COP28 in Dubai – Keine Rettung für Eis und Schnee | Polarjournal
Hier, mitten auf dem COP28-Gelände, wird der zukünftige Rand des Meeres liegen, wenn wir weiter wie bisher Treibhausgase ausstoßen und das Polareis abschmelzen lassen. Die Aktion wurde von der International Cryosphere Climate Initiative während der Konferenz organisiert. (Foto: I. Quaile)

Ist die Abschlusserklärung der Klimakonferenz COP28 in Dubai tatsächlich das als „historisch“ bezeichnete Abkommen oder nur ein schwaches, als kleinster gemeinsamer Nenner verschiedenster Interessenvertreter gefundener Kompromiss ohne Zähne? Dr. Irene Quaile-Kersken, die der Konferenz vor Ort folgte, erklärt in ihrem Blog, warum sie eher auf Letzteres tendiert und die Chancen für die Eiswelten in den Polar- und Alpinregionen schwinden sieht.

Ich bin mit gemischten Gefühlen nach Dubai zur UN-Klimakonferenz gefahren. Einerseits war ich aufgrund des Veranstaltungsorts und der Konferenzleitung skeptisch. Anderseits war mir klar, dass dies eine Art letzte Chance darstellte. Extreme Wetterbedingungen hielten die Welt in Atem – während das Zeitfenster, um den Klimawandel aufzuhalten, immer kleiner wurde. Könnte die aktive Teilnahme der Ölwirtschaft zum schnellen Handeln beitragen, die Energiewende beschleunigen, den Treibhausgasausstoß vermindern, um das Abschmelzen der Kryosphäre, der eis- und schneebedeckten Regionen der Erde, zumindest zu verlangsamen? Die katastrophalen globalen Konsequenzen vermindern?

Würde diese Konferenz endlich den Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen beschließen? Dann hätten wir wenigstens eine Chance, den Klimawandel zu verlangsamen und die Anpassung voranzutreiben. Die “globale Bestandsaufnahme”, die in Dubai anstand, konnte eigentlich nur dorthin führe. Oder?

COP28 Expo-City in Dubai (Foto: I. Quaile)

Ausstieg – oder langsamer Übergang…

Mit meiner Skepsis lag ich leider richtig. Nach der üblichen Verlängerung und den letzten fieberhaften Gesprächen kam ein Text zustande, der als historisch angepriesen wird. Schließlich wurden zum ersten Mal in 30 Jahren Verhandlungen (unglaublich, aber wahr) fossile Brennstoffe, die Hauptursache der Klimakrise, tatsächlich im Text benannt. Statt Ausstieg wurde aber lediglich ein vager “Übergang”, weg von fossilen Brennstoffen, beschlossen. Den Optimismus, der uns von vielen Kreisen nahegelegt wird, kann ich nicht teilen. Dies soll der Anfang eines besseren Zeitalters sein? Dabei hatten 130 der 198 in Dubai vertretenen Länder für einen “Ausstieg” plädiert. Leider blockierten Länder wie Saudi-Arabien diese Wortwahl. In der Zwischenzeit hat der COP28-Präsident Sultan Al-Jaber seine Absicht klar gemacht, fossile Brennstoffe solange weiter zu verkaufen, wie Länder bereit sind, sie zu kaufen. (Ja, es gehören natürlich immer zwei Seiten dazu).

Delegierte beobachten eine Klimademonstration aus sicherer Entfernung. (Foto: I. Quaile)

Für Eric Rignot, Professor an der University of California, Irvine, war der Abschluss der Konferenz noch nicht mal ein kleiner Schritt nach vorne. Er sieht darin eher eine Ungerechtigkeit armen Ländern und jungen Menschen rund um den Globus gegenüber, aber auch all denen, die von fossilen Brennstoffen keinen Gewinn machen, die aber als erste die Auswirkungen zu spüren bekommen. Die Wissenschaft werde nicht gehört. “Wir Wissenschaftler müssten uns noch viel stärker einbringen”, schrieb er mir in einer E-Mail.

Ich habe allerdings im Vorfeld und während der COP ganz viele Wissenschaftler getroffen, die genau das tun. Eis- und Schneeexperten hatten eine klare Botschaft an die Klimakonferenz. Um die Kryosphäre zu schützen, unsere Eisschilde, Gletscher, das Meereis, den Permafrost zu schützen, muss der Temperaturanstieg auf höchstens 1.5°C begrenzt werden. Dafür muss der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen so schnell wie möglich geschehen.

