Hohe Mortalität unter jungen See-Elefanten auf Südgeorgien | Polarjournal
Südliche See-Elefanten bevölkern zu Tausenden die Stränden Südgeorgiens, mitten in Pinguinen und mit zahlreichen Seevögeln als Nachbarn. Doch das bedeutet auch rascherer Kontakt mit dem global grassierenden HPAI-H5N1-Virus, welches mittlerweile unter Robben wütet. (Foto: Michael Wenger)

Dass das hochansteckende Vogelgrippevirus HPAI-H5N1 auch Meeressäuger befällt und massenhaft tötet, ist seit den zahlreichen toten Robben entlang der Küste Südamerikas bekannt. Seit Oktober ist das Virus nun auch in der Antarktis, genauer auf Südgeorgien nachgewiesen worden. Dort breitet es sich rasant über die Insel und lässt nicht nur tote Seevögel zurück, sondern könnte auch See-Elefanten befallen.

Die Britisch Antarctic Survey BAS und die Verwaltung von Südgeorgien und den Südsandwichinseln GSGSSI melden zahlreiche tote junge See-Elefanten an mehreren Orten der Inseln. Ausserdem verzeichneten die Beobachter viele Tiere an anderen Orten, die bereits Symptome einer Erkrankung zeigen, wie die BAS berichtet. Wieviele Tiere bisher genau verendet sind, ist nicht bekannt. Sicher ist, dass an sieben Stellen der Insel betroffene Tier auf der Site-Response-Liste des GSGSSI aufgeführt sind. Expertinnen und Experten befürchten, dass sich das Virus bald auch nach Antarktika ausbreiten könnte und die Tierwelt dort befallen könnte.

Die Jungtiere von See-Elefanten sind zwar gegen schlechtes Wetter gut geschützt und wachsen dank fettreicher Muttermilch rasch zu einer guten Grösse heran, um nicht von Bullen oder anderen Tieren versehentlich getötet werden. Doch gegen ein Virus sind die Kleinen kaum gewappnet. (Foto: Michael Wenger)

Interessanterweise konnte bei den toten See-Elefanten das Virus HPAI-H5N1 nicht nachgewiesen werden, anders als bei den toten Robben in Uruguay und Argentinien. Im letzteren Land hatte das Virus nach Angaben von Behörden besonders unter den See-Elefanten zu einer hohen Sterblichkeit geführt. Woran die jungen See-Elefanten auf Südgeorgien gestorben sind, wird zurzeit untersucht. Die BAS und die GSGSSI entwerfen im Moment Pläne, um mehr Proben für aussagekräftigere Resultate zu erhalten. Bis anhin wurden lediglich Stäbchenproben von toten Tieren genommen und im britischen Weybridge auf HPAI-H5N1 getestet. Gemäss der BAS waren diese Tests aber negativ und das Virus konnte nicht nachgewiesen werden.

UPDATE: Die Ursache, warum das Virus bisher nicht nachgewiesen werden konnte, erklären Dr. Michelle Wille von der Universität Melbourne und Professor Ashley Banyard von der britischen Animal and Plant Health Agency (APHA) in Weybridge mit folgender Aussage:

Erstens ist die HPAI-Infektion bei Säugetieren hochgradig neurotrop, und Kollegen haben bemerkt, dass die traditionellen nasalen (für den Nachweis von Atemwegsinfektionen) und rektalen (für den Nachweis von Magen-Darm-Infektionen) Abstriche häufig falsch-negative Ergebnisse liefern (Postel et al. 2022, Bennison et al. 2023). Es hat sich gezeigt, dass Abstrichproben nicht unbedingt ausreichen, um virale RNA bei Säugetierinfektionen nachzuweisen. Um eine HPAI-Infektion bei Säugetieren nachzuweisen, sind daher möglicherweise invasivere Probenahmen erforderlich, wie z. B. die Entnahme einer Gehirnprobe von Tierkörpern. Zu den Hindernissen, die einer invasiven Probenahme im Wege stehen, gehören jedoch das Fehlen von gut ausgebildetem Personal vor Ort, das Fehlen geeigneter Atemschutz- und persönlicher Schutzausrüstung sowie das Fehlen geeigneter Einrichtungen zur Verarbeitung der Proben. Deshalb wurden APHA-Mitarbeiter nach Südgeorgien entsandt, um die Möglichkeiten der Probenahme zu bewerten und die Teams vor Ort zu unterstützen. Es besteht die Hoffnung, dass in naher Zukunft ein gründlicherer Probensatz entnommen werden kann, um HPAI bei Säugetieren entweder zu bestätigen oder auszuschließen.

