Antarktis-Blog Teil 1 | Polarjournal
Am Anfang des Sommers, wenn das Eis im Terra Nova Bay vom Rossmeer noch mindestens 2m dick ist, kann eine Hercules direkt auf dem Eis landen. Zur Station Mario Zucchelli werden wir mit kleinen Bussen gebracht. (Foto: Matthias Jaggi / SLF)

Der Techniker des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung – SLF, Matthias Jaggi, berichtet von seiner Expedition in die Antarktis. Teil eins: die Ankunft.

Wir geben hier den auf der SLF-Website veröffentlichten Artikel mit ihrer freundlichen Genehmigung wieder.

Hallo zusammen! Ich bin Matthias Jaggi, technischer Mitarbeiter in der Gruppe Schneephysik, und darf bereits ein zweites Mal den südlichen Sommer auf der französisch-italienischen Forschungsstation Dome C in der Antarktis verbringen. Ich werde ein Experiment aufbauen mit dem Ziel, den Einfluss der Schneemetamorphose auf die Umverteilung von stabilen Sauerstoffisotopen besser zu verstehen. Aber alles schön der Reihe nach.

Die Forschungsstation liegt auf einem über 3 Kilometer mächtigen Eisschild, wovon die obersten Meter natürlich Schnee sind. Mit der Tiefe verdichtet sich der Schnee zu Firn und zuletzt zu Eis. Weil die jährlichen Niederschlagsmengen in Form von Schnee hier auf dem ostantarktischen Hochplateau sehr gering sind, bedeutet dies, dass die untersten Meter vom Eisschild sehr sehr alt sind. Der Eisschild stellt also ein perfektes Klimaarchiv dar. Man rechnet, dass man mit dem tiefsten Eis, das man über Eiskernbohrungen an die Oberfläche holt, zu ca. 1.5 Millionen Jahren altem Eis kommt.

Polarkleider. Beim Aufsticken des SLF-Logos hat die Firma mit der grossen Kelle angerührt. Dafür erkenne ich meine Kleider zwischen all den anderen von weitem. (Foto: Matthias Jaggi / SLF)

Die chemische Zusammensetzung dieser Eisbohrkerne in Abhängigkeit der Bohrtiefe können wir auf einer Zeitachse abbilden wodurch wir sehen, welche Stoffe oder Konzentrationsänderungen von Stoffen zu den globalen Warm- oder Kaltzeiten geführt haben (sehr stark vereinfacht!). In Klimamodelle integriert, erlauben diese Erkenntnisse, auch zukünftige klimatische Veränderungen abzuschätzen. Einer dieser „Stoffe“ in den Eisbohrkernen sind eben die stabilen Sauerstoffisotope, die abhängig von der mittleren Temperatur der Ozeane und Atmosphäre in einem anderen Verhältnis vorkommen. Schnee besteht aus Wasser und Wasser ist ein Molekül aus Wasserstoff und Sauerstoff. Entsprechend ist jede vom Himmel fallende Schneeflocke eine Art Informationsträger über mittlere Temperaturbedingungen der Erde. Pulverschnee bleibt jedoch nicht Pulverschnee. Der Schnee wandelt sich ständig um. In der Schneedecke verschwinden Schneekristalle und andere formen sich neu. Dieser Prozess heisst Metamorphose. Er hat zur Folge, dass auch die Sauerstoffisotope umverteilt werden. Und wie das genau abläuft, möchten wir verstehen, um später die Isotopensignale im Eisbohrkern besser interpretieren zu können.

Begrüssung auf Dome C mit einem freundlichen „Halo“. Links im Bild sieht man unser beheiztes Aussenzelt für die Quarantänezeit. (Foto: Matthias Jaggi / SLF)

Nun aber noch ein paar Worte zu der Reise. Ich bin froh, dass ich den Flug von Neuseeland in die Antarktis nicht verpasst habe. Irgendwie war ich nicht richtig im System vom IPEV (French Polar Institute Paul-Émile Victor) eingebunden und habe gewisse Informationen nicht gekriegt. Auch mehrmaliges Nachfragen hat nicht geholfen, und ich wusste nicht einmal den exakten Tag des Überfluges. Ein französischer Kollege hat dann mal meine Telefonnummer ausfindig gemacht und nach mir gefragt, wo ich dann stecke. Habe dann meine Unterkunft Hals über Kopf verlassen, um nicht noch weitere Informationen zu verpassen. Der Flug mit einer Lockheed C-130 Hercules des italienischen Militärs zur italienischen Station Mario Zucchelli an der antarktischen Küste dauerte fast acht Stunden.