Die Eis- und Meeresexperten Chris Stokes, Sian Henley und Robbie Mallett erklären, dass die Forderung nach einem Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen durchaus wissenschaftlich untermauert ist. (Foto: I. Quaile)

Die International Cryosphere Climate Initiative hatte wie auf vergangenen Weltklimakonferenzen einen Pavillon, der ganz der Kryosphäre gewidmet war. Die Präsentationen sind noch online verfügbar. Aber nicht nur dort erzählten Wissenschaftler über die Notwendigkeit, die eisigen Gebiete zu schützen. Viele Länder boten ihnen eine Bühne. Bei einer Veranstaltung im Pavillon Chiles hörte ich wie Polar- und Ozeanexperten empört gerade bekannt gewordene Äußerungen des COP-Präsidenten Al-Jaber widerlegten. Dieser hatte behauptet, es gäbe keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, die einen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen nahelegten.

Heißes Interesse an Eis und Schnee

In den Monaten vor der wichtigen Klimakonferenz war das Interesse an den Polar- und den höchsten Bergregionen gestiegen.

Im Juni hatten Wissenschaftler auf der Vorbereitungskonferenz am UN-Klimasekretariat in Bonn auf das schnell fortschreitende Abschmelzen des Eises aufmerksam gemacht. Dies habe die schlimmsten Szenarien des Weltklimarats überholt.

Ein Bericht über das Himalayagebiet belegte, dass Gletscher dort 65% schneller abschmelzen als im vorhergegangenen Jahrzehnt. Die Auswirkungen würden ein Viertel der Weltbevölkerung treffen.

Im November veranstaltete Frankreich einen Polargipfel. Auf der Veranstaltung trat Paris der Ländergruppe Ambition on Melting Ice (AMI) high-level group on Sea-level Rise and Mountain Water Resources bei. Die auf der letzten Klimakonferenz in Ägypten gegründete Allianz hat sich zum Ziel gesetzt, sowohl Politikern als auch der Allgemeinheit klar zu machen, dass der Verlust der Kryosphäre verheerende globale Auswirkungen hat.

Zum Auftakt der Klimakonferenz wurde der Bericht:The State of the Cryosphere 2023 – Two Degrees is Too High veröffentlicht. Er stellt fest, dass eine globale Erwärmung von nur 2°C bereits unumkehrbare Eisverluste bedeuten würde, mit katastrophalen Auswirkungen für Millionen Menschen und die Natur.

UN-Generalsekretär Antonie Guterres besuchte in den Wochen vor der Konferenz sowohl das Himalayagebiet als auch die Antarktis. An beiden Orten erschreckten ihn die rasch fortschreitenden klimatischen Veränderungen.

Schön, aber zerbrechlich. Das Gletschereis schmilzt einfach weiter. (Foto: I. Quaile)

“Verrückt”, die Wissenschaft zu ignorieren

Ein Brief, in dem Wissenschaftler das Einhalten des 1,5°C-Ziels fordern, um die Kryosphäre zu schützen, “Cryosphere Call to Action” erhielt kurz vor dem mit Spannung erwarteten Konferenzabschluß 1.000 Unterschriften.

Nach den erschreckenden Klimakatastrophen – unter anderem Überflutungen, der Eisverlust der Schweizer Gletscher, Waldbrände in Permafrostgebieten, fehlendes Meereis in der Antarktis – beschreiben die Wissenschaftler der trotz aller Klimaversprechen seit dem Pariser Abkommen 2015 weiter steigende Treibhausgasausstoß als “Verrücktheit”.  2023 sei man bei 424 ppm angekommen. Damit sei die CO2-Konzentration in der Atmosphäre höher als jemals in den letzten 3 Millionen Jahren. Das Jahr werde bei weitem das wärmste seit Anfang der Aufzeichnungen sein.

Jedes Zehntelgrad Temperaturanstieg führe zu noch schwerwiegenderen Auswirkungen, vor allem wenn man das 1,5°C-Ziel überschreite.

Messungen zur Ozeanversauerung in der Arktis, (Foto: I. Quaile)

Hört überhaupt jemand zu?

