauf beziehen, was wir bereits wissen und auf die Daten von Satellitenmissionen, zum Beispiel der TESS-Mission. Dieser Standort wird es uns ermöglichen, Daten mit einer ähnlichen Zeitbasis wie die von Satelliten zu produzieren, aber mit viel geringeren Vergleichskosten.» Insgesamt stehen gemäss Melita nur noch an zwei anderen Standorten vergleichbare Teleskope, eines auf der chinesischen Station Kunlun und eines auf der französisch-italienischen Station Concordia. Ausserdem ist das Observatorium für die argentinischen Forscher auch ein Testfall, wie Dr. Melita hervorhebt. Denn sollte das Projekt erfolgreich sein, ist geplant, ein grösseres, komplett autonom funktionierendes Observatorium zu errichten. Das grösste Hindernis aber dabei ist die Versorgung mit Energie. «Auf einem Kontinent, auf dem der überwiegende Teil der Energie mit fossilen Brennstoffen erzeugt wird, wissen wir, dass wir für den Betrieb an einem abgelegenen oder isolierten Ort, an dem es auch mehrere Monate Nacht wird, über Windenergie nachdenken müssen», sagt Dr. Melita.

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

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