Meistertaucher der Weltmeere | Polarjournal
Was wir Landbewohner von Robben zu sehen bekommen, macht nur einen Bruchteil ihres Lebens aus: Robben sind im Meer zu Hause und dem Leben im Wasser optimal angepasst.

Hätte sich die bildschöne Sedna nicht dagegen gesträubt, dass ihr Vater sie mit einem schwarzen Raben verheiraten wollte – es gäbe heute keine Robben in den Meeren. Die schauerlichen Details zu dieser mythischen Entstehungsgeschichte der Robben erzählen sich die Inuit heute noch brühwarm in ihren frostigen Jägerlagern auf dem Packeis.

Der Legende zufolge schlug das eitle Eskimomädchen Sedna jeden Verehrer aus, bis ihr Vater erbittert befahl, dass der nächste Jäger, der in die Siedlung kommen würde, zu ehelichen sei. Bald schon sah sich Sedna gegen ihren Willen im Kajak eines gut gekleideten Fremden mit verhülltem Gesicht, der sie zu sich übers Meer hinweg mitnahm.

Das neue Heim jedoch entpuppte sich als blanke Klippe – und der neue Ehegatte als waschechter Rabe. Sedna schrie und weinte derart laut und herzerweichend, dass sogar ihr Vater das Wehklagen noch vernehmen konnte. Sofort brach er auf, seine unglückliche Tochter zu retten, lud sie in sein Kajak und paddelte tagelang übers Meer zurück. Der Rabe, gehörig erzürnt über die Entführung seiner Frau, flog den beiden hinterher.

Mit seinen Flügeln wühlte er den Arktischen Ozean auf – ein grosser Sturm brach herein, das Wasser schien zu kochen. Der Vater, von Angst befallen, stiess seine Tochter aus dem Boot und schrie in den brüllenden Wind: „Tu mir nichts, und nimm sie dir!“. Sedna klammerte sich mit ihren bereits eisig kalten Fingern am Rand des Kajaks fest. Panisch schlug ihr entsetzter Vater mit dem Paddel auf die Finger ein. Sednas Finger, fast schon gefroren, zersplitterten unter der Wucht des Riemens und fielen ins tosende Meer. Beeinflusst durch die grausige Macht des Raben-Gatten verwandelten sich Sednas Finger, wie sie sachte im Meer nach unten sanken, in Robben.

Das Inuitmädchen Sedna aber ist nicht ertrunken. Sie wurde zur Göttin der See und zur Mutter der Meerestiere. Und heute noch zollen ihr die Jäger des hohen Nordens zwischen Grönland und Alaska grossen Respekt. Hat ein Inuit eine Robbe erbeutet, tröpfelt er etwas Meerwasser in den Schlund des Tieres, um Sedna für ihre Güte zu danken und dafür, dass er seine Familie ernähren kann.

An Land müssen sich Hundsrobben wie dieser See-Elefant mühsam vorwärtswälzen. Dafür sind Körperbau und Körperform optimal den Anforderungen im Wasser angepasst. (Foto: Heiner Kubny)

Vierbeinige Vorfahren

Allerdings hat die heutige Wissenschaft dieser schaurig-schönen Inuitlegende eine ganze Menge nüchterner Tatsachen entgegen zu halten. Die moderne Geschichte der Entstehung von Robben geht so: Nicht aus Sednas Fingern, sondern aus einem bärenähnlichen, Fleisch fressenden Landraubtier hat sich vor rund 25 Millionen Jahren im Nordpazifik die erste (Ohren-)Robbe gebildet. Ihre Artverwandten, die Hunds- oder echten Robben, entwickelten sich ein paar Millionen Jährchen später, im mittleren Miozän. Ihr Vorgänger war ein otterähnliches Wesen aus dem nördlichen Atlantik.

In der Zoologie sind Robben in der Ordnung der Flossenfüsser (Pinnipedia) zu finden. Als Säugetiere der Meere teilen sie sich ihren nassen Lebensraum mit anderen Meeressäugern wie Walen, Delfinen, Seekühen und Ottern. Mit über dreissig Vertretern stellen die Robben knapp einen Drittel aller Meeressäugerarten.

Der Teufel steckt aber auch hier im Detail – und wer schon auf einer Polarreise einen „Seehund“ fotografiert hat, tut gut daran, das Bild hervorzusuchen und das Tier korrekt zu bestimmen. Denn Seehund oder Seelöwe sind Begriffe, die einem leicht über die Zunge gehen und an erste Begegnungen im Kindesalter mit Robben in Zoo und Zirkus erinnern. Doch in der Arktis oder der Antarktis sind diese beiden Vertreter der Robben gar nicht anzutreffen (wenn wir grosszügig von den Seelöwen an den Küsten Südamerikas und den Falklandinseln absehen)…

Doch so schwierig ist die Artbestimmung nicht, wenn wir schrittweise vorgehen. Zuerst die Ohren! Sieht man sie, oder sind die äusseren Ohrmuscheln gar nicht vorhanden? Dieses unscheinbare Merkmal hilft uns, die Robben bereits in zwei ihrer insgesamt drei Familien zu unterteilen – in die Ohrenrobben (mit Seelöwen, Seebären) und in die Hundsrobben, die keine sichtbaren Ohrmuscheln besitzen. Zu ihnen gehören Krabbenfresser- und Weddellrobbe der Antarktis, aber auch See-Leopard, See-Elefant, Bart- und Ringelrobbe der Arktis sowie die Seehunde.

