Gefährden Zuchtlachse den Wildlachs? | Polarjournal
Die Illustration zeigt drei ausgewachsene Atlantische Lachse. Zwischen 18 und 55 Prozent aller Wildlachse im Nordost-Atlantik sterben durch Lachsläuse. Der Effekt dieser Parasiten auf die Fischbestände ist damit deutlich grösser als bisher angenommen. Foto: (U.S. Fish and Wildlife Service)

Lachs wird immer beliebter, doch seit die einstige Delikatesse zu einem Massenprodukt wurde, treten immer neue Probleme auf. Bis ins 19. Jahrhundert waren die meisten Lachsarten weit verbreitet. Durch die wachsende Nachfrage wurde Lachs in immer grösseren Mengen gefangen, sodass die natürlichen Lachsbestände im Laufe des 20. Jahrhunderts stark zurückgingen. Wild­lachs wurde knapp, Zucht­fisch wurde eine Alternative dazu.

Ende der 1970er-Jahre begann man unter anderem in Norwegen damit, Lachs in Aquakulturen zu züchten. Damit wurde Lachs wieder in grösseren Mengen und vor allem ganzjährig verfügbar. Schaut man sich die Verpackungen genauer an, sieht man, dass viele der Lachse aus solchen Aquakulturen stammen.

Lachsfarmen boomen, denn das Fleisch des Fisches ist beliebt. Meist werden die Fische in den Aquakulturen in riesigen Gehegen gehalten und in zwei bis drei Jahren bis zu Schlachtreife gemästet. Eine Studie zeigt, dass gezüchtete atlantische Lachse ebenso fruchtbar sind wie wilde Lachse, trotz vieler genetischer Unterschiede.

Das Zuchtlachsgeschäft ist in den letzten 40 Jahren stark gewachsen, von Norwegen über Schottland bis nach Kanada und Chile. Die weltweite Produktion erreicht im Jahr 2021 laut FAO etwa das Zweitausendfache des Wildlachsfangs. Dies bedeutet 2,9 Millionen Tonnen Zuchtlachs gegenüber 1’500 Tonnen Wildlachs.

Eines der neuen Probleme entsteht, wenn sich Zuchtlachse mit Wildlachsen paaren. Denn so könnten die Nach­kommen die genetische Vielfalt der Wild­bestände beein­trächtigen. Zucht­lachs ist auf bestimmte genetische Merkmale gezüchtet, beispielsweise wird er etwas später geschlechts­reif, um länger zu wachsen.

Wiederholt stellt sich nun die Frage „Gefährdet der Zuchtlachs den Wildlachs“. Die Antwort lautet: Unter Umständen schon.

Die Lachslaus, die sich in Fischfarmen rasant vermehrt, beisst sich an Lachsen und Meerforellen fest, ernährt sich von Sekret, Haut und Blut ihrer Wirte. (Foto: Christoph Postler / Norce LFI)

Lachslaus verursacht hohe Schäden

Die Lachslaus ist ein der grössten Bedrohungen für Lachszuchten und verursache grossen Schaden. Die Lachslaus ist ein Kleinkrebs, welcher auf der Haut der Fische lebt und sich dort von dessen Körperschleim, Haut und Blut ernährt.

Die Lachslaus ist für die Aquakultur deshalb so verheerend, weil in Netzgehegen viele Lachse auf relativ begrenztem Raum gehalten werden. So können Parasiten schneller von einem Lachs auf den anderen wechseln und so den ganzen Bestand infizieren.

Da Lachläuse natürlich vorkommende Parasiten sind, kam es bereits in den Anfängen der Lachszucht zu hohen parasitenbedingten Verlusten, so dass seitdem nach erfolgversprechenden Lösungsansätzen gesucht wird.

Zuchtlachse aus Aquafarmen gefährden ihre in der Wildnis lebenden Artgenossen auch auf andere Weise. Die Haltung in Aquakulturen steigert nicht nur der mögliche Parasitendruck innerhalb der Anlage, sondern auch der Druck auf die natürlichen Populationen von Wildfischen. Sind Aquakultur in der Nähe von natürlichen Wanderrouten der Lachse gelegen, kann dies ganze Populationen betreffen. Besonders die jungen Lachse sind auf ihrem Zug ins Meer gefährdet.

Norwegische Harpunenfischer bei der fast hoffnungslosen Jagd nach entflohenen Lachsen.  (Foto: Rafn Valur Alfredsson)

Entflohene Lachse sind die grösste Bedrohung

In Island waren Mitte August 2023 zirka 3’500 Lachse aus einer Aquakultur ausgebüxt. Die Fische sind ausgewachsen und geschlechtsreif. Wenn sie sich in Flüssen mit Wildlachsen paaren, schwächen sie deren Population. So entstehen Mischlinge die sich schlechter an diese Umgebung anpassen und sich weniger gut fortpflanzen. Das bedroht die wilden Bestände und sie könnten in der Folge dezimiert werden.

