Neuer Svalbard-Bericht: Stärkere nationale Kontrolle durch Norwegen und weniger Schiffe | Polarjournal
Longyearbyen wird auch gelegentlich von großen Kreuzfahrtschiffen angelaufen, die über 2.000 Passagiere mitbringen. Im Gegensatz zu den deutlich kleineren Expeditionskreuzfahrtschiffen, ist der Nutzen dieser Art von Tourismus für die lokale Wirtschaft allerdings gering. Foto: Webcam Port of Longyear

In dem kürzlich veröffentlichten neuen Weißbuch zu Svalbard kündigt die norwegische Regierung unter anderem an, die nationale Kontrolle in vielen gesellschaftlichen Bereichen verstärken zu wollen. Gravierende Veränderungen fordert sie auch für die Tourismusbranche.  

Der neue Spitzbergen-Bericht der norwegischen Regierung enthält zahlreiche Maßnahmen, die laut einer Pressemitteilung insbesondere vor dem Hintergrund der schnell fortschreitenden Erwärmung auf Svalbard sowie der sicherheitspolitischen Lage entwickelt worden sind.

«Svalbard ist ein wichtiger Teil von Norwegen. In einer Zeit großer Veränderungen muss die Verwaltung von Svalbard berechenbar bleiben und einen stabilen Kurs beibehalten. Wir wollen die nationale Kontrolle stärken und Norwegens Präsenz auf der Inselgruppe unterstützen», sagt Emilie Enger Mehl, die norwegische Ministerin für Justiz und öffentliche Sicherheit, in einer Pressemitteilung des Ministeriums.

Seit dem letzten Svalbard-Bericht aus dem Jahr 2016 hat sich der Archipel der Pressemitteilung zufolge in vielen Bereichen stark verändert:

  • Longyearbyen hat sich von einer auf Kohlebergbau basierenden Gesellschaft zu einer modernen Familiengesellschaft entwickelt.
  • Die Einwohnerzahl ist so hoch wie nie zuvor.
  • Die Aktivitäten rund um Svalbard, insbesondere der Schiffstourismus, hat zugenommen.
  • Das Interesse an der Nutzung Spitzbergens für Forschungszwecke ist gewachsen.
  • Die Veränderungen aufgrund des Klimawandels machen die Natur anfälliger.
  • Küstengebiete sind für Schiffe aller Art wegen der Erwärmung leichter zu erreichen.
  • Geopolitische Spannungen reichen nun auch bis in die norwegischen Gebiete.

In Anbetracht dieser Veränderungen fordert die Regierung eine Reihe von Maßnahmen, die stärker unter nationaler Kontrolle stehen sollen und Bereiche wie die Energieversorgung, die Forschung, die Bildung, den Tourismus, die Umwelt und die Sicherheit betreffen.

«Die Maßnahmen werden insbesondere das Ziel der norwegischen Gemeinden auf dem Archipel und das Ziel der Erhaltung des besonderen Wildnischarakters des Gebiets unterstützen und insgesamt die nationale Kontrolle über die Aktivitäten auf dem Archipel weiter stärken», so Ministerin Mehl.

Der neue Svalbard-Bericht fordert auch die «Sicherstellung einer systematischen Kartierung des Meeresmülls in Svalbard und Berücksichtigung von Gebieten mit einem hohen Anteil an Meeresmüll im Zusammenhang mit dem Wissen über Lebensräume für gefährdete Arten. Die Strandsäuberung sollte in diesen Gebieten Vorrang haben.» Foto: Julia Hager

Svalbardposten, die in Longyearbyen ansässige News-Plattform, veröffentlichte eine lange Liste der geplanten Maßnahmen. Beispielsweise möchte die Regierung Anreize schaffen, die es für Norweger attraktiver machen, nach Svalbard zu ziehen und dort zu leben, um die norwegische Gemeinschaft in Longyearbyen zu stärken und die Präsenz zu erhöhen.

