Umwelt vor Tourismus auf Svalbard: Neue Regeln ab Januar 2025 | Polarjournal
Die im Südwesten Svalbards gelegene Landestelle Gåshamna wird für Expeditionkreuzfahrttouristen weiterhin geöffnet bleiben. Der östliche Bereich wird allerdings nur für 39 Personen gleichzeitig zugänglich sein. Foto: Julia Hager

Die norwegische Regierung hatte zugunsten der fragilen arktischen Umwelt eine strengere Regulierung des Tourismus auf Svalbard lange angekündigt. Jetzt stehen die neuen Regeln fest und sollen ab 1. Januar 2025 in Kraft treten — sehr zum Unmut der Tourismusunternehmen. Neben der deutlichen Reduzierung von Landestellen sollen auch die Regeln für die Eisbärenbeobachtung verschärft werden.

Mit den gerade verabschiedeten Änderungen der Umweltvorschriften auf Svalbard stellt die norwegische Regierung die Weichen völlig neu: «Ziel ist es, größere Wildnisgebiete zu schützen und die Belastung für Natur und Tierwelt zu verringern», heißt es in einer Pressemitteilung der Regierung vom 9. Februar 2024.

Zu den wichtigsten, vom Parlament  bereits angenommenen Änderungen gehören:

  • Die Zahl der Landestellen in Schutzgebieten wird auf 43 kartierte Gebiete reduziert.
  • In allen Schutzgebieten wird die maximale Anzahl von Passagieren an Bord auf 200 begrenzt.
  • Der Einsatz von Drohnen ist in allen Schutzgebieten verboten.
  • Der Einsatz von Schneemobilen und Kettenfahrzeugen auf dem Meereis ist nach dem 1. März in ausgewählten Fjorden dauerhaft verboten, mit einer Ausnahme für den Zugang zu Hütten.
  • In der Zeit vom 1. April bis zum 31. August darf der motorisierte Verkehr auf See in einer Entfernung von 500 Metern von Land außerhalb der Vogelfelsen die Höchstgeschwindigkeit von 5 Knoten nicht überschreiten.
  • Der motorisierte Verkehr auf See muss einen Mindestabstand von 150 Metern zu den Walrossruheplätzen einhalten (mit Ausnahme des notwendigen Zugangs zu Häfen, Gebäuden usw.), und die Höchstgeschwindigkeit für den motorisierten Verkehr beträgt 5 Knoten in einem Abstand von 300 Metern zu den Walrossruheplätzen.
  • Es gilt ein allgemeines Verbot, Festeis zu brechen; mit Ausnahme für den motorisierten Verkehr, um die Fahrrinne nach Longyearbyen und Barentsburg offen zu halten, für die Versorgung von Ny-Ålesund sowie für die Erfüllung notwendiger Aufgaben durch die norwegische Küstenwache.
  • Für mehr Campingaktivitäten ist eine Genehmigung erforderlich.

Die schwerwiegendste der aufgezählten Änderungen ist sicherlich die Reduzierung der Landestellen in Schutzgebieten, wobei die Zahl der Stellen, die aktuell noch besucht werden dürfen, nicht genannt wird. An einigen der Landestellen werden nur 39 Personen gleichzeitig an Land sein dürfen.

Auf der Karte, die der neuen Verordnung beigefügt ist, sind die Landestellen in Schutzgebieten markiert, die weiterhin von organisierten Touren besucht werden dürfen. Karte: Screenshot Verordnung der Regierung von Norwegen

Die Gesamtzahl der Landestellen auf Svalbard ist seit Mitte der 1990er Jahre zusammen mit der Anzahl von Touristen, die an Land gehen, stetig gestiegen, mit Ausnahme der Corona-Jahre. Im Jahr 2023 lag sie laut der Webseite von Environmental monitoring of Svalbard and Jan Mayen bei etwa 240. Da der Großteil der Fläche Svalbards unter Schutz steht und somit sehr viele Landestellen in geschützten Gebieten liegen, wird sich die angekündigte Sperrung bestimmter Landestellen stark auf die Expeditionskreuzfahrten auswirken. 

«Es ist schon dramatisch, wenn Norwegen das Recht auf öffentlichen Zugang aufhebt und mehr als 65 Prozent des Svalbard-Archipels für den freien Verkehr sperrt. Das ist ein Gebiet fast so groß wie Dänemark», sagt Frigg Jørgensen, Direktorin der AECO, der Vereinigung der Expeditionskreuzfahrtanbieter in der Arktis, gegenüber Svalbardposten. «Die Ausnahme sind einige wenige ausgewählte Orte, bei denen die unmittelbare Folge eine große Auswirkung auf diese Gebiete ist.»