Die dritte Familie, jene der Walrosse, fällt etwas aus dem Rahmen. Diese Familie besteht nur aus einer einzigen Art, dem Walross. Obwohl es keine sichtbaren Ohren hat, steht das Walross den Ohrenrobben näher, denn es bewegt sich an Land auf allen vier Gliedmassen.

Was uns überleitet zu einem weiteren Merkmal bei der Artbestimmung: die Fortbewegung an Land. Ohrenrobben und das Walross stützen ihren Körper nicht nur auf die Vorderflipper ab, sie können gleichzeitig auch die hinteren Flipper nach vorne unter den Körper schlagen und vierfüssig gehen. Hundsrobben können dies nicht; sie „robben“ über den Strand und kommen so relativ langsam voran.

Für Besucherinnen und Besucher polarer Gefilde ruft demnach die Kombination von Robbe, Ohrmuschel und gemeinsamem Strandabschnitt nach erhöhter Aufmerksamkeit — denn Ohrenrobben wie etwa der Antarktische Seebär können nichts ahnende Strandspaziergänger schnell und „leichtfüssig“ verfolgen. Ganz zu schweigen vom Gebiss dieses Raubtieres der Meere…

«Sedna in Contemplation», Skulptur aus Schlangenstein von der Inuit-Künstlerin Oviloo Tunnillie.

Neun Monate „auf See“

Der Wechsel zwischen Meer und Land, diese amphibische Lebensweise der Robben, geht auf die landbewohnenden Urahnen zurück und ist bis heute ein Charakteristikum der Robben geblieben. Obwohl sie zum Gebären der Jungen oder zum Wechsel des dichten Haarkleides aufs Eis oder Land kommen müssen, sind Robben hervorragend an ein Leben im und unter Wasser angepasst. Und genau dort verbringen sie den grössten Teil ihres Lebens, wobei es zum Beispiel der See-Elefant etwas gar extrem treibt: wenn im Meer, dann verbringt er bis 90 Prozent seiner Zeit unter Wasser – er taucht meist in Tiefen zwischen 200 und 400 Metern, manchmal unternimmt er auch Ausflüge bis 1500 Meter Tiefe.

Zwar sind wir daran gewöhnt, die Robbe – den Meeressäuger – an Land oder auf Eis zu sehen, doch der „Zeitplan“ räumt dem Leben im Wasser deutlich mehr Raum ein. So etwa bleibt der Nördliche Seebär nur gerade einen Monat pro Jahr an Land – die restliche Zeit verbringt er im Meer. Von ranghohen See-Elefantenbullen weiss man, dass sie über drei Monate lang an Land verweilen (um dort ihren Harem zu verteidigen…), doch drei Viertel des Jahres sind auch sie weit weg von jeglichen Küsten.

Moderne Forschungstechniken bringen Licht ins Verhalten der Robben und decken auf, dass etwa die Krabbenfresserrobbe im Zeitraum Februar bis Dezember, also im Südwinter, regelmässig zwischen Land/Eis und Meer wechselt. Der längste Aufenthalt ausserhalb des Wassers betrug 19 Stunden (im Mittel knapp 8 Stunden), die längste Zeit im Meer wurde mit rund 86 Stunden gemessen (Mittelwert rund 15 Stunden). Dabei verbrachten junge Krabbenfresser etwa doppelt so lange an der frischen Luft auf einer Eisscholle oder am Strand als ausgewachsene Tiere. Es wird spekuliert, dass sich die Jungen ausserhalb des Wassers sicherer fühlen, weil sie dort vor Feinden besser geschützt sind.

Eine weitere antarktische Robbe, die Weddellrobbe, liefert uns einen anderen Ansatz. Ihre Messwerte aus der Zeit des Fellwechsels zeigen auf, dass sich nur wenige Weddellrobben am Morgen ausserhalb des Wassers ausruhen. Ihre grosse Stunde schlägt zwischen 14. 30 Uhr und 17 Uhr, wenn die meisten Weddellrobben auf eine Scholle oder an Land robben.