Im Bereich Klima und Umwelt soll unter anderem geprüft werden, «ob die derzeitigen Schutzbestimmungen ausreichen, um die Folgen des Klimawandels und künftiger Aktivitäten zu bewältigen». Darüberhinaus ist geplant, einen Naturinformationszentrum als Teil des Svalbard-Museums in Longyearbyen einzurichten, um die Kommunikation und das Wissen über die einzigartigen Umweltwerte von Svalbard zu stärken.

Auch in der Forschung sollen Maßnahmen umgesetzt werden. So soll es beispielsweise verpflichtend werden, Daten und Ergebnisse öffentlich zugänglich zu machen und gemeinsam zu nutzen. Bei allen Forschungs- und Bildungsaktivitäten sollen zudem der Fußabdruck und die Gesamtauswirkungen auf die Umwelt minimiert werden.

Doch mit den einschneidendsten Neuerungen wird sicher die Tourismus- bzw. Kreuzfahrtbranche konfrontiert. Die folgende Liste führt einige der Maßnahmen an, die die Regierung plant:

  • Ausarbeitung eines Vorschlags für Besucherbeiträge für Reisende nach Longyearbyen.
  • Einführung einer Obergrenze für die Anzahl der Personen an Bord von Kreuzfahrtschiffen in den Hoheitsgewässern von Svalbard. 
  • Erwägung einer Obergrenze für die Anzahl der dort verkehrenden Kreuzfahrtschiffe.
  • Einführung eines Zertifizierungssystems für Svalbard-Guides, um sicherzustellen, dass alle Guides über ausreichende Fachkenntnisse verfügen, um das Risiko von Unfällen für Menschen zu verringern und Umweltschäden zu vermeiden.
  • Ausarbeitung eines Leitfadens zur Risikobewertung für die Kreuzfahrtindustrie.
  • Einführung einer Vorschrift, wonach Decksoffiziere auf Schiffen mit einer Länge von mehr als 24 Metern, aber weniger als 500 Bruttoraumzahl, die in Spitzbergen bis zu 12 Passagiere befördern, eine Grundausbildung auf der Grundlage des Polarcodes absolvieren müssen.
Auch die kleineren Expeditionsschiffe, mit etwa 100 Passagieren, werden von den neuen Maßnahmen betroffen sein. Foto: Julia Hager

Ministerin Emilie Enger Mehl bekommt Unterstützung von der Handels- und Industrieministerin Cecilie Myrseth, die in einer Pressemitteilung der Regierung sagte: «Der Tourismus ist der größte Wirtschaftszweig in Svalbard. […] Die Regierung möchte die weitere Entwicklung der Branche in einer Weise fördern, die die Natur schont. Wir starten jetzt ein Pilotprojekt für Besucherbeiträge in Svalbard. Die Besucher von Svalbard müssen helfen, die Infrastruktur zu finanzieren, die die Tourismusindustrie benötigt.»

Nachdem auch die Zahl der Kreuzfahrtschiffe und -passagiere, die Svalbard besucht haben, in den letzten Jahren stark zugenommen hat, sieht die Regierung hier Handlungsbedarf, vor allem im Hinblick auf die Notfallvorsorge, die Umwelt und die Infrastruktur.

«Die Regulierung der Anzahl der Personen an Bord ist aus Sicht der Notfallvorsorge besonders wichtig. In Svalbard gibt es eine gute lokale Notfallvorsorge, die jedoch nicht für die Bewältigung größerer oder gleichzeitiger Zwischenfälle ausgelegt ist. Vorbeugende Maßnahmen sind daher sehr wichtig», sagte Ministerin Mehl. «[…] Wir müssen einen möglichen Unfall mit Tausenden von Kreuzfahrtpassagieren in Gebieten verhindern, die sowohl für Touristen als auch für Rettungskräfte ein hohes Risiko darstellen.»

Julia Hager, Polar Journal AG

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