Seit dem Pariser Abkommen 2015 sind unsere Erkenntnisse über die Polarregionen schnell vorangeschritten. Der Wissensstand hat die Berichte des Weltklimarats mit einer erschreckenden Geschwindigkeit überholt. Deshalb verlangten die Wissenschaftler von den Gipfelteilnehmern in Dubai einen klaren Fahrplan für den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen, der die Einhaltung des 1,5°C-Ziels ermöglichen würde.

Ich hatte das Gefühl, dass viele Delegierte den Wissenschaftlern mit Aufmerksamkeit zuhörten. Das Ergebnis scheint das aber nicht zu bestätigen. Es wurde weder der Ausstieg noch ein verbindlicher Fahrplan vereinbart. Laut dem Appel der 1‘000 Wissenschaftler wird das verheerende Auswirkungen haben. Die Regierungen werden der Menschheit für Jahrhunderte bis Jahrtausende eine Last auferlegen, schreiben sie. Hunderte von Millionen Menschen in Küstengebieten werden ihre Heimat verlieren. Viele Gemeinden werden ihre Trinkwasservorräte verlieren. Sensible Ökosysteme werden aus dem Gleichgewicht geraten; und künftige Generationen werden mit langfristigen Emissionen von tauendem Permafrost klarkommen müssen.

Bewegende Skulptur auf der COP28 zeigt die Zusammengehörigkeit im Angesicht des Klimawandels. (Foto: I. Quaile)

Hätten Sultan Al-Jaber und die anderen Entscheidungsträger in Dubai auf die Wissenschaft gehört, wäre ein Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas mit einem klaren verbindlichen Fahrplan beschlossen worden

Selbst heute, bei 1.2°C Erwärmung, verlieren wir schon so viel Eis, sagte Dr. James Kirkham, Chefwissenschaftler der Länderallianz AMI, die bei einem Ministertreffen in Dubai auf die verheerenden globalen Auswirkungen der Eisschmelze auf Küsten, Wasservorräte und die Nahrungsmittelsicherheit aufmerksam machte. Selbst 1.5°C ist eigentlich zu hoch, so Kirkham.

“Die Mächtigen der Welt müssen verstehen, dass die Konsequenzen global und meist unumkehrbar sein werden”, sagte Dr. Florence Colleoni, vom Antarktisforschungskomitee SCAR. “Und es hat alles damit zu tun, wieviel CO2 aus fossilen Brennstoffen wir in die Atmosphäre pumpen”, so die Wissenschaftlerin weiter.

Schmelzendes Eis, steigende Meere selbst in der Wüste

Kirkham und Colleoni nahmen mit Kolleginnen und Kollegen an einer Demonstration teil. Dabei zeigten sie, wie ein Meeresspiegelanstieg von 10 Metern den Konferenzort überfluten würde.

Die Aktion wurde von der International Cryosphere Climate Initiative organisiert. Ex-Diplomatin Pam Pearson, Leiterin der Organisation, ist enttäuscht vom Ausgang der Konferenz. Das Wort “Kryosphäre” vermisst sie in dem Abschlusstext. Dabei liefere die Kryosphäre unschlagbare Argumente für das 1,5°C-Ziel und den schnellen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen.

Delegierte von den Philippinen und Indonesien unterstützen die ICCI-Aktion der Wissenschaft während der COP28. (Foto: I. Quaile)

Viele Medien bezeichneten den Abschlusstext als “historisch”. Es fehlten aber konkrete Angaben für die Reduzierung der Emissionen. Außerdem habe man immer noch nicht den endgültigen Ausstieg aus der Kohleverbrennung beschlossen. Insgesamt habe man nicht auf die Eisforscher gehört.

Der Appell der Wissenschaftler habe aber immerhin dazu beigetragen, dass die nächsten Klimaziele, die von den Ländern einzureichen sind, “im Einklang mit den Erkenntnissen der Wissenschaft” den Temperaturanstieg auf 1,5°C und nicht auf 2°C. begrenzen sollen.

Pam Pearson von der ICCI in Dubai. (Foto: I. Quaile)

Tragödie für den Planeten – Traumhafter Abschluss für die fossile Wirtschaft?

“Im Endeffekt ist es dem Klima egal, von wem die Treibhausgase ausgestoßen werden,” heißt es in einem Leitartikel der Publikation Nature. “Der einzige gangbare Weg nach vorne ist, dass alle so schnell wie möglich aus fast allen fossilen Brennstoffen aussteigen.”

