Der polare Rückblick – Abstand zu Polarregionen verringern | Polarjournal
Sinnbild für die Distanz zwischen der Gesellschaft und den Polarregionen: Die gewaltige Weite Grönlands vom Arctic Circle Trail aus gesehen, wo immer wieder schlecht ausgerüstete oder wenig vorbereitete Menschen gerettet werden müssen. (Foto: Destination Arctic Circle Trail)

Der polare Rückblick greift Geschehnisse der vergangenen Woche auf, die mit Arktis und Antarktis zusammenhängen und stellt einen oder mehrere Aspekte ins Zentrum der Betrachtung. In dieser Ausgabe werden Polarforschung, traditionelle Lebensweise arktischer Völker und die Kommunikation mit der Gesellschaft thematisiert.

Arktis und Antarktis begeistern einerseits viele Menschen weltweit, denn sie stehen in den Köpfen der Leute für Weite, Natur, Unberührtheit, Schönheit, Magie. Doch gleichzeitig sind sie auch das Sinnbild für die Auswirkungen menschlichen Tuns auf der Erde, sei es Verschmutzung, Jagd und Fischerei oder Klimawandel. Meschen, die in den Polarregionen leben und arbeiten oder sie besuchen, sehen sich immer wieder teils heftiger Kritik über ihre Aktivitäten ausgesetzt. Oft wird dabei geäussert, die Menschen sollten sich aus den Regionen, die früher unberührt von Aktivitäten waren, zurückziehen und in den von Inuit, Sámi oder anderen arktischen Bevölkerungsgruppen bewohnten Regionen die Verwaltung einfach in die Hände jener übergeben und sie in Ruhe lassen.

Solche Forderungen, die nicht nur aus nicht-polaren Gebieten kommen, sind jedoch in einer globalisierten Welt kaum realistisch, da sind sich Expertinnen und Experten einig. Vielmehr spiegeln sie einen grossen Abstand wider, der sich gesellschaftlich zwischen den beiden Gruppen aufgetan hat und den es zu überwinden gilt, damit die grossen Herausforderungen, denen sich Arktis und Antarktis gegenübersehen, gemeinsam angegangen und gelöst werden können.

Die Jagd auf Wale durch arktische indigene Bevölkerungsgruppen hat sich stark verändert und ist moderner geworden, oft auch wissenschaftlich begleitet. Doch was die einen als wichtigen Teil der Lebensweise und Kultur betrachten, wird von anderen sehr stark kritisiert. Ein Ausweg könnte durch sachliche Kommunikation und Diskussionen erreicht werden. (Foto: Alaska Arctic Observatory and Knowledge Hub)

Sinnbildlich für die grosse Diskrepanz zwischen den Fronten steht sicherlich die von Jagd geprägte Lebensweise der arktischen Bevölkerung. Für viele Menschen ausserhalb der Arktis ist das Erlegen von Tieren wie Eisbären, Füchsen, Robben und Walen eine nicht mehr zeitgemässe Aktivität, die den Schutzbemühungen, für die viel in solchen Ländern geworben wird, diametral entgegenwirkt. Für die Bewohnerinnen und Bewohner der Arktis aber ist die Jagd nicht nur eine Tradition, die gepflegt werden soll, sondern ein wesentlicher Bestandteil zur Nahrungsversorgung. Für das schlechte Image dieser Aktivität machen sie die Wissenschaft mitverantwortlich, die mit teilweise falschen Angaben über die Populationsgrössen oder die Auswirkungen menschlicher Aktivitäten in der Arktis ein falsches Bild vermittelt haben, das heutzutage nur schwer aus den Vorstellungen wegzukriegen ist.

Gleichzeitig aber soll auch die lokale Bevölkerung stärker in die Pflicht genommen werden, ihre Aktivitäten den neuen Gegebenheiten anzupassen, mehr mit Forschung und Politik zusammenzuarbeiten und neue Wegen gegenüber aufgeschlossen sein. Beide Seiten sollten sich nicht als die einzigen Expertinnen und Experten betrachten, sondern einen effizienten Meinungsaustausch betreiben in sachlich geführten Diskussionen und die Ergebnisse in einer verständlichen Art und Weise veröffentlichen. Die Zusammenarbeit des Alaska Arctic Observatory and Knowledge Hub mit der Forschung und deren Öffentlichkeitsarbeit ist ein gutes Beispiel für die Wirksamkeit.

Um sicherzustellen, dass polare Angelegenheiten in der Bevölkerung ankommen und aufgenommen werden, müssen alle Interessenvertreter mehr in Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit investieren. Glücklicherweise existieren entsprechende Formate bereits. (Foto: Arctic Circle Assembly)

Nicht nur die indigene Bevölkerung der Arktis ist von jenem Abstand der Bevölkerung zu polaren Angelegenheiten betroffen. Auch andere Interessenvertreter wie beispielsweise Tourismus, Behörden und die Forschung an sich haben immer wieder mit einer grossen Distanz zwischen sich und der Öffentlichkeit zu kämpfen. Als Beispiel dienen vermehrte Such- und Rettungsmassnahmen auf dem Arctic Circle Trail, die aufgrund schlechter Vorbereitungen und Ausrüstungen bei gleichzeitig mehr Besucherzahlen entstanden sind. Auch eine steigende Zahl an Hospitalisierungen von Kreuzfahrttouristen in arktischen Regionen ist ein Beispiel dafür. Und in der Forschung treffen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf eine steigende Skepsis und Kritik gegenüber ihren Arbeiten und Ergebnisse.

Auch hier ist eine verbesserte Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit und ihren verschiedenen Gruppierungen notwendig, um möglichst viele Menschen mit sachlich und fachlich korrekten Informationen erreichen zu können. Die Vielfalt an verschiedenen Medienformaten ist dabei eine grosse Hilfe, ebenso die technischen Weiterentwicklungen wie bessere Internetanbindungen auch in den Polarregionen dank Satellitentechnik und Mobilfunk. Gepaart mit Programmen, Projekten und Organisationen, die den Interessengruppen die Möglichkeit bieten, ihre Kommunikationsfähigkeiten und Öffentlichkeitsarbeiten auszubauen, existieren so einige Werkzeuge für eine effektive Informationsverbreitung. Damit sollten die Abstände zu Arktis und Antarktis in Zukunft auf vielen Ebenen immer kleiner werden.

Dr. Michael Wenger, Polar Journal

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