Zweitens gibt es auf der Grundlage der vollständigen HPAI-Genome von Braunen Skuas und Eissturmvögeln in der Subantarktis (und Meeressäugern in Südamerika), die in der GISAID-Sequenzdatenbank (Global Initiative on Sharing All Influenza Data) öffentlich zugänglich sind, keine Hinweise auf Mutationen (Einzelnukleotid-Polymorphismen – SNPs) in den Teilen des Virusgenoms, die für die Diagnose verwendet werden. Darüber hinaus umfasst der diagnostische Ansatz von APHA drei verschiedene Tests, die auf drei verschiedene Regionen des Virusgenoms abzielen, darunter auch hochkonservierte Regionen. Daher ist eine Dreiergruppe von Mutationen nicht nur höchst unwahrscheinlich, sondern es gibt dafür auch keine Beweise auf der Grundlage der vorliegenden Virusgenomdaten.

Während bei Erkrankungen von Säugetieren weltweit Mutationen festgestellt wurden, haben wir noch keine adaptiven Mutationen identifiziert, die auf eine Übertragung von Säugetier zu Säugetier hindeuten. Ein Hauptgrund für die explosionsartige Zunahme der Fälle bei Säugetieren ist der erhöhte Umweltdruck durch die Infektion bei Wildvögeln. Im Wesentlichen sind viele Orte ein „Ganztags-Buffet“ für räuberische und aasfressende Säugetiere, die sich durch den Verzehr von infizierten Vogelkadavern infizieren (EFSA 2023). In der Tat wurde der Verzehr von toten oder kranken Vögeln bei südamerikanischen Seelöwen beobachtet (Gamma-Toledo et al. 2023). Zweitens halten sich viele Meeressäuger in Gebieten auf, die auch von Seevögeln genutzt werden, und sind daher infiziertem Guano ausgesetzt, was zu einer Umweltexposition führt. Dies wurde in der Tat als ein wichtiger Übertragungsweg auf Robben in Nordamerika identifiziert (z. B. Lair et al. 2023, Puryear et al. 2023). Die große Zahl von Fällen bei Meeressäugern in Südamerika (und Südgeorgien) hat Experten dazu veranlasst, sich Gedanken über mögliche Virusmutationen zu machen, die eine effizientere Übertragung auf Säugetiere ermöglichen, aber diese Merkmale sind in den Genomsequenzen nicht eindeutig identifiziert worden, und es sind noch umfangreiche Arbeiten erforderlich, um diesen Punkt zu klären.

Die Karte zeigt sämtliche Landestellen Südgeorgiens, an denen Besuche normalerweise erlaubt sind. Die Farben sind Sicherheitsstufen für das HPAI-Virus gemäss dem Handbuch für Biosicherheit der GSGSSI: Gelb = Stufe 1 (offen unter Berücksichtigung der verstärkten Biosicherheitsmassnahmen); Orange = Stufe 2 (geschlossen für Touristen), rot = Stufe 3 (für alle geschlossen bis Ende der Saison) Stand der Karte: 20. November 2023. Karte: GSGSSI

Seit das Virus Mitte Oktober auf Südgeorgien, genauer auf Bird Island, nachgewiesen worden ist, hat die Verwaltung für 33 Landestellen, die von Menschen besucht werden können, Warnstufen von 1 bis 3 ausgerufen. Während Warnstufe 1 die Besuche unter Berücksichtigung verstärkter Biosicherheitsmassnahmen noch für alle erlaubt, sind touristische Besuche schon ab Warnstufe 2 nicht mehr erlaubt und bei Warnstufe 3 sind auch Forschungsarbeiten verboten. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt hat die GSGSSI für 14 Landestellen Stufe 1, für 16 Stellen (inklusive Grytviken und King Edward Point) Stufe 2 und für 3 Landestellen die Warnstufe 3 und damit die komplette Schliessung ausgerufen. Letztere betrifft auch die bekannten Landestellen St. Andrews Bay, die grösste Kolonie von Königspinguinen auf Südgeorgien und Cooper Bay, ein Sammelpunkt für die beliebten Goldschopfpinguine.

Die Schliessung von Grytviken bedeutet jedoch nur, dass Touristen nicht an Land dürfen. Die administrative Abwicklung findet wie bisher an Bord der Schiffe statt. Orte mit der Stufe 2 können nach einer genauen Überprüfung der Situation und der Tiere wieder auf Stufe 1 gehoben werden, wogegen eine Stufe 3 die Schliessung bis zum Ende der Saison bedeutet. Ob sie im darauffolgenden Jahr wieder geöffnet werden kann, hängt dann von einer Neubewertung der Orte durch die Behörden und Expertengruppen ab. Wie sich die Population der See-Elefanten auf Südgeorgien verhalten wird, die sich erst von der Abschlachtung durch Robbenjäger im 19. Jahrhundert wieder langsam erholt hat, steht noch in den Sternen.

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

Link zur Webseite für Biosicherheit der GSGSSI

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