Mehr als 120 Länder versprachen, bis 2030 die globale Kapazität an erneuerbaren Energien zu verdreifachen. Das sehen die Autoren des Artikels als großen Schritt nach vorne, “zum Teil, weil es hier um Handeln in der nahen Zukunft geht, nicht nur um langfristige Hoffnungen”.

Politische Führer würden unter Druck kommen, wenn Konzerne ihre fossilen Ressourcen nicht mehr zutage fördern dürften. Länder wie die Vereinigen Arabischen Emirate oder die Vereinigten Staaten müssten andere Einkommensmöglichkeiten suchen und neue Arbeitsplätze kreieren. Die ärmsten dürften nicht am meisten unter der Energiewende leiden. Dies sei nicht nur moralisch richtig, sondern auch notwendig, damit es keine negative Reaktion auf die klimapolitischen Maßnahmen gebe, so die Autoren weiter.

Die Welt werde voraussichtlich in nächster Zukunft das 1.5°C Ziel verfehlen. Dies sei aber sowieso keine magische Zahl. Man habe in diesem Jahr bereits erlebt, dass kein Erwärmungsniveau mit Sicherheit verbunden sei. Jedes Zehntelgrad mache einen Unterschied. Die Hauptagenda müsse sein, den Treibhausgasausstoß so schnell wie möglich zu reduzieren.

COPs allein können die Welt nicht retten

In Dubai waren um die 100‘000 Delegierte. Ich möchte nicht ausrechnen, wie viele Emissionen wir verursacht haben. Ja, ich zähle auch dazu. Ich rechtfertigte meine Teilnahme im Interesse eines höheren Zieles: eines ehrgeizigen und nachvollziehbaren Ausgangs. Aber nach diesem Abschluss habe ich ein schlechtes Gewissen. Es war alles andere, als der Abschluss, den ich erhofft hatte. An einem Konferenzort mit extremer Luftverschmutzung, einem riesigen Autoverkehrsaufkommen, Hochhäuser, Beton, Privatstränden, wuchsen meine Zweifel an der Zweckmäßigkeit dieser Weltklimakonferenzen.

Die Klimaforscherin Susana Hancock demonstriert, wie der Meeresspiegelanstieg die prestigeträchtige Palme in Dubai überfluten wird. (Foto: I. Quaile)

Trotz des ganzen Aufwands kann zum Schluss ein einzelnes Land den ganzen Prozess blockieren – wie in diesem Fall Saudi-Arabien und andere Ölproduzenten.

Es gab ein Lippenbekenntnis zu fossilen Brennstoffen als Ursache des Klimawandels. Aber der Ausstieg ist verzögert worden. Die Ölproduzenten habe mehr Zeit, um mehr Öl zu verkaufen, größere Schäden anzurichten – mehr Zeit, in der das Eis weiter schmelzen kann.

Professor Eric Rignot bezeichnet das Ganze als “Tanz des Kompromisses, entgegen den wissenschaftlichen Erkenntnissen.”

Man erzeuge die Illusion, dass die Gefahr irgendwo in der weit entfernten Zukunft liege. Dabei seien wir bereits mitten im Wandel.

Proteste anlässlich des COP28 in Dubai. (Foto: I. Quaile)

Die Welt kann nicht die nächste COP abwarten. Diese wird in Aserbaidschan stattfinden – also noch einmal in einem Land, das durch die Ölförderung verdient. Jeder Tag zählt. Die Allianz der Länder, die zu ehrgeizigeren Klimazielen bereit sind, muss vorpreschen. Fortschrittliche Kräfte in Industrie und Wirtschaft, die die Vorteile der Energiewende verstehen, ebenso. Und wir, die wir wahrnehmen, wie der Klimawandel unsere Welt verändert, müssen unsere Macht als Verbraucher nutzen. Wir haben die Möglichkeit, unser Konsumverhalten zu ändern. Unsere Regierungen müssen dafür die Voraussetzungen schaffen.

Die Wissenschaftler haben mehr als genügend Beweise geliefert. Die Konferenzteilnehmer konnten das nicht in einen Fahrplan für eine nachhaltige Zukunft umwandeln.

Es sieht aus, als wäre es jetzt unsere Aufgabe.

Link zum Blog von Dr. Irene Quaile-Kersken:

Aktueller Blog: https://iceblog.org

Älterer Blog: https://blogs.dw.com/ice/ 

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