Mit dem Wind über den grönländischen Eisschild | Polarjournal
Statt Kitesurfen auf dem Ozean brausen Ramón Larramendi und sein Team mit Windkraft über den grönländischen Eisschild auf einer knapp 30-tägigen Expedition über den grönländischen Eisschild. Bild: mit freundlicher Genehmigung von Osservatorio Arctico

Wenn Forschungsteams in der Arktis und der Antarktis unterwegs sind, müssen sie sich häufig mit logistischen Problemen herumschlagen. Dabei spielt die Fortbewegungsmethode eine grosse Rolle. Entweder man verwendet herkömmliche Fahrzeuge, die Treibstoff verbrauchen, kann aber grosse Distanzen relativ leicht überwinden oder man ist zu Fuss bzw. auf Skiern unterwegs und setzt sich Kälte, schwierigen Eis- und Windbedingungen aus. Ein neues Transportsystem soll nun Besserung bringen und wird zurzeit auf einer über 1’500 Kilometer langen Expedition in Grönland getestet.

Sieben Männer und eine Frau auf einem Schlitten, die mit bis zu 50 km/h von Süden nach Norden über den grönländischen Eisschild brausen, Forschung betreiben und dabei keinen Diesel verbrauchen? Was sich wie eine Fantasiegeschichte anhört, ist echte Realität: Der spanische Polarforscher Ramón Larramendi und seine sieben Teammitglieder testen zurzeit ein neuartiges Schlittensystem, welches nur von Solar- und vor allem Windkraft angetrieben wird. Dazu haben sie eine Expedition am 2. Mai 2024 vom südgrönländischen Qaleraliq gestartet und wollen innert 30 Tagen über 1’500 Kilometer ins nördlich gelegene Upernavik gelangen. Die Expedition, von Larramendi «SOS Arctic 2024» genannt, will dabei nicht nur das Schlittensystem auf Herz und Nieren testen, sondern auch gleich den wissenschaftlichen Nutzen unter Beweis stellen und ein zweiteiliges Forschungsprogramm durchführen.

Der Schlitten «Inuit Windsled» ist ein auf Inuit-Technik basierendes, modular aufgebautes Schlittensystem und mit rund 20 Metern Länge und 3 Metern Breite nicht gerade klein. Die einzelnen Module sitzen auf jeweils fünf Kufen, die über ein flexibles Netz von Stangen zusammengehalten werden und so Unebenheiten des eisigen Untergrunds während der Fahrten ausgleichen können. Das System bietet bis zu acht Personen Platz und während drei Fahrer vorne auf dem Steuermodul sitzen, können es sich die restlichen Mitglieder im Wohnmodul am Ende des Systems gemütlich machen. Energie für Navigation und Geräte erhält das System und das Team von Solarmodulen, die in der Mitte des Systems aufliegen. Bis zu drei Tonnen Material können auf dem «Windsled» transportiert werden, genug für längere Expeditionen sowohl in der Arktis wie auch in Antarktika

Das Herzstück des Systems ist neben dem simplen Aufbau der Schlitten auch der Antrieb. Dieser basiert auf einer eigentlich alten Idee, die bereits von Fridtjof Nansen ausprobiert worden war: Segeln. Doch während Nansen (und einige Polarforschende nach ihm) noch traditionelle Segel, die denen von Schiffen ähnelten, verwendet hatte, setzen moderne Expeditionen, besonders wenn sie allein unterwegs sind, auf Kitesegel. Diese kleinen Segel sind robust, leichter steuerbar und funktionieren auch bei geringeren Windgeschwindigkeiten.

Larramendi, ein Veteran in Sachen Polarexpeditionen und der einst mit 25 den geomagnetischen Nordpol als jüngster Polarforschender erreicht hatte, fragte sich «Warum nicht den Wind nutzen, um über die Eismassen von Grönland und Antarktika zu navigieren? Einfachheit, um Emissionsfreiheit am Nord- und Südpol zu erreichen.» Das Resultat von über 20 Jahren Entwicklung ist ein System von zwölf Kitesegeln, die zwischen 5 und 150 Quadratmeter Fläche und Seillängen zwischen 150 und 500 Metern Länge erreichen und mit denen «Inuit Windsled» Geschwindigkeiten zwischen 8 und 50 km/h erreichen kann. Gesteuert wird das System von drei Steuerleuten, die sich nach Angaben des Projekts in 10-Stunden-Schichten abwechseln.

Das 1-minütige exklusive Video zeigt die Funktionalität des Schlittens und das Steuern des «Windsled» mittels eines Kitesegels. Video: mit freundlicher Genehmigung des Osservatorio Arctico

Die Expedition von Ramón Larramendi ist jedoch nicht nur eine Testfahrt, sondern dient auch der Forschung über den grönländischen Eisschild. Gemeinsam mit Partnerinstitutionen aus Italien, Spanien und den USA wird das Team Schnee- und Luftproben an den verschiedensten Stellen für fünf verschiedene Projekte sammeln. Diese sollen dann einerseits auf verschiedene chemische Schadstoffe wie Quecksilber, PFAS und Russ, auf Mikroplastik und auf die Zusammensetzung von Mikroorganismen untersucht werden. Gleichzeitig soll auch ein neues portables System für Messungen von Ozon, Lachgas und Feststoffe in der Luft getestet werden. Das Hauptziel ist es, zu zeigen, dass das Schlittensystem nicht nur für den Transport von Material taugt, sondern eine echte Forschungsplattform darstellt, die für Arbeiten in Teilen der Arktis und in Antarktika verwendet werden kann.

Neben Ramón Larramendi sind ein italienischer Elektroingenieur und je ein venezolanischer und spanischer Bergsteiger dabei. Verstärkt wird das Team von grönländischen Logistikexperten und einer grönländischer Guidin und einem italienischen Grönlandguide. Mehrere italienische (darunter auch das Polarinstitut ISP und der italienische Forschungsrat), grönländische und spanische Partner unterstützen das Projekt von Larramendi.

Sollten die Tests erfolgreich verlaufen (was zurzeit danach aussieht), soll «Windsled» bereits ab dem kommenden Jahr für die Forschung zur Verfügung stehen und statt mit Dieselfahnen mit wehenden Kitesegeln durch die weissen Weiten Grönlands oder Antarktikas brausen, im Dienst der Wissenschaft.

Dr. Michael Wenger, Polar Journal AG

Link zur Webseite von Windsled.org

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