Reisebericht Grönland, 1. Teil | Polarjournal
Charlotta Mattsson beim Schiesstraining. Foto: Christian Rixen, SLF

SLF-Biologe Christian Rixen schreibt über seine Expedition nach Grönland auf den Spuren historischer Botaniker – und des Klimawandels.

Wir geben hier den auf der SLF-Website veröffentlichten Artikel mit freundlicher Genehmigung des Autors wieder.

Einatmen, halb ausatmen, die Hände werden ruhig, ich ziele. Peng! Getroffen. «Das wäre ein toter Eisbär», meint mein Schiesstrainer trocken. Volltreffer, genau zwischen die Augen. Ok, zweimal ging es auch daneben. Aber ein guter Treffer reicht zum Überleben im Notfall. Denn ich will nach Grönland, Vegetation untersuchen. Fernab von jeder Zivilisation, aber möglicherweise nah an Eisbären. Schiesstraining gehört da ebenso zur Vorbereitung wie ein Erste-Hilfe-Kurs.

Kopfschuss: Zielscheibe fürs Training mit dem Gewehr. Foto: Christian Rixen, SLF

Die Ursprünge in den 30er Jahren

Historische Pflanzen- und Vegetationsaufnahmen zu wiederholen, liefert wertvolle Informationen über Umweltveränderungen, wie sie zum Beispiel der Klimawandel verursacht. In Nordost-Grönland erforschte der dänische Botaniker Paul Gelting in den Jahren 1931/32 und 1934 auf der Insel Clavering Ø die Pflanzenwelt von Meeresniveau bis auf Berge von mehr als 1200 m Höhe. Er notierte dabei alle 100 Höhenmeter für circa 130 Pflanzenarten der Region, ob und in welcher Menge sie dort jeweils vorkamen.

Schwarzenbach

Der Schweizer Botaniker Fritz Hans Schwarzenbach arbeitete seit 1950 in Grönland, unter anderem auf Expeditionen mit dem berühmten dänischen Geologen Lauge Koch. Im Jahr 2001 beschloss Schwarzenbach, die Aufnahmen von Gelting zu wiederholen, und fand heraus, dass die Arten in den 70 Jahren sich im Mittel um 38m nach oben ausgebreitet hatten. Und jetzt wir.

Blick aus dem Flugzeug auf unser Reiseziel Clavering Ø. Foto: Christian Rixen, SLF

Wie unser Projekt entstand

Schwarzenbach hatte unser Forschungsteam 2011 am SLF besucht und angeregt, dass wir, der Schweizer-Grönländischen Forschungstradition folgend, basierend auf seinen früheren Daten die botanische Expedition wiederholen. In der Zwischenzeit hatte unser Forschungsteam in vielen europäischen Bergregionen Wiederholungsaufnahmen gemacht und deutliche Aufwärtstrends festgestellt. Bisher fehlte allerdings Grönland. Diesen Sommer hatten wir endlich die Möglichkeit, die langdiskutierte Studie durchzuführen, gefördert durch das EU Programm INTERACT, die Schweizerische Stiftung für Alpine Forschung (SSAF) und die Forschungsstation Zackenberg im Nordosten Grönlands.

Meine Ausrüstung. Foto: Christian Rixen, SLF

Vorbereitungen

Was gibt es nun als Vorbereitung für eine solche Grönland-Expedition zu tun? Erstens: Freude herrscht über den bewilligten Projektantrag! Also jubeln. Zweitens: Klären, wer mitkommt. Ich natürlich, klar, dann noch Andreas Gygax, Autor der Flora Helvetica und ausgezeichneter Botaniker, sowie Charlotta Mattsson, Masterstudentin an der Universität Basel. Drittens: alles weitere, und das ist viel. Das heisst, Erste-Hilfe-Kurse absolvieren, denn wir werden in sehr abgelegenen Gegenden sein, in denen eine Rettung sehr langwierig sein kann. Schiesskurse belegen, denn wir sind im Reich der Eisbären unterwegs, und die sind gefährlich. Stromversorgung gewährleisten: Wir werden viele Arbeiten mit den Smartphones und anderen Geräten durchführen; daher packen wir fünf tragbare Solarpanel mit entsprechenden Powerbanks ein. Des weiteren Erste-Hilfe-Ausrüstung für eine Expedition, Campingausrüstung, Arbeitsbücher, 15 Tafeln Schweizer Schokolade und vieles mehr.

