Tod eines Pädophilie-verdächtigen Priesters zerstört die Hoffnung auf Gerechtigkeit in Nunavut | Polarjournal
Der wegen sexuellen Missbrauchs von Inuit-Kindern angeklagte Pater Joannès Rivoire starb letzte Woche in Frankreich, was die Auslieferungsanträge der Opfer und der kanadischen Behörden beendete. Foto: Pixabay

Mit dem Tod des wegen Pädophilie angeklagten Priesters Joannes Rivoire, der letzte Woche in Frankreich verstarb, endete ein drei Jahrzehnte dauernder Rechtsstreit. Er war seit 1993 wegen sexuellen Missbrauchs von Inuit-Kindern angeklagt.

Kanada forderte seit fast dreißig Jahren seine Auslieferung und seine Opfer und deren Familien forderten Gerechtigkeit. Ohne Erfolg. Pater Joannes Rivoire, Mitglied der Oblaten von Maria Immaculata, verstarb im Alter von 93 Jahren am 11. April in einem Pflegeheim in Lyon, Frankreich. „Wir sind uns bewusst, dass diese Nachricht schwierig sein wird, insbesondere für die Überlebenden und ihre Familien, die sich dafür eingesetzt haben, dass er in Kanada vor Gericht gestellt wird“, sagte Pater Ken Thorson, Leiter der Oblaten von Maria Immaculata Lacombe in einer Erklärung, die am Tag nach Rivoire’s Tod veröffentlicht wurde. „Wir bedauern, dass Herr Rivoire trotz aller Bemühungen nie zur Verfügung stand und dass er sich nie zu den gegen ihn erhobenen Anschuldigungen äußern musste.“

1959 wurde der Priester nach Nunavut geschickt, um dort Katechismus- und Französischunterricht zu erteilen. Nach mehr als dreißig Jahren in den Nunavut-Inuit-Gemeinden Naujaat, Arviat und Igloolik kehrte Rivoire unter dem Vorwand, seine alten und kranken Eltern zu besuchen, eilends nach Frankreich zurück. Es war Januar 1993. In den Wochen nach seiner Abreise wurden mehrere Klagen gegen ihn wegen sexueller Vergehen an Kindern zwischen 1968 und 1970 im Dorf Naujaat eingereicht. Eine weitere Klage wird 2021 wegen Missbrauchs zwischen 1974 und 1979 in Arviat und Whale Cove eingereicht. Die mutmasslichen Opfer von Rivoire waren sowohl Mädchen als auch Jungen, und die jüngsten waren zum Zeitpunkt des gemeldeten Verbrechens erst sechs Jahre alt.

Bereits 1998 erließ Kanada einen ersten Haftbefehl, der den Priester jedoch nicht beunruhigte. Der Haftbefehl wurde nicht weiterverfolgt und 2017 aufgehoben. Im Jahr 2022 erließen die kanadischen Behörden jedoch einen neuen Haftbefehl und beantragten die Auslieferung des Priesters, damit er in Kanada vor Gericht gestellt werden kann. Frankreich verweigert jedoch die Auslieferung seiner Bürger und Sexualverbrechen an Kindern verjähren im Gegensatz zu Kanada, wo sie zeitlich unbegrenzt verfolgt werden können. Diese Situation kam Rivoire letztendlich zugute. Bis zum Schluss konnte er nicht für die in Nunavut begangenen Taten belangt werden.

Missionare und Priester wurden zu den Ureinwohnern des hohen Nordens geschickt, um die Menschen zu christianisieren. Oft unterrichteten sie auch die Kinder und gaben den Einheimischen medizinische Hilfe. Mit ihrer großen Autorität und ihrem Wissen, das für die Inuit wirklich nützlich sein konnte, hatten die Priester ein großes Gewicht in den Gemeinschaften. Foto: Canadian Museum of History / Joseph Dewey Soper, via Wikimedia Commons

Doch das war noch nicht alles. Im September 2022 wurde eine zehnköpfige Delegation, zu der die Opfer des Priesters, ihre Familienangehörigen und die Vorsitzende der Nunavut Tunngavik Inc. (NTI), einem Vertretungsorgan der Inuit von Nunavut, Aluki Kotierk, nach Lyon geschickt, um Rivoire zu treffen. Dieses Treffen sollte dazu dienen, den Priester zu konfrontieren und ihn zu überzeugen, sich den kanadischen Behörden zu stellen. Ohne Erfolg. „Ich habe dem Teufel in die Augen geschaut.“, sagte nach dem Treffen Tanya Tungilik, deren Vater Marius, der angeblich von Rivoire sexuell angegriffen wurde, dem Alkohol verfallen war und mit 55 Jahren frühzeitig verstarb.

Die Delegation nahm auch Kontakt mit den Verantwortlichen der Oblaten, dem Präsidenten der Französischen Republik, Emmanuel Macron, der damaligen Premierministerin Elisabeth Borne und dem Justizminister auf. Es gab jedoch keine offiziellen Schritte, um die Auslieferung des Priesters zu erwirken oder ihn vor Gericht zu stellen.

Die Handlungen des Priesters wurden auch nicht von den Oblaten bestraft, obwohl Natan Obed, Vorsitzender der Inuit Tapiriit Kanatami (ITK), einer Organisation, die die Inuit in Kanada vertritt, direkt bei Papst Franziskus intervenierte. Es war im März 2022, während eines offiziellen Besuchs im Vatikan, und Obed bat das Kirchenoberhaupt, persönlich zu intervenieren und Rivoire anzuweisen, nach Kanada zu reisen, um dort vor Gericht gestellt zu werden, oder andernfalls bei den französischen Behörden zu intervenieren, um die Auslieferung des Priesters zu erwirken. Doch weder der Papst noch die Verantwortlichen der Oblaten, die behaupten, dass sie ebenfalls Druck auf Rivoire ausübten, damit er nach Kanada zurückkehrt, hatten Erfolg. Der Priester weigerte sich, sich der Justiz zu stellen und die Vorwürfe zuzugeben.

Schließlich leitete der Oblatenorden Schritte ein, um Rivoire aus der Gemeinschaft der Oblaten in Frankreich auszuschließen. Eine symbolische Maßnahme in Form einer ordnungsgemäßen Entklerikalisierung wurde 2022 gegen einen Mann eingeleitet, der bereits 90 Jahre alt war. Aber auch hier kam Rivoire davon. Die römische Führung entschied sich im Februar 2024 gegen seine Entlassung mit der Begründung, dass der Gesundheitszustand des Priesters es ihm nicht erlaubt hätte, die Reise nach Kanada anzutreten. Ein schwaches Argument für eine Maßnahme, die in diesem Fall für Gerechtigkeit sorgen würde.

Mirjana Binggeli, Polar Journal AG

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