Der polare Rückblick – Ereignisreiche Zeiten in der Arktis | Polarjournal
: Nicht nur der Dauerbrenner Klimawandel beschäftigte letzte Woche die Medien, wenn sie in Richtung Arktis blickten. Die Mitternachtssonne, die in einigen Wochen im Zenit stehen wird, beleuchtete auch Ereignisse in anderen Themenbereichen. Bild: Michael Wenger

Der polare Rückblick greift Geschehnisse der vergangenen Woche auf, die mit Arktis und Antarktis zusammenhängen und stellt einen oder mehrere Aspekte ins Zentrum der Betrachtung. Gerade in der Arktis waren die letzten Wochen sehr ereignisreich und gingen von Politik über Gesellschaft bis zur Forschung und Technik.

Die arktische Region mit seinen rund vier Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern wird zurzeit von der Mitternachtssonne erhellt, die schon in wenigen Wochen ihren Zenit erreichen wird. Und auch die Nachrichten aus dem hohen Norden steigen fast kontinuierlich an und lieferten letzte Woche vielfältige Schlagzeilen, die auch jenseits des Polarkreises auf Interesse stossen dürften: ein Todesfall eines bekannten, aber umstrittenen Polarforschers, eine geplante Forschungs- und Bildungseinrichtung auf Svalbard und eine Drohne, die in der Arktis für die Forschung zu einem Gamechanger werden könnte.

Der russische Polarforscher und Politiker Artur Chilingarov gehörte zu den Architekten der russischen Polarforschung und -politik. Der 1939 im heutigen St. Petersburg geborene Chilingarov starb am 1. Juni in Moskau. Bild: Duma, Wikicommons CC BY-SA 4.0

Am 1. Juni 2024 verstarb der russische Polarforscher und Politiker Artur Chilingarov 84-jährig in Moskau. Der im heutigen St. Petersburg geborene Sohn einer russischen Mutter und eines armenischen Vaters war seit dem Ende der 1960er Jahren massgeblich an der Entwicklung des sowjetischen und später russischen Polarprogrammes beteiligt. Ursprünglich Ingenieur und Ozeanograph arbeitete Chilingarov sowohl in der Antarktis wie auch in der Arktis und entwickelte für die Nordmeerroute neue Methoden für die Navigationsunterstützung. Er hatte mehrfach Expeditionen, u.a. der Drifteisstation Nordpol-19, in die Arktis und Antarktis geleitet. Besondere Bekanntheit erhielt er 2007, als er zusammen mit weiteren Expeditionsteilnehmern den Meeresboden am Nordpol erreicht hatte. Die dabei dort platzierte russische Flagge lieferte Stoff für zahlreiche Meldungen und Berichte in den Medien über russische Ansprüche auf das Nordpolgebiet.

Artur Chilingarov war aber auch als Politiker tätig und sass ab 1993 – 2011 erst als Abgeordneter für die autonome Region Nenets, später als Senator für den Oblast Tula im russischen Parlament. Ausserdem war er als Sondergesandter für arktische und antarktische Zusammenarbeit und als Mitglied für das russische Polarinstitut AARI ein wichtiger Vertreter gegenüber der internationalen Gemeinschaft in Polarfragen und er war im Laufe seines Lebens mehrfach für seine Arbeit ausgezeichnet worden. Trotz allem war Artur Chilingarov keine unumstrittene Persönlichkeit. So hatte er offen mehrfach erklärt, dass der Nordpol russisches Gebiet sein müsse und war von den westlichen Staaten auf die Sanktionsliste gesetzt worden, nachdem er für den russischen Angriff auf die Ukraine gestimmt hatte. Er hinterlässt eine Ehefrau und zwei Kinder.