Anreise

Wie kommt man nun eigentlich an diesen abgelegenen Ort in Grönland, wo Botaniker vor Jahrzehnten gearbeitet haben? Die einzelnen Etappen bedeuten abnehmenden Comfort und zunehmendes Abenteuer. Zunächst geht es mit dem Flugzeug von Zürich nach Reykjavik in Island (wo Andreas’ Rucksack nicht ankommt, so dass wir ihm eine komplette Ausrüstung vor Ort nachkaufen müssen), dann mit einem kleineren Inlandflug nach Akureyri. Dann nach Constable Point, einem kleinen Flugzeug-Hub in Ostgrönland. Dann geht der letzte Flug in einer kleinen Twin-Otter zur Forschungsstation Zackenberg. Zu guter Letzt müssen wir noch eine halbtägige Bootsfahrt mit einem Zodiak bewältigen, und dann sind wir, endlich am Ziel: Eskimonæs, am Südende von Clavering Ø.

Teuer wird’s… wenn Andreas einkaufen geht. Fotos (rechts nach links): Christian Rixen, SLF und Charlotta Mattsson

Aber ganz so einfach ist es natürlich nicht. Schon vor der Abreise wurden wir informiert, dass wegen ungünstiger Windrichtung viel Eis vor Clavering Ø liegt, was den Bootstransport verunmöglichen kann. Nach unserer Ankunft in Zackenberg sieht die Situation nicht unbedingt besser aus, und aktuelle Satellitenbilder lassen keine klaren Schlüsse zu. Zum Glück hat es eine Insel so an sich, dass man theoretisch auf beiden Seiten herumkommt. Der Haken daran ist, das es Flachwasserbereiche gibt, die immer weiter versanden. Bei Hochwasser könnten wir hindurch kommen, aber seit circa sieben Jahren ist niemand mehr die Route gefahren. Das bedeutet weitere Mühen und Komplikationen.

Anlanden auf Clavering Ø.

Kent, Jonas und Jonas von Zackenberg müssen diese Route zunächst auskundschaften. Sie fahren vor Hochwasser mit dem Boot los, um dann bei Hochwasser dort zu sein. Bei der Untiefe müssen sie aus dem Boot aussteigen und ziehen, um die tiefsten Stellen zu finden, die sie dann mit Holzstangen markieren. Das Ganze in schweisstreibenden Überlebensanzügen gegen die Kälte des Wassers. Später im Boot bei starkem Wind frieren sie dann um so mehr. Aber sie kommen durch, müssen dann jedoch auf der anderen Seite rund zwölf Stunden auf das nächste Hochwasser warten, um wieder zurückzukommen. Kein ganz kurzer Tag für sie, aber sie werden dafür in Zackenberg als Helden empfangen. Dann wird weitere Ausrüstung gepackt, unter anderem suchen wir weiteren Ersatz für Andreas’ Material. Seine Ausrüstung liefert ihm die Fluggesellschaft erst nach abgeschlossener Expedition nach. Zwei Tage später ist es dann so weit. Wir kommen mit dem Boot gut durch die Untiefen und können zwischen Eisschollen in Eskimonæs anlegen.

Der 2. Teil erscheint kommenden Donnerstag auf der Website des SLF und am kommenden Samstag auf der Website des Polar Journals. Darin schreibt Christian Rixen über die Arbeit der Forschenden vor Ort und ihre ersten Erkenntnisse.

Dr. Christian Rixen ist Senior Scientist am WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos. Er beschäftigt sich vor allem mit der alpinen Umwelt, Naturgefahren und den Ökosystemen in extremen Lebensräumen.

Mehr zum WLS-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF findet man auf : https: //www.slf.ch

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