Die betroffene Firma ist Arctic Fish, die in vier Fjorden der Regione Westfjorde neun Zuchtanlagen betreibt. Mittlerweile befinden sich im Fluss Ísafjarðará zwei norwegische Taucher, die den Fuss nach Zuchtlachsen durchsuchen und sie per Harpune töten sollen. Die Taucher sind von einem norwegischen Unternehmen geschickt worden, denn in Norwegen durchkämme man jedes Jahr mehr als 100 Flüsse auf diese Weise, um sie von Zuchtlachsen zu reinigen und solche Fischer sind längst Teil des Geschäfts.

Seit dem Ausbruch bei Arctic Fish wurden offiziell bereits 500 Zuchtlachse aus verschiedensten Flüssen gefangen. «Es ist ein Albtraum, vor dem wir jahrelang gewarnt haben», erklärt Elvar Fridriksson. Der 34-Jährige leitet den North Atlantic Salmon Fund eine kleine NGO in Reykjavik, die sich seit 1989 dem Kampf zum Schutz des Atlantischen Lachses verschrieben hat.

Lachsfarm in Chile. (Foto: R. Korn)

Massenflucht in Chile

Der Vorfall ins Island ist kein Einzelfall. Der Ausbruch von 690’000 Lachsen am 8. Juli 2018 aus einer Zuchtfarm bei der südchilenischen Stadt Calbuco hatte die Aufmerksamkeit auf die Umweltprobleme der milliardenschweren Lachsindustrie gelenkt. Offenbar hatte ein Gewittersturm einige Käfige der Zuchtanlage zerstört, so ist zumindest die offizielle Darstellung.

Das Problem: Die Tiere waren insgesamt mit rund zwei Tonnen Antibiotika behandelt worden, wodurch eine Gefahr für Mensch und andere Lebewesen bestand. In Chile werden bis zu 700mal mehr Antibiotika eingesetzt, als in anderen Ländern wie zum Beispiel Norwegen. Der Grund: In Chile sind Fischkrankheiten stärker verbreitet, als in anderen Ländern.

Die Anlage gehört dem norwegischen Unternehmen Marine Harvest, dem Weltmarktführer für Zuchtlachs. Solche Vorfälle gibt es in der Branche immer mal wieder, aber selten in dieser Dimension. Die Behörden sprachen von der grössten Fischflucht in der Geschichte Chiles.

Lachse sind auf der Südhalbkugel nicht heimisch. Ökologen befürchteten daher schwere Auswirkungen für andere Arten. Die grösste Gefahr für das Ökosystem besteht wohl in der schieren Anzahl einer plötzlich frei herumschwimmenden fremden Art.

Norwegen – 49’000 Zuchtlachse auf der Flucht

Durch ein Loch im Netz waren am 7. Juli 2019 rund 49’000 Zuchtlachse aus einer Anlage im Tosenfjord südlich von Brønnøysund entkommen. Die Firma hatte 300 Kronen Belohnung pro Fisch für den Fang ausgesetzt. Von den Fischen aus der Anlage im Tosenfjord wurden 6 Tage nach der Flucht nur 418 Lachse wieder eingefangen. 

Andreas Johansen aus Bindal und seine Freunde nutzten die Chance und fingen bis am Donnerstag nach der Flucht 120 Lachse. Das ergab ein hübsches Kopfgeld von 36’000 Kronen (Euro 3’200). Johansens Bruder ging ebenfalls auf die Jagd nach «Flüchtigen» und fing ebenfalls über 100 Lachse.

Die Chance zur Flucht ergab sich offenbar bei einer mechanischen Maßnahme zur Entfernung der Lachslaus. Die norwegische Fischereibehörde sieht solche Massenfluchten höchst ungern, da die genetische Vermischung von Wild- und Zuchtlachs nicht erwünscht ist.

2018 entwichen rund 160’000 Lachse

Dass so viele Fische auf einmal entweichen, ist zwar selten, kommt aber immer wieder vor. Im Jahr 2018 gelang nach der Statistik der Fischereibehörde 160’000 Zuchtlachse den Weg in die Freiheit. 54’000 davon stammen von derselben Firma, da ihnen die Flucht am selben Tag gelang. Laut Statistik wurden davon 1’200 wieder eingefangen.

Heiner Kubny, PolarJournal

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