Eine geplante Bildungseinrichtung in Barentsburg sorgt für weitere Verstimmung zwischen Russland und Norwegen auf Svalbard. Das hat zu einer Reaktion aus Oslo und deren Svalbard-Bericht geführt. Bild: Michael Wenger

Auch Svalbard hat es letzte Woche gleich mehrfach in die Schlagzeilen geschafft. Neben den vier massgeblichen Aspekten im vor kurzem veröffentlichten Svalbard-Bericht der norwegischen Regierung, geht das Schreiben auch auf die von Russland geplante Errichtung einer eigenen Forschungs- und Bildungseinrichtung in Barentsburg ein. Diese Ankündigung aus Moskau im letzten Sommer und die dazugehörige Aufforderung an die BRICS-Staaten, sich dem Bau anzuschliessen, bzw. ihn zu fördern und für wissenschaftliche Forschung zu nutzen, veranlasste die Regierung in Oslo dazu, im Svalbard-Bericht Stellung zu nehmen. Dazu heisst es im Bericht, dass die einzige höhere Bildungseinrichtung auf Svalbard die UNIS (Universitätszentrum in Svalbard) sein soll. Ausserdem soll die wissenschaftliche Arbeit und deren Verwaltung durch die Etablierung eines sogenannten «Svalbard Science Office» erleichtert und gefördert werden.  Damit will Oslo eine «norwegische Kontaktstelle für die (internationale, Anm. d. Red.) Forschungsgemeinschaft» einrichten und so mehr Klarheit über die Forschungsarbeiten auf Svalbard schaffen.

Es dürfte nicht allein die Bildung einer neuen Forschungs- und Bildungsinstitution auf Barentsburg gewesen sein oder die Einladung an Staaten wie Nordkorea oder Venezuela, das Oslo zu diesem Schritt bewogen hat, sondern auch die von Moskau geplanten Forschungsaktivitäten. Denn diese umfassen nicht nur die üblichen naturwissenschaftlichen Fächer, sondern auch ethnographische, kulturhistorische und paläographische Studien. Da Moskau einerseits seinen Anspruch auf Svalbard schon seit jeher damit begründet, dass Volksstämme aus russischem Hoheitsgebiet die ersten Bewohner Svalbard gewesen seien und andererseits Russland von der restlichen internationalen Forschungsgemeinschaft aufgrund der Sanktionen abgeschnitten ist, besteht die Befürchtung, dass der Kreml Arbeiten in den obengenannten Fachrichtungen ohne echte internationale Kontrollen wie peer-reviewte Artikel in seriösen Forschungszeitschriften und Vorstellung an Treffen und Symposien zu seinen Gunsten auslegen könnte.

Ein unbemanntes Luftfahrzeug (UAV) für die Arktis mit dem ungewöhnlichen Namen «Vanilla» hat die US-Firma Platform Aerospace entwickelt und in Alaska einem Test unter Realbedingungen unterzogen. Die Ergebnisse waren dabei sehr zufriedenstellend und könnten Forscher neue Möglichkeiten zur Datensammlung bieten. Bild: Pressemitteilung Platform Aerospace

Forschung war auch das Kernthema des dritten Ereignisses, das in der letzten Woche am arktischen Himmel von Alaska stattgefunden hatte. Von Deadhorse an der Nordküste liess die US-Firma Platform Aerospace ihr unbemanntes Luftfahrzeug mit dem klingenden Namen «Vanilla» in den Himmel steigen. Ausgerüstet mit verschiedenen Sensormodulen für die Meereis- und Wetterforschung, flog das UAV erst 17 Stunden über 900 Kilometer in Richtung Nordpol und wieder zurück, gefolgt von mehreren 370-Kilometer-Runden während 22 Stunden, alles ohne aufzutanken, wie die Firma in einer Pressemeldung mitteilte. Sensoren am Fluggerät leiteten Informationen über Vereisung, Wolken und andere mögliche Problemfaktoren an die Drohnenpiloten in Deadhorse weiter.

Auch schlechte Sicht am Start- und Landepunkt in der kleinen alaskanischen Gemeinde waren für «Vanilla» kein Problem. «Vanilla’s Leistung ist ideal für Umweltmonitoring-Missionen, wie beispielsweise diese Demonstrationsflüge mit mehreren Sensoren über das arktische Meereis», erklärte der leitende Ingenieur von Platform Aerospace, Dr. Dan Edwards. Sollten die weiteren Tests erfolgreich sein, dürfte «Vanilla» für Forschungsgruppen, die mehr über den Zustand des arktischen Meereises erfahren wollen, ein interessantes Werkzeug werden. Aber auch für Aufklärungsflüge innerhalb des US National Aispace System (NAS) im arktischen Teil seines Operationsgebietes hat sich Platform Aerospace mit «Vanilla» als ein möglicher Partner gezeigt.

Dr. Michael Wenger, Polar Journal AG

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