Die Sperrung der Landestellen soll nur für organisierte Reisen von kommerziellen Anbietern gelten, nicht aber für privat durchgeführte, was bei Frigg Jørgensen ebenfalls für Unverständnis sorgt.

Eisbär-Beobachtung nur noch aus der Ferne

Aus der Pressemitteilung geht außerdem hervor, dass das norwegische Ministerium für Klima und Umwelt dem Parlament weitere Änderungsvorschläge zum Svalbard-Umweltschutzgesetz zur endgültigen Genehmigung vorlegen will.

Unter anderem beinhalten diese im wahrsten Sinne des Wortes weitreichende Neuerungen in den Bestimmungen zum Schutz von Eisbären. Demnach schlägt das Ministerium einen Mindestabstand zu Eisbären von 300 Metern in der Zeit zwischen 1. Juli und 28. Februar vor. In der Zeit, in der die Bären am stärksten gefährdet sind — vom 1. März bis 30. Juni —, soll der Mindestabstand sogar 500 Meter betragen. Zusätzlich soll es eine Pflicht geben, sich zurückzuziehen, sobald ein Bär innerhalb dieser Abstände gesichtet wird. 

In der Lokalzeitung Svalbardposten wird beschrieben, dass nach Ansicht der norwegischen Umweltbehörde der Begriff «Störung» von Eisbären, die im bestehenden Gesetz bereits verboten ist, nicht genau genug definiert ist. Die Umweltbehörde sei der Meinung, dass nicht nur das Erschrecken und die anschließende Flucht eines Eisbären eine «Störung» darstellen, sondern auch Situationen, in denen der Bär durch die bloße Anwesenheit von Menschen sein Verhalten ändert. Im Gesetzentwurf ist vorgesehen, dass es verboten ist, «Eisbären unnötig zu stören, anzulocken, oder zu verfolgen».

«Zu den Aussagen, dass der Eisbär nur neugierig ist und sich nicht stören lässt, möchte das Ministerium klarstellen, dass ein Verhalten, das den Eisbären durch seine Neugierde anlockt, unerwünscht ist. Wenn ein Bär angelockt wird, ändert sich sein Verhalten, er unterbricht sein Vorhaben und richtet seine Aufmerksamkeit auf das störende Element. Darüber hinaus könnten wiederholte Vorfälle, bei denen der Eisbär von Menschen angezogen wird, zu einer Gewöhnung an den Menschen führen», heißt es in einem Schreiben des Ministeriums.

Bereits bei Bekanntwerden des geplanten Abstandsgebots bei der Beobachtung von Eisbären im vergangenen Jahr waren Anbieter von (Expeditions-)Kreuzfahrten alarmiert und brachten ihre Einwände ein: Touristen würden Eisbären sehen wollen und Fotoreisen und Filmproduktionen könnte so ein Ende gesetzt werden. Das Ministerium habe zwar Verständnis dafür, stellt aber die Umweltaspekte an erste Stelle: «Das Ministerium ist […] der Meinung, dass die Rücksichtnahme auf Eisbären und die Vermeidung von Störungen und Gewöhnung wichtiger sind. Dies wird auch durch das Umweltziel gestützt, dass im Falle eines Konflikts zwischen Umweltschutz und anderen Interessen Umweltbelange Vorrang haben», schreibt das Ministerium weiter.

Svalbards nahezu unberührte Natur in Zeiten des Klimawandels bewahren

«Norwegen hat es durch ein einzigartiges Management geschafft, Svalbard als ein einzigartiges Naturgebiet zu erhalten. Wir wollen, dass dies auch in Zukunft so bleibt, und deshalb sehen wir, dass es einige Bereiche gibt, die unter Druck stehen», sagt Andreas Bjelland Eriken, Norwegens Minister für Klima und Umwelt gegenüber Svalbardposten.

Für die Regierung steht die Erhaltung der einzigartigen Natur und Tierwelt Svalbards im Vordergrund, die die Auswirkungen des Klimawandels schon jetzt viel stärker zu spüren bekommen als in anderen Teilen der Erde. Dadurch seien sie viel anfälliger für zusätzliche Störungen wie beispielsweise Schiffsverkehr, der zweifellos erheblich zugenommen habe, so der Minister.

«Wir wollen das zusammenhängende Wildnisgebiet in Svalbard für künftige Generationen erhalten.»

Julia Hager, PolarJournal

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