Arctic Circle Assembly 2023 – bunt, vielfältig und mit Schatten | Polarjournal
Die traditionelle Eröffnungsansprache der isländischen Regierungschefin Katrín Jakobsdottír war geprägt von klaren Worten über den Zustand der Arktis und der Welt. Sie zeigte, dass die Arktis mehr denn je vor grossen Herausforderungen steht. Foto: Arctic Circle

Die Arctic Circle Assembly ist das grösste nicht-politische Treffen arktischer Interessenvertreter weltweit. Während drei Tagen diskutierten Frauen und Männer aus allen Bereichen und Regionen der Welt über die Herausforderungen, denen die arktische Region gegenübersteht. In diesem Jahr lud der ehemalige Präsident Islands wieder ein und präsentierte einen bunten Mix an Themen, der aber die Schatten über der Region nicht zu überdecken vermochte.

Die traditionelle Ansprache von Islands Regierungschefin Katrín Jakobsdottír stand exemplarisch für das Treffen in Reykjavik. Denn es war nicht nur eine Reihe von netten Worten und Glückwünschen für die tausenden von Teilnehmerinnen und Teilnehmer der diesjährigen Arctic Circle Assembly. Mit klaren Worten warf die links-grüne Regierungschefin Licht auf die Schatten, die über ihrer Heimat und den übrigen 7 Arktisnationen und der ganzen Welt liegen. Sie nannte Russlands Invasion der Ukraine, den Konflikt im Nahen Osten, den Klimawandel und die Rückschritte bei der Gleichberechtigung klar beim Namen, als sie auf die Bedrohungen einging, denen die Arktis gegenübersteht. Die Herausforderungen seien grösser als je zuvor und Taten müssten unbedingt folgen, erklärte sie in ihrer Rede. Doch sie hob die Arktis auch als einen Ort der Kooperation hervor und dass solche Treffen wie die Arctic Circle Assembly von grosser Bedeutung für die Bewältigung der Probleme seien.

Die Heimat von rund 4 Millionen Menschen steht tatsächlich immer stärker im Fokus der Welt in vielerlei Hinsicht. Diese Vielfalt zeigte sich auch in den Themen, die von Donnerstag bis Samstag in hunderten von Präsentationen, Diskussionsrunden, an mehr oder weniger privaten Treffen zur Sprache gekommen waren. Von der oft diskutierten Energiewende über klima-relevante Forschungsarbeiten zu sozialen Herausforderungen und zunehmenden Verkehr bis hin zu den sicherheitsspezifischen Aspekten wurde informiert, debattiert, diskutiert und präsentiert.

Ein Blick auf die Liste der Themen zeigte aber, dass besonders die Themen Energie, Klima, Sicherheit und indigene Aspekte zuoberst auf der Agenda standen. Zahlreiche indigene Vertreter aus Alaska, dem arktischen Kanada, Grönland und Skandinavien waren anwesend und wiesen unermüdlich darauf hin, dass sie eine Schlüsselrolle im Netzwerk der Themen und der Lösungsfindung halten. «Wir waren schon hier, als noch niemand sonst von der Arktis sprach», erklärte uns eine Vertreterin aus Nunavut. «Unsere Erfahrungen und unser Wissen müssen mit in die Lösungen einfliessen, um auch unsere Kulturen und Traditionen zu bewahren.»

Auch in diesem Jahr wurde der Frederik-Paulsen Arctic Academic Action Award, kurz FPAAA, verliehen. Dieses Mal ging der mit 100’000 Euro dotierte Preis an den grönländischen Geologen Professor Minik Rosing. Er erhielt den renommierten Preis für seine Initiative, aus dem von Gletschern pulverisierten Gestein, dem sogenannten Gletschermehl, einerseits eine Hilfe bei der CO2-Fixierung in tropischen und temperaten Böden zu bilden und dort das Pulver auch als Dünger für die Lebensmittelversorgung zu verwenden. Andererseits kann das Gesteinsmehl im ozeanischen Umfeld zur Fixierung von CO2 genutzt werden und damit der Versauerung der Ozeane entgegenwirken.

Überhaupt waren nachhaltige Lösungsstrategien immer wieder Teil der Diskussionsrunden. Dabei zeigte sich aber, dass die Ansichten, was tatsächlich nachhaltig ist, durchaus auseinandergehen. Prominentestes Beispiel dazu ist die Nutzung von nuklearen Mikroreaktoren in arktischen Regionen zur Produktion von Wärme und Elektrizität. Während die Gegnerschaft auf die Gefahren einer solchen Technik hinweist, halten Befürworterinnen und Befürworter dagegen, dass die technische Entwicklung solcher Reaktoren massive Fortschritte gemacht habe. Die Geräte seien viel robuster und sicherer als viele der heutzutage in Betrieb stehenden Atomreaktoren auf der Welt. Ihres Erachtens schaffe der Bau und der Betrieb Arbeitsplätze in den strukturschwachen Regionen und diversifiziere die Energiequellen und man komme so schneller weg von den Dieselgeneratoren und den fossilen Brennstoffen.

Letztere waren ebenfalls öfters Teil von Diskussionen, besonders ihre Herkunft. Denn immer noch transportieren Schiffe und Pipelines enorme Mengen an Flüssiggas aus den Fördergebieten Russlands nach Europa, «zur Sicherung der Energieversorgung», wie mehrere Expertinnen und Experten immer wieder hervorhoben. Man sei aber dabei, diese Transporte und Fördermengen zu reduzieren und der Preisdeckel sei ein gewichtiges Werkzeug, um den Geldfluss nach Osten so gering wie möglich zu halten.

Überhaupt war Russland in diesem Jahr noch weiter abwesend als schon im Jahr zuvor. In vielen Diskussionen und vor allem in den Plenarsitzungen wurde das flächenmässig grösste Land der Arktis kaum genannt. Besonders wenn es darum ging, die positiven Aspekte, die durch die Kooperationen der verschiedensten Länder in der Arktis entstanden waren (Beispiel: Fischereiabkommen in der zentralen Arktis), wurde Russland dezent weggelassen. Sogar China vermied es, seinen Wirtschaftspartner explizit zu nennen. Man sei traurig über die gegenwärtige Situation war lediglich zu hören. Antworten, wie man gedenke mit Russland in Zukunft umzugehen, lieferten aber weder die Plenarsitzungen mit den hochrangigen Politikerinnen und Politikern, noch die Diskussionsrunden und Sitzungen der Expertinnen und Experten. Auch Fragen wurden selten dazu gestellt oder nur ausweichend beantwortet, da man sich nicht wirklich dazu äussern wollte. Zu heikel und vor allem zu komplex ist die Thematik und Lösungen sind bisher keine auszumachen.

Sollten solche Lösungen in den nächsten 360 Tagen gefunden werden, dann könnten am nächsten Arctic Circle Treffen 2024 die Farben vielleicht noch etwas stärker leuchten.

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

Mehr zum Thema

Print Friendly, PDF & Email
error: Content is protected !!
Share This