Fernunterricht in Grönland verändert kleine Schulklassen | Polarjournal
Der grönländische Lehrer Hansigne unterrichtet Mathematik per Fernunterricht. Manchmal ist die altmodische Tafel einfacher zu benutzen als all die Apps, die für Lehrpersonal und Schülerinnen und Schüler verfügbar sind. Foto: Kivitsisa
Der grönländische Lehrer Hansigne unterrichtet Mathematik per Fernunterricht. Manchmal ist die altmodische Tafel einfacher zu benutzen als all die Apps, die für Lehrpersonal und Schülerinnen und Schüler verfügbar sind. Foto: Kivitsisa

In der Vergangenheit musste Lehrpersonal in abgelegenen Dörfern in Grönland alle Fächer für alle Altersgruppen unterrichten. Doch verbessertes Internet und ein neues, landesweites Projekt revolutionieren die Qualität des Unterrichts.

Viele Jahre lang mussten die Lehrerinnen und Lehrer in den vielen kleinen Dörfern Grönlands extrem vielseitig sein. Eine einzige Lehrperson war nicht nur für den Unterricht in allen Fächern, von Mathematik bis Grönländisch, zuständig, sondern auch für alle Altersgruppen, von sechs bis dreizehn Jahren. Und oft hatten die Personen keine formelle Ausbildung in diesem Bereich.

Die einzigartige arktische Geografie des Landes, weit abgelegene Dörfer ohne Straßenzugang, bedeutet, dass weder das Lehrpersonal noch Schülerinnen und Schüler pendeln können. Bis vor kurzem mussten die kleinen Dörfer mit 20 bis hinunter zu zwei Schülerinnen und Schülern mit den begrenzten Ressourcen vor Ort auskommen.

Dadurch besteht kein Zweifel, dass die Qualität des Unterrichts manchmal nicht ideal war.

Doch ein neues landesweites Fernunterrichtsprogramm, das Teil eines größeren Bildungsprogramms namens Kivitsisa ist, ändert dies rasch.

„Mit Kivitsisa entwickeln wir eine digitale Infrastruktur und setzen sie dort ein, wo es pädagogisch sinnvoll ist. Die Digitalisierung hat in einem Land mit einer fragmentierten Geografie wie Grönland viel Potenzial“, erklärte Rune Bundgaard, Bildungsanthropologe und Leiter des Kivitsisa-Programms, gegenüber Polar Journal.

iPads für alle Schülerinnen und Schüler

Im Laufe der Jahre hat es viele Versuche gegeben, Fernunterricht in Grönland einzuführen. Doch laut Rune Bundgaard waren die meisten davon Fehlschläge oder an technischen Herausforderungen gescheitert.

„Wir sind in der Arktis und die Internetverbindungen sind instabil“, meinte Rune Bundgaard.

Doch dieses Mal ist alles anders. Die fünf Gemeinden des Landes haben in iPads für alle Schüler investiert und die Internetverbindungen in den abgelegenen Dörfern haben sich verbessert.

„Tusass, das nationale Telekommunikationsunternehmen, hat enorme Anstrengungen unternommen, um die Dinge zu verbessern. Gleichzeitig wurden alle Schüler mit iPads ausgestattet, und wir haben klare Wege für deren Nutzung festgelegt. Das alles zusammen bedeutet, dass wir plötzlich in der Lage sind, diese kleinen Dörfer zu erreichen“, so Rune Bundgaard.

Das Kivitsisa-Programm begann 2018, bevor die COVID-19-Pandemie den Fernunterricht auch außerhalb der Arktis zur Realität werden ließ. Rune Bundgaard betont jedoch, dass die negativen Erfahrungen, die einige Schülerinnen und Schüler, Lehrpersonal und Eltern während der Pandemie gemacht haben, nicht auf die grönländische Situation übertragbar sind.

„Viele Menschen haben wegen der Covid-Pandemie eine negative Einstellung gegenüber den Fernunterricht. Aber damals hatte man die Schüler nach Hause geschickt. Die Schülerinnen und Schüler saßen zu Hause, verteilt in ihren einzelnen Häusern.“

„Das ist nicht unser Szenario. Wir haben Schülerinnen und Schüler, die in einer Schule auftauchen, wo wir aber das Fachwissen importieren müssen. Das bedeutet, dass die Kinder zusammenarbeiten und im Klassenzimmer aktiv sein können. Wir wollen keine passive Schülerschaft vor ihren Bildschirmen“, sagte Rune Bundgaard.

