Der arktische Osterhase – Fünf Gründe, warum der Polarhase ein Rätsel ist | Polarjournal
Im Rahmen ihrer Forschung markiert die Universität von Quebec Polarhasen auf Ellesmere Island in der kanadischen Hocharktis. Hier ist Ludovic Landry-Ducharme gerade dabei, einen von ihnen zu fangen. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Ludovic Landry-Ducharme
Im Rahmen ihrer Forschung markiert die Universität von Quebec Polarhasen auf Ellesmere Island in der kanadischen Hocharktis. Hier ist Ludovic Landry-Ducharme gerade dabei, einen von ihnen zu fangen. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Ludovic Landry-Ducharme

Ludovic Landry-Ducharme, ein Polarhasenforscher, führt uns durch all die Dinge, die wir – noch – nicht über die nördlichsten Hasenartigen der Welt wissen.

Es ist, wieder einmal, die Zeit des Jahres; Die Zeit, in der die Einkaufszentren und Supermärkte mit Schokoladeneiern, Körben voller Süßigkeiten und nicht zuletzt mit Hasen überquellen.

Die Hasen und Kaninchen, die in der Osterzeit überall auftauchen, sind so allgegenwärtig geworden, dass wir sie für selbstverständlich halten. Aber warum ist der Osterhase, eigentlich ein Säugetier, so besessen von seinen Eiern? Und was ist die Verbindung zum Tod und zur Auferstehung Jesu?

Der Osterhase ist geheimnisumwittert, und in der Arktis sorgt ein Verwandter des Osterhasen für ähnliche Verwunderung: der Polarhase.

Denn wie Ludovic Landry-Ducharme, Doktorand an der Universität von Quebec, erklärt, gibt es mehrere Fragen zu Polarhasen, die noch unbeantwortet sind. Einige davon versuchen er und seine Kollegen in einem mehrjährigen Forschungsprojekt auf Ellesmere Island, der nördlichsten Insel Kanadas, zu lösen.

Vor einigen Jahren führte dieses Forschungsprojekt zu der Entdeckung, dass arktische Hasen viel häufiger und weiter wandern als erwartet. Aber diese Migration ist selbst eine Quelle von Geheimnissen.

Wir präsentieren euch im Folgenden die Antworten von Ludovic Landry-Ducharme zu den fünf größten unbeantworteten Fragen über den Polarhasen.

Ein junger Polarhase von der Insel Ellesmere. Foto: Ludovic Landry-Ducharme
Ein junger Polarhase von der Insel Ellesmere. Foto: Ludovic Landry-Ducharme

1. Wie sie im Winter leben

„Was wissen wir über das Leben der arktischen Hasen im Winter? Ziemlich einfach: nicht viel.“

„Wir wissen ein wenig über die südlichsten Populationen in Neufundland, aber über die, die wir auf Ellesmere Island untersuchen, wissen wir gar nichts. Genau das wollen wir ändern und sie erforschen.“

„Wie passen sie sich an die harten Umweltbedingungen an: wenig Nahrung, eisiges Wetter, Raubtiere, eine arktische Wüste und die ewige Dunkelheit der Polarnacht? Dies sind sehr harte Lebensbedingungen.

„Wir wollen mehr darüber erfahren, um sie mit den Strategien ihrer südlichen Verwandten und vielleicht auch mit den Strategien größerer Tiere im gleichen Ökosystem, über die wir mehr wissen, vergleichen zu können“, erklärt Ludovic Landry-Ducharme gegenüber Polar Journal.

2. Warum sich ihre Migrationsmuster ändern

„Vor 2019 dachten wir, dass Polarhasen, wie die meisten Pflanzenfresser, eine ansässige Art sind, was bedeutet, dass sie ihr ganzes Leben lang in demselben Gebiet bleiben. Aber dann entdeckten wir, wie in unserem Fachzeitschriftenartikel beschrieben, dass sie sich in großem Maß über Hunderte von Kilometern bewegen können“.

„Das war unglaublich, weil viele theoretische Arbeiten darauf hindeuteten, dass der Polarhase dafür zu langsam ist; dass er so langsam ist, weil es zu viel Energie und Zeit kosten würde, so zu wandern. Aber es ist passiert.“

„Letztes Jahr haben wir jedoch festgestellt, dass die Bewegungen, die wir 2019 gesehen haben, in diesem Jahr nicht in gleichem Maße stattgefunden haben. Das ist eine ganz neue Beobachtung, die wir noch nicht genau erklären können.“

„Wir glauben, dass es etwas mit den Populationszyklen zu tun haben könnte. Das klassische Beispiel ist der Schneehase, dessen Populationsgröße ständig wächst und zusammenbricht. Vielleicht müssen sie also nicht in demselben Maße wandern, wenn ihre Population nicht so groß ist.“

„Aber all das ist noch unbekannt“, fügt Ludovic Landry-Ducharme an.

Ludovic Landry-Ducharme (Zweiter von rechts) und seine Kolleginnen und Kollegen von der Universität Quebec während einer Exkursion auf Ellesmere Island. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Ludovic Landry-Ducharme
Ludovic Landry-Ducharme (Zweiter von rechts) und seine Kolleginnen und Kollegen von der Universität Quebec während einer Exkursion auf Ellesmere Island. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Ludovic Landry-Ducharme

3. Wie Geschlechtsunterschiede zu unterschiedlichen Lebensstilen im Sommer führen

„Vieles ist über die Geschlechtsunterschiede beim Polarhasen unbekannt“.