Um vier Uhr morgens wurden wir im Hotel abgeholt und zur Militärbasis von Christchurch gebracht. Nach einem kurzen Sicherheitsbriefing konnten wir in die Hercules einsteigen. Nach dem Verladen des Cargos ging es um 7 Uhr los in Richtung Antarktis. (Foto: Matthias Jaggi / SLF)

Anfangs Sommer, wenn das Eis in der „Terra Nova Bay“ im Rossmeer noch mindestens zwei Meter dick ist, kann die Maschine direkt darauf landen. Die Küstenstationen sind unter anderem Hub und Umschlagplatz für die Weiterreise ins antarktische Inland. Je nach Wetter und Verfügbarkeit von den kleineren Flugzeugen wie der umgebauten DC-3 (Basler BT-67) oder den Twin Ottern verbringt man ein paar Tage auf einer solchen Station.

Dies hat natürlich auch Vorteile, denn in der Zwischenzeit kann man im erlaubten Rahmen die Umgebung erkunden. Leider war es dieses Jahr wegen der Vogelgrippe nicht erlaubt, in die Nähe der Pinguinkolonien zu gehen. Nichtsdestotrotz geben die hüglige, granitartige Landschaft, das offene Wasser weit draussen, der auftauende Eisgürtel mit all seinen weiss-bläulichen Farbnuancen und die ins Meer fallenden Gletscher im Hintergrund mehr als genug her, um erkundet zu werden. Und nebst der italienischen Gastfreundschaft und einer richtigen Siebträgermaschine für Espresso gab es sogar eine Gelato Machine, wo man sich Gelato cioccolata fondente herauslassen konnte – verrückt.

In 2.5 Stunden gelangt man zur nächstgrösseren Bucht, wo sich die Adeliepinguinkolonie befinden würde. Wegen der Vogelgrippe will man jedoch den Kontakt zwischen Mensch und Wildtier möglichst vermeiden, was wir auch respektiert haben. (Foto: Matthias Jaggi / SLF)

Der erste Flug nach Dome C war im Wesentlichen ein Cargoflug mit zusätzlich sechs Sitzplätzen, die mit Einzelpersonen besetzt wurden. Die Gruppe von EPICA, die nach dem ältesten Eis bohren wird, wollte die Flugkoordination zusammenlassen. So hatte ich das Glück, auf dem ersten Flug zu sein. Angekommen auf Dome C mussten wir als erstes einen PCR Test für Covid machen. Alle negativ. Trotzdem hatten wir andere Essenszeiten und wurden in einem beheizten Zelt neben der Hauptstation einquartiert. Wegen der dünneren Atmosphäre über den Polen entspricht die Höhe von Dome C einem 4000er in den Alpen. Leute können also höhenkrank werden (mir ist das beim ersten Mal passiert) und die Kombination aus Höhenkrankheit und Covid kann ernsthafte Folgen haben. Die Betreiber der Station versuchen also, die Neuankömmlinge zuerst ein bisschen auf Distanz zu halten. Und prompt war mein Bettnachbar am zweiten Tag unserer Quarantäne „light“ positiv, womit sich unsere Quarantänezeit nochmals um weitere drei Tage verlängert hat. Der Arme wurde dann in die wirkliche Quarantäne verschoben, ein beheizter Schiffscontainer mit einem winzigen Fenster.

Zimmerbezug. Die Quarantäne verbringen wir in diesem gemütlichen Zelt mit richtigen Betten. Je näher das Bett am Ofen, desto wärmer. Bei den Betten am Eingang ist es dagegen ganz schön kühl. (Foto: Matthias Jaggi / SLF)

Die Quarantäne ist definitiv ein bisschen langweilig, hat aber den grossen Vorteil, dass ich mich körperlich nicht übertun kann und somit das Risiko einer Höhenkrankheit reduziert wird. Der morgige PCR Test wird zeigen, ob wir mit den Arbeiten und Experimenten beginnen können. Mehr dazu später.

Matthias Jaggi ist technischer Mitarbeiter in der Forschungseinheit „Schnee und Atmosphäre“ des SLF, wo er die Kältelabors des Instituts leitet. Als Ingenieur entwickelt er technische Lösungen und entwirft Experimente zur Messung von Schnee und Eis. Er plant, berät und führt regelmäßig Feldkampagnen zur Schneephysik in den Polarregionen durch.

Weitere Informationen über das Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF: https://www.slf.ch

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