Vulkan nahe Grindavík dürfte Island noch lange beschäftigen | Polarjournal
Seit zwei Jahren drücken immer wieder Magmamassen aus dem Erdinnern des Fagradalsfjall-Vulkan auf der Halbinsel Reykjanes. Mittlerweile ist das naheliegende Dorf Grindavík evakuiert worden und wird auf absehbare Zeit nicht mehr bewohnbar sein. (Foto: Government of Iceland)

Weil Island schon immer ein vulkanisch aktives Gebiet war, sollten die Ergebnisse eines internationalen Forschungsteams die Bevölkerung der Insel nicht überraschen. Das 10-köpfige Team fand nämlich heraus, dass die gegenwärtigen Vulkanausbrüche auf der Halbinsel Reykjanes noch lange andauern dürften, nach über 800 Jahren Ruhe.

Die Forscherinnen und Forscher aus Schweden, Island, Tschechien und den USA sind nach drei Jahren Forschung zum Schluss gekommen, dass sich unter dem Fagradalsfjall eine rund 10 Kilometer breite und in 9 -12 Kilometer Tiefe liegende Akkumulierungszone von Magma befindet, die für die Ausbrüche sowohl im östlich von Grindavík liegenden Bereich Geldingadalir (2021) – Litli-Hrutur (2023) wie auch für die neuen Ausbrüche, die sogenannten Sundhnúkur-Ausbrüche nördlich der Gemeinde seit Ende 2023 verantwortlich ist. Gemäss den Resultaten der Studie vermutet das Team, dass die Quelle des Magmas im tieferen Bereich der Erdkruste liegt und nicht im Mantel, dem flüssigeren Teil des Erdinneren.

Die Karte links zeigt die Formationen, die den Reykjanes-Vulkangürtel (RVB, kleines Bild oben) bilden. Die Karte rechts zeigt die Ausbrüche, die seit 2021 auf der Halbinsel verzeichnet worden sind inklusive des Jahres. Das Forschungsteam entdeckte dabei, dass die Ausbrüche aus derselben Magmaquelle stammen. (Grafik: Troll et al. (2024) Terra Nova)

Das Team untersuchte seit den Ausbrüchen 2021 Proben der Lava auf ihre geochemische Zusammensetzung, um herauszufinden, wie der Vulkanismus unter der Halbinsel überhaupt aufgebaut ist. Denn man wusste bisher nur wenig darüber, da die Region seit über 800 Jahren keine vulkanische Aktivität mehr verzeichnet hatte. Man wusste zwar, dass unter der Halbinsel der Reykjanes Vulkangürtel liegt, eine aus 8 Formationen bestehende Struktur, die für die Ausbrüche der letzten 4’000 Jahre auf der Halbinsel verantwortlich ist. Doch über den inneren Aufbau der Magmazonen und deren Lage wusste man nur wenig. Dank den Ausbrüchen, die seit 2021 in der Region stattgefunden haben, eröffnete sich den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine einmalige Möglichkeit, einen tiefen Einblick in das Innere des Gürtels zu erhalten.

Obwohl Vulkanausbrüche per se grosses Gefahrenpotential aufweisen (eine Tatsache, die zahlreiche Schaulustige gerne vergessen für ein Facebook-Selfie), sind solche Fissuren-Ausbrüche, also durch Risse austretendes Magma, etwas weniger unbeständig und damit einfacher zu beproben und zu untersuchen. Dies ermöglichte es dem Team, Proben für eine «Fingerabdruck»-Analyse zu erhalten. Dazu wurde die Zusammensetzung der Sauerstoffisotope (Stoff mit gleicher chemischer Eigenschaft und unterschiedlicher Masse), gemeinsam mit geochemischem Material und den Karten seismischer Aktivitäten der verschiedenen Ausbrüche verglichen. Am Ende zeigte es sich, dass die Magmamengen in der Erdkruste und nicht, wie angenommen, im Erdmantel liegen und die Ansammlung unter dem Fagradalsfjall, einem Rücken auf der Halbinsel liegt. Bis auf den frühen 2021-Ausbruch bei Geldingadalir stammte das Magma aus der gleichen Quelle, folgerte die Forschungsgruppe aus den Resultaten.

Die kontinuierlichen Ausbrüche haben die Infrastruktur rund um Grindavík beschädigt. Die naheliegende «Blue Lagoon», die Geothermie-Kraftwerke bei Svartsengi und sogar der Flughafen Keflavik können bei einem längeren Andauern der Ausbrüche ebenfalls gefährdet sein. (Bild: nach Lauren Dauphin / NASA 2 Earth Observatory)

Auf die Frage, wie lange die Ausbrüche noch dauern, schreibt das Team einerseits in seiner Arbeit, «Aufgrund des früheren eruptiven Verhaltens wird sich dieses Muster wahrscheinlich in den kommenden Jahrhunderten fortsetzen.» Doch andererseits erklärt Dr. Ilya Bindemann, Vulkanologe an der Universität Oregon und Mitautor der Studie: «Die Natur ist nie gleichmässig. Wir wissen nicht, wie lange und wie häufig sie in den nächsten zehn oder sogar hundert Jahren andauern wird. Es wird sich ein Muster herausbilden, doch die Natur kennt immer Ausnahmen und Unregelmäßigkeiten.»

Sicher ist, dass die Ausbrüche auch Auswirkungen auf die auf der Halbinsel liegenden Infrastrukturen haben werden. Seit dem Start der Sundhnúkur-Ausbrüche musste die Ortschaft Grindavík komplett evakuiert und die Touristenattraktion «Blue Lagoon» mehrfach geschlossen werden. Strassen und Energieleitungen wurden beschädigt. Auch die grossen Geothermiekraftwerke bei Svartsengi, Reykjanes, Hellisheiði und Nesjavellir und sogar der internationale Flughafen Keflavík sind nach Angaben des Autorenteams bedroht. Auch wenn die Ausbrüche nicht so lange dauern würden, wie von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vermutet, werden sie die isländische Gesellschaft, Wirtschaft und Politik auf lange Zeit beschäftigen.

Dr. Michael Wenger, Polar Journal AG

Link zur Studie: Troll et al (2024) Terra Nova June 26, The Fagradalsfjall and Sundhnúkur Fires of 2021–2024: A single magma reservoir under the Reykjanes Peninsula, Iceland?; DOI: doi.org/10.1111/ter.12733

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