Der polare Rückblick– Kleine und grosse Zeitsprünge im polaren Raum | Polarjournal
In den polaren Regionen scheint Zeit anders zu laufen. Langsamer und gemächlicher, wenn man die Landschaft betrachtet und rasch, wenn man Tiere wie Pinguine betrachtet, die manchmal mit grossen Sprüngen überraschen. (Foto: Michael Wenger)

Der polare Rückblick greift Geschehnisse der vergangenen Woche auf, die mit Arktis und Antarktis zusammenhängen und stellt einen oder mehrere Aspekte ins Zentrum der Betrachtung. Dieses Mal geht es um die Sprünge in der Zeit, einerseits im Sekundenbereich, hervorgerufen durch die Eisschmelze in der Antarktis und um Sprünge im Laufe der Zeit im hohen Norden Kanadas.

In der vergangenen Woche stand für viele Menschen dank der bevorstehenden Ostertage und des Wechsels zur Sommerzeit am Ostersonntag Zeit besonders im Vordergrund. Für die einen lief sie schnell (durch die Vorfreude auf viel Schokolade und Feiern mit Familie, Freunden und Verwandten), für andere eher schleppend langsam (beispielsweise an der Kasse von überfüllten Läden oder im Stau auf dem Weg in den Urlaub).

Auch im polaren Raum war letzte Woche Zeit ein Thema, besonders im Rahmen eines Artikels, der Mitte der Woche in der Fachzeitschrift Nature erschienen war. Darin zeigte der Autor Duncan Agnew vom Scripps-Institut für Ozeanographie, dass durch das Abschmelzen der Eisschilde in der Antarktis und Arktis die Erdrotation sich verlangsamt hat. Damit wird die nächste «Sprungsekunde», ein Ausgleich in der menschlichen Zeiterfassung aufgrund der unregelmässigen Erdrotation, drei Jahre in die Zukunft geschoben, muss aber gleichzeitig abgezogen werden, statt addiert. Das löst bei einigen Forschenden Schweissperlen auf der Stirn aus.

Schon seit 2012 weiss man, dass die Eisschilde der Antarktis und auf Grönland an Masse durch das Abschmelzen an Masse verlieren. Dieses Wasser fliesst in die Ozeane und danach an den Äquator, so dass die Erdkugel dort in der Form dicker wird und an den Polen abflacht. Das führt zu einer Verlangsamung der Erdrotation. (Video: European Space Agency)

In der Vergangenheit mussten sich Wissenschaftsteams und Computerspezialisten damit beschäftigen, wie man in den Systemen eine Sekunde hinzufügt. Das Problem entsteht, weil die Erdrotation einerseits durch die Anziehungskräfte des Mondes auf die Ozeane verlangsamt wird, gleichzeitig aber durch Veränderungen in den Strömungen des flüssigen Erdkerns beschleunigt wurde. Dadurch musste alle paar Jahre eine Sekunde bei der menschlichen Zeiterfassung hinzugefügt werden.

Weil aber das Abschmelzen der Eisschilde in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Verschiebung der Masse zum Äquator hin stattfand, verlangsamte sich die Rotation stärker als die Beschleunigung. Darum muss beim nächsten Mal eine Sekunde abgezogen werden, das bedeutet, dass in der Standartzeit für einmal eine Minute nur 59 Sekunden dauern wird. Wie das bewerkstelligt werden soll, darüber sind sich die Expertinnen und Experten in den Sparten Metrologie und Computerwissenschaften und auch die «Zeithüter» im Internationalen Büro für Masse und Gewichte in Frankreich nicht einig.

Seit 1999 besitzen die Bewohnerinnen und Bewohner des nördlichsten kanadischen Territoriums Nunavut ein grosses Mass an Selbstverwaltung. Zeit für Feierlichkeiten, Rückblicke, aber auch kritische Aussichten die Zukunft. (Foto: Michael Wenger)

Einen ganz anderen Blick auf den Aspekt «Zeit» werfen die Bewohnerinnen und Bewohner von Nunavut im arktischen Norden Kanadas auf ihr Territorium. Dieses feiert nämlich sein 25-jähriges Jubiläum und damit 25 Jahre Selbstbestimmung und viel Eigenverantwortung. In den Medien bietet dieses Jubiläum genügend Anlass für Rückblicke auf den Weg, den die vor allem von Inuit bewohnte Region, gegangen ist. Und obwohl 25 Jahre nicht eine lange Zeitspanne scheint, ist die Liste des Erreichten schon sehr lang. Vor allem in Sachen Lebensbedingungen und Infrastruktur wurden grosse Sprünge nach vorne gemacht und die Bevölkerungszahl wächst. Mittlerweile leben über 40’000 Menschen in Nunavut (2021: 26’745), fast dreiviertel davon sind unter 40 Jahre alt.

Gleichzeitig sehen aber viele Nunavummiut etwas sorgenvoll in die Zukunft. Denn zwischenzeitlich sind auch die Probleme angewachsen und oft wird die Zeit als grösster Feind betrachtet, sei es bei den langen Zeitspannen für Beschlüsse der Verwaltung und Regierungen (auf Bundes- und auf Regionalebene) oder bei der immer kürzeren Zeitspanne zwischen klimawandel-verursachten Extremereignissen; den langen Wartezeiten bei medizinischen Behandlungen oder den kürzeren Frostperioden. Zeit spielt hier also eine andere, aber ebenfalls wichtige Rolle, auch wenn es nicht um den Bruchteil einer Sekunde geht und sie einen Sprunge nach vorne oder hinten machen muss.

Dr. Michael Wenger, Polar Journal

Link zur Studie: Agnew, D. (2024) Nature March 27, A global timekeeping problem postponed by global warming, doi.org/10.1038/s41586-024-07170-0

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