Rätsel um Karibu-Massensterben gelöst | Polarjournal
Nachdem in den Jahren 1966 und 2016 die Überreste unzähliger Karibus auf zwei Inseln in der nordamerikanischen Arktis gefunden wurden, fanden Wissenschaftler nun die Ursache für das massenhafte Sterben heraus. Foto: Ben Townsend via Flickr, CC BY 2.0

Über Jahrzehnte rätselten Forscher über die Ursache mysteriöser Massensterben von Karibus in der nordamerikanischen Arktis. Im Jahr 1966 fanden Biologen Skelette von tausenden Tiere auf der St. Matthews-Insel in der Beringsee und im Sommer 2016 entdeckte ein Untersuchungsteam erneut unzählige tote Karibus, diesmal auf der 6.800 Kilometer weiter östlich gelegenen Prince Charles Island im kanadischen Nunavut. Mit Hilfe von Satellitendaten konnten Wissenschaftler der NASA nun die Ursache für das massenhafte Sterben der Tiere entschlüsseln.

Es waren dutzende Kadaver, die im Sommer 2016 über die Tundra von Prince Charles Island verstreut lagen. Laut Schätzungen waren die Tiere mindestens mehrere Wochen tot, möglicherweise seit dem Spätwinter. Einige Tiere starben im Liegen, andere sind offenbar einfach zusammengebrochen.

Genau 50 Jahre zuvor bot sich Biologen auf St. Matthews Island ein noch grausigeres Bild: 42 Tiere einer Herde, die drei Jahre zuvor noch 6.000 Karibus umfasste, suchten zwischen den skelettierten Überresten tausender Artgenossen nach Nahrung. 

Im Jahr 1966 wurden auf St. Matthews Island in der Beringsee die Überreste von einer 6.000 Tiere umfassenden Karibuherde gefunden. Nur 42 Tiere hatten überlebt. Foto: Landsat/Joshua Stevens, NASA

Karibus und Rentiere gehören zwar derselben Art (Rangifer tarandus) an aber führen nicht dieselbe Lebensweise. Die nordamerikanischen Karibus wandern in riesigen Herden über enorme Distanzen zwischen ihren Brut- und Überwinterungsgebieten, während Rentiere in Europa und Asien kaum umherziehen und teils in domestizierten Herden leben.

Gleich ob Karibu oder Rentier, beide ernähren sich von Pflanzen und Flechten, die sie auch im Winter unter dem Schnee finden. Im Spätherbst und im zeitigen Frühjahr, wenn die Schneedecke häufig von einer harten Eiskruste überzogen ist, nutzen sie ihre scharfen Hufe, um an die Nahrung zu kommen. Obwohl sich die Tiere ihre Energiereserven über den Winter gut einteilen, lief ihnen auf beiden Inseln die Zeit davon. 

Die Bedingungen auf Prince Charles Island im kanadischen Nunavut können auch im Sommer rau und unerbittlich sein, wie die Karibus im Jahr 2016 leidvoll erfahren mussten. Foto: Landsat/Joshua Stevens, NASA

Um herauszufinden, was das Massensterben bei den beiden Herden auslöste, werteten die Wissenschaftler umfangreiche Wetterdaten aus, von Satelliten und von Sensoren am Boden.  Die Ergebnisse lieferten ihnen die Antwort. Auf Prince Charles Island kam es im April 2016 zu schweren Stürmen mit starkem Schneefall, zu einer Zeit, wenn die Energiereserven der Karibus nach dem langen Winter am niedrigsten sind. Die Stürme brachten eine ungewöhnlich dichte Schneedecke und machten es für die Karibus unmöglich, ihre Nahrung zu erreichen und sie verhungerten.

Dasselbe Schicksal ereilte auch die große Herde ein halbes Jahrhundert zuvor auf St. Matthews Island. Die Wissenschaftler fanden anhand der Daten heraus, dass der Winter 1963-64 einer der härtesten war, der jemals auf den Beringsee-Inseln aufgezeichnet wurde. Die Karibus kämpften damals mit Stürmen in Orkanstärke, gefühlten Temperaturen von  minus 57,5 Grad Celsius und einer Rekordschneemenge. Auch hier stellte die hartgefrorene Schneedecke ein zu großes Hindernis für die Tiere dar. Sie fanden kaum oder keinen Zugang zu ihrer Nahrung, als sie sie am dringendsten benötigten und verhungerten ebenfalls. Zwei Jahre später lebten nur noch 42 der einst 6.000 Tiere großen Herde.

Julia Hager, PolarJournal

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