Lillian unterrichtet die drei Schüler in der Schule in Igaliku in Südgrönland. Neben diesem Unterricht vor Ort unterrichtet Lillian auch an sechs weiteren Schulen in der Region. Foto: Kivitsisa
Lillian unterrichtet die drei Schüler in der Schule in Igaliku in Südgrönland. Neben diesem Unterricht vor Ort unterrichtet Lillian auch an sechs weiteren Schulen in der Region. Foto: Kivitsisa

Von Grund auf neu begonnen

Die einzigartige arktische Geografie bedeutete, dass das Kivitsisa-Programm nicht direkt ein Fernunterrichtsprogramm aus anderen Teilen der Welt kopieren konnte. Die teilnehmenden Schulen, das Lehr- und Verwaltungspersonal mussten die Methoden selbst entwickeln.

Dabei wurde viel experimentiert, ein Experiment, das noch nicht abgeschlossen ist.

„Wir konnten nicht einfach hingehen und das tun, was sie zum Beispiel in Australien tun, weil dort andere Bedingungen herrschen. Also haben wir von Anfang an beschlossen, zu experimentieren und unsere eigene Didaktik zu finden, und nicht zuletzt unsere eigene Art, die Logistik des Unterrichts zu organisieren“, so Rune Bundgaard.

Im ganzen Land wurden viele Methoden ausprobiert. In den meisten Fällen unterrichteten Lehrerinnen und Lehrer aus größeren Dörfern in der Nähe die Schüler in den kleineren Dörfern über eine Webcam. In einem Fall musste eine Lehrerin aus persönlichen Gründen nach Dänemark reisen, konnte aber weiterhin Dänisch und Englisch für Schüler in kleinen grönländischen Dörfern unterrichten.

Die neue Einrichtung kann aber auch dazu genutzt werden, die Fähigkeiten der einheimischen Lehrkräfte zu verbessern.

„Bei einem wichtigen Experiment in Südgrönland unterrichtet eine erfahrene Lehrerin aus einem kleinen Dorf Lehrkräfte in sechs anderen kleinen Dörfern und gibt ihnen ihre besten Ideen und Erfahrungen weiter, tauscht Unterrichtspläne aus und gibt Feedback“, berichtet Rune Bundgaard.

Obwohl sie in Aarhus, Dänemark, sein musste, konnte Iviluna weiterhin Englischschüler in der Stadt Maniitsoq in Westgrönland unterrichten. Foto: Kivitsisa
Obwohl sie in Aarhus, Dänemark, sein musste, konnte Iviluna den Schülern in der Stadt Maniitsoq in Westgrönland weiterhin Englischunterricht geben. Foto: Kivitsisa

Jeder will weitermachen

Das Kivitsisa-Programm läuft noch, und es werden immer noch neue Erkenntnisse gewonnen. Aber schon jetzt betrachtet Rune Bundgaard das Programm angesichts des weitreichenden Umfangs, der 16 verschiedene Einzelprojekte in allen fünf grönländischen Gemeinden umfasst, und der positiven Aufnahme im ganzen Land als Erfolg.

„Es hat Frustrationen und technische Probleme gegeben. Aber trotzdem wollte jede einzelne Lehrkraft, die teilgenommen hat, weitermachen. Jeder sieht das Potenzial, das wir damit erreichen können, und ich glaube, dass viele der Lehrkräfte es auch als Chance für ihre persönliche Entwicklung sehen“, sagte Rune Bundgaard.

Ähnliche lobende Worte finden sich in einem Bericht über das Kivitisisa-Programm, der vom Institut für Lernen an der grönländischen Universität Ilisimatusarfik veröffentlicht wurde. In den Berichtsabschnitten heißt es zum Beispiel: „Wir haben festgestellt, dass der Fernunterricht den Schulen zu mehr Professionalität verhilft.“

Darüber hinaus kommt sie zu dem Schluss, dass die Erkenntnisse und Erfahrungen aus Kivitsisa, dem grönländischen Wort für „Lasst uns aufsteigen“, auch an anderen Orten mit ähnlicher Geografie genutzt werden können. Zum Beispiel in Gebieten mit vielen Inseln oder mit großen Entfernungen zwischen den Dörfern wie in einigen Teilen der skandinavischen Länder oder vielleicht in anderen arktischen Ländern.

Rune Bundgaard stimmt dem zu.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies nicht auch auf andere Standorte mit ähnlichen Herausforderungen übertragen werden könnte. Wenn also jemand mehr wissen möchte, kann er sich gerne an mich wenden“, sagte er.

Ole Ellekrog, PolarJournal

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