„Zunächst das, was man weiß: Der Polarhase ist eine polygyne Art, was bedeutet, dass sich ein Männchen mit vielen Weibchen paart. Das wiederum bedeutet, dass Männchen und Weibchen unterschiedliche Paarungsstrategien haben; das Männchen versucht, sich mit so vielen Weibchen wie möglich zu paaren, während das Weibchen das Überleben seiner Nachkommenschaft in den Vordergrund stellt.“

„Dieser Unterschied könnte zu sehr unterschiedlichen Lebensgewohnheiten im Sommer führen. Dies könnte auch von ihrem Energiebedarf und ihren Bewegungseinschränkungen abhängen, was uns helfen könnte zu verstehen, wohin sie sich im Winter begeben.“

„Wir wissen nämlich, dass es im Sommer mehr von ihnen gibt als im Winter. Im Frühjahr sehen wir viele von ihnen ankommen, aber wir wissen nicht, woher sie kommen. Das ist ein Teil ihrer Verhaltensökologie, über die wir nicht viel wissen“, meint er.

In der Arktis ist die Sterblichkeitsrate hoch, so dass der Polarhase in der Regel viele Junge hat, damit wenigstens einige überleben. Hier ist ein Weibchen, das seine Jungen säugt. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Ludovic Landry-Ducharme
In der Arktis ist die Sterblichkeitsrate hoch, so dass der Polarhase in der Regel viele Junge hat, damit wenigstens einige überleben. Hier ist ein Weibchen, das seine Jungen säugt. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Ludovic Landry-Ducharme

4. Wie alt sie werden

„Die Literatur ist ziemlich vage, was die Lebenserwartung von Polarhasen angeht. Sie schätzt zwei bis fünf Jahre, aber wir wissen nichts Genaues“.

„In unserem Projekt markieren wir die Hasen, damit wir jedes einzelne Tier identifizieren können. Wenn wir ein und denselben Hasen über mehrere Jahre hinweg sehen, gibt uns das einen Hinweis darauf, wie alt er wird. Vor allem, wenn er ein Junghase war, als wir ihn markiert haben.

„Dennoch muss dieses Individuum überleben, was eine Herausforderung für die Art darstellt. Ihre Strategie ist es, viele Babys zu gebären, weil die Sterblichkeit sehr hoch ist“.

„Polarhasen sterben nur selten an ’natürlichen Ursachen‘, es sei denn, man zählt Raubtiere (von denen sie gefressen werden) zu den natürlichen Ursachen. Sie könnten auch verhungern oder an der Kälte sterben, aber das wissen wir noch nicht.“

„All dies macht es schwierig, ihre Lebensspanne zu bestimmen. Und außerdem haben wir noch nicht viele Sommer mit ihnen verbracht“, so Ludovic Landry-Ducharme.

Ellesmere Island ist mit einer Fläche von 196.236 km2 die zehntgrößte Insel der Welt und nur eim wenig kleiner als Großbritannien. Ein Großteil davon, wie auf diesem Foto zu sehen, kann als arktische Wüste eingestuft werden. Foto: Ludovic Landry-Ducharme
Ellesmere Island ist mit einer Fläche von 196’236 km2 die zehntgrößte Insel der Welt und damit nur wenig kleiner als Großbritannien. Ein Großteil davon, wie auf diesem Foto zu sehen, wird als arktische Wüste eingestuft. Dieses riesige Ödland ist für Forscher nur schwer zu erreichen, was mit ein Grund dafür ist, dass der Polarhase immer noch ein Rätsel ist. Foto: mit freundlicher Genehmigung von Ludovic Landry-Ducharme

5. Wie sie sich an den Klimawandel anpassen werden

„Im Moment befinden wir uns noch in der Phase der Beschreibung ihrer Lebensweise und ihres Verhaltens. Damit haben wir eine Ausgangsbasis, um zu beurteilen, wie sich die Veränderungen durch den Klimawandel auf sie auswirken werden.“

„Der Klimawandel könnte sich möglicherweise auf ihre Umwelt, ihr Verhalten und ihren Populationsstatus auswirken. Es könnte sogar Vorteile für sie geben, wenn der Klimawandel zu mehr Vegetation in der Arktis und damit zu mehr Nahrung führt.“

„Aber ich kann mir vorstellen, dass eine Sache in Zukunft eine Herausforderung für sie werden könnte. Die Polarhasen auf Ellesmere Island bleiben das ganze Jahr über weiß, im Gegensatz zu den südlicheren Unterarten, die im Sommer braun werden.

„Derzeit hat es das ganze Jahr über Schnee, so dass sie sich sogar im Sommer mit ihrem weißen Fell in Schneeflecken verstecken können, und die Tatsache, dass sie ihre Farbe nicht wechseln müssen, spart ihnen etwas Energie. Aber wenn der Klimawandel dazu führt, dass im Sommer weniger Schnee liegt, könnte sich das stark auf die Tiere auswirken“, gibt er zu Bedenken.

Ludovic Landry-Ducharme und seine Kollegen wollen diesen Sommer in die kanadische Hocharktis zurückkehren. Wenn alles nach Plan läuft, sind sie hoffentlich der Antwort auf alle Fragen rund um den Polarhasen einen kleinen (Hoppel-)Schritt näher gekommen.

Ole Ellekrog, Polar Journal

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