Der polare Rückblick – Die Sprachen der Arktis im digitalen Zeitalter | Polarjournal
In den arktischen Regionen werden die eigenen, lange unterdrückten Sprachen schon lange wieder als Amtssprachen und auf Strassenschildern verwendet. Doch die Sprachen zu erlernen oder zu verstehen ist schwierig. Abhilfe schaffen nun Übersetzungsdienste wie Google Translate. (Foto: Michael Wenger)

Der polare Rückblick greift Geschehnisse der vergangenen Woche auf, die mit Arktis und Antarktis zusammenhängen und stellt einen oder mehrere Aspekte ins Zentrum der Betrachtung. Dieses Mal stehen die ursprünglichen Sprachen der Arktis im Vordergrund, die lange ein Schattendasein gefristet haben und nun dank künstlicher Intelligenz gesellschaftlichen Auftrieb erhalten.

Kalaallit Nunaannut tikilluaqqusaagut – Wer diese drei Worte versteht, stammt entweder aus Grönland bzw. hat die grönländische Sprache gemeistert oder die Person hat sich eines technischen Hilfsmittels bedient (wie der Autor dieses Artikels). Denn seit letzter Woche besteht die Möglichkeit, Kalaallisut (die grönländische Sprache) zumindest textlich in Google Translate in andere Sprachen übersetzen zu lassen oder Texte aus der eigenen Sprache in Kalaallisut zu übersetzen.

Doch nicht nur Kalaallisut wurde ein Teil der Übersetzungssoftware. Auch Samí, die Sprache der arktischen Ureinwohner Skandinaviens, wurde zusammen mit weiteren 108 Sprachen dem Translator hinzugefügt, darunter auch Färöisch als weitere Sprache aus dem subarktischen Raum. «Google Translate überwindet Sprachbarrieren, um Menschen dabei zu helfen, sich zu vernetzen und die Welt um sie herum besser zu verstehen», erklärt Isaac Caswell, Senior Software Engineer bei Google Translate. «Wir erweitern Google Translate um 110 neue Sprachen – unsere bisher größte Erweiterung.»

Mit KI-Hilfe arktische Sprachen trainieren

Technisch gesehen wurde Google Translate mittels einer künstlichen Intelligenz, dem «PaLM 2 large Language model» trainiert. «PaLM 2 war ein wichtiger Teil des Puzzles, der dazu beitrug, dass Translate effizienter Sprachen lernen kann, die eng miteinander verwandt sind», erklärt Caswell die Funktionsweise der KI in einer Pressemitteilung. Doch trotz des technologischen Fortschritts können die Entwickler der KI nicht auf menschliche Unterstützung verzichten und setzen auch auf die Zusammenarbeit mit Sprachwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern und auch Muttersprachlern. Dies soll auch in Zukunft ein wesentlicher Teil der Weiterentwicklung sein, um das Modell zu verbessern.

Google Translate ist nicht die erste Übersetzungsapp, die arktische Sprachen für die Allgemeinheit zugänglich macht. Schon 2021 hatte Microsoft Inuktitut, einer der wichtigsten Dialekte der Inuktut-Sprachen in Kanada, zu seinem Translator hinzugefügt und dabei sogar eine romanisierte Form der Silbenschrift der Sprachen 2022 noch miteingebaut. Und auch die mittlerweile oft verwendeten KI wie ChatGPT können zumindest einfachere Phrasen oder Wörter beispielsweise in Kalaallisut übersetzen. Und noch vor 4 Monaten war von Kalaallisut bei Google Translate nichts zu sehen, obwohl es die Amtssprache von Grönland ist. Warum also jetzt die Umstellung?

Wer in Zukunft die Sprachen der Arktis verstehen will, kann zwar nun auf verschiedene Übersetzungsapps zugreifen. Doch diese stehen noch immer vor einigen Problemen, von denen einige einfacher, andere aber viel schwieriger zu lösen sein dürften. (Foto: Michael Wenger)

Förderung der Sprachenvielfalt

Google selbst gibt an, dass die Neuerungen im Zuge der «1’000 Sprachen Initiative» des Konzerns aufgeschaltet worden seien. Diese Initiative will KI-gestützte Modelle zur Unterstützung der 1’000 am weitesten verbreiteten Sprachen entwickeln und veröffentlichen. Daneben wolle man einen Beitrag zum Erhalt der globalen Sprachenvielfalt leisten, ein Ziel, zu welchem die UNESCO schon vor längerer Zeit aufgerufen hatte. Dazu sollen auch Sprachen, die nur von wenigen Tausend Menschen gesprochen werden oder die sogar kurz vor dem Aussterben stehen, mittels KI und einer Implementierung in Google Translate einer breiten Öffentlichkeit bekannter gemacht werden.

Auch hier ist Google nicht in einer Vorreiterrolle. Konzerne wie Microsoft oder Meta haben ähnliche Ziele und Gründe für die Implementierung von arktischen Sprachen in ihre Produkte und Services bereits früher angekündigt und umgesetzt. Und auch kleinere Unternehmen springen auf diesen Zug auf und entwickeln mittels künstlicher Intelligenzen Möglichkeiten für Unternehmen, Institutionen und Organisationen, Kalaallisut, Samí, die verschiedenen Inuktut-Dialekte und andere Sprachen der arktischen Volksgruppen zu nutzen und ihre Informationen den entsprechenden Bevölkerungen zugänglich zu machen.

Doch eigentlich spielen die Gründe für die Neuerungen nur eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger ist die Umsetzung. Sie bringt diese Sprachen, die über Jahrzehnte von Regierungen und kirchlichen Institutionen unterdrückt worden sind, wieder in das Bewusstsein der Menschen und erlaubt es, diese auch wieder verbreiteter zu erlernen oder zumindest zu nutzen. Denn Sprache ist viel mehr als die verständliche Weitergabe von Informationen. Sie ist ein Ausdruck der Identität und des Zusammenhaltes einer Gruppe, ein Ausdruck ihrer Vorstellungen und Geisteshaltungen, ihrer Geschichte und Kultur. Sie erlaubt den Blick in die Vergangenheit, definiert die Gegenwart und sichert die Zukunft. Auch wenn es erst eine seelenlose KI dazu braucht, so liefert diese zumindest den ersten grossen Schritt in das Fortbestehen der Kulturen der arktischen Völker und vieler anderen auf der Welt in einer Zeit der grossen Veränderungen und Herausforderungen.

Dr. Michael Wenger, Polar Journal AG

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