In der Arktis wurde u.a. das Verhalten der Ringelrobbe näher untersucht. Im arktischen Winter zwischen November und Januar verbrachten ausgewachsene Ringelrobben nur gerade 4 Prozent ihrer Zeit pro Monat auf dem Eis, während Jungtiere rund 16 Prozent der Zeit ausserhalb des Wassers zubrachten. Ab Ende März blieben die Ringelrobben dann ständig etwas länger auf dem Eis liegen, und im Juni verbrachten sie über die Hälfte eines Tages beim Räkeln unter der arktischen Sonne.

Wenn die Eisscholle dick genug ist, sind sie relativ sicher vor Fressfeinden: Krabbenfresser-Robben machen Pause. (Foto: Heiner Kubny)

Ideale Körperform

So schwerfällig und plump eine Robbe an Land oder auf einer Eisscholle auch scheinen mag, im Wasser wird selbst die dickste See-Elefantenkuh zu einer anmutigen Ballerina. Bis es evolutionstechnisch soweit kommen konnte, mussten die Robben etliche Anpassungen in ihrem Körperbau über sich ergehen lassen – wie alle anderen einst landlebenden Säugetiere, die zum Leben im Wasser zurückgegangen sind.

Der Körper nahm die Form einer Spindel an, um im Meer den Wasser-Widerstand zu verringern. Um auch die allerletzte Möglichkeit von störender Wirbelbildung beim Schwimmen und Tauchen zu beseitigen, legten sich die Robben ein gut ausgebildetes Unterhautfettgewebe zu. Diese Fettschicht wird Blubber genannt; sie vereinheitlicht die Körperkonturen, dient der Wärmeisolation, stabilisiert beim Schwimmen und macht die Körperoberfläche elastisch, was nichts als Vorteile bringt beim Tieftauchen im eisigkalten Wasser.

In kargen Zeiten muss der Blubber auch als Nahrungsreserve herhalten, denn vier Fünftel dieses Gewebes bestehen aus reinem Fett. Robben sind derart reichlich mit ihrem Blubber ausgestattet, dass er bis zu 40 Prozent ihres Körpergewichtes ausmachen kann.

Walrosse bilden innerhalb der Robbenfamilie eine eigene Gattung. Wenn es ihnen draussen zu kalt wird, ziehen sie sich ins Wasser zurück: Dort ist es wärmer. (Foto: Heiner Kubny)

Wasserfest und kälteresistent

Isolation ist gut. Aber was nützt sie, wenn Wasser in den Körper eindringen kann? Auch zu diesem Problem haben die Robben eine optimale Lösung entwickelt: ihre Körperöffnungen sind verschliessbar. Dies geschieht einerseits aktiv durch Muskelkraft, anderseits auch passiv, zum Beispiel durch den immensen Wasserdruck. So etwa verschliesst der Wasserdruck die Nasenlöcher und die Ohröffnungen, wenn erst einmal eine entsprechende Tauchtiefe erreicht ist. Damit kann die Robbe bequem Muskelkraft und folglich Sauerstoff einsparen.

In ihrem Lebensraum Wasser sind Robben einem ständigen Kältestress ausgesetzt, denn Wasser leitet Wärme 24-mal besser als Luft. Anders herum: man kühlt im Wasser 24-mal schneller aus als an der frischen Luft. Blubber heisst die Lösung beim Thema Isolation, wie wir bereits gesehen haben. Aber was ist mit den (wenigen) Extremitäten einer Robbe, den Vorder- und Hinterflippern? Geht dort nicht viel Wärme verloren?

Wie viele andere Tiere auch vertrauen die Robben bei dieser Frage auf ein spezielles System ihrer Blutbahnen: Die Arterien, welche das warme Blut vom Herz her zu den Flippern leiten, verästeln sich unterwegs mit den Venen, in denen gerade abgekühltes Blut von den Extremitäten herzwärts fliesst. Es erfolgt ein Austausch an Wärme im Gegenstromprinzip: Das arterielle Blut wird allmählich kälter (so dass nur wenig Wärme durch die Flipper verloren gehen kann), und das venöse Blut, unterwegs in Richtung Körperkern, wärmt sich auf (so dass das Innere der Robbe nicht auskühlen kann). Aus dem gleichen Grund frieren zum Beispiel Vögel, die auf einer Eisscholle rasten, nicht an der Scholle fest.

Um sich zu wärmen, wenden Robben einen weiteren simplen Trick an: herumräkeln an der Sonne! Dabei speichern die Tiere Sonnenenergie. Bei windigem Wetter suchen sie windgeschützte Stellen auf oder legen sich nahe zueinander. Wenn es extrem kalt wird, ist es im Meerwasser am behaglichsten, denn dessen Temperatur kann nicht weiter als etwa -1,9° Grad fallen.

Von Januar 2004 bis April 2006 wurden die Wanderungen von insgesamt 85 mit Sendern markierten See-Elefanten gemessen: auf South Georgia (blau), den Kerguelen (grün), der Macquarie-Insel (türkis) und den South Shetlands (rot). Dabei wurde klar, wie riesig die Distanzen sind, die diese Tiere zurücklegen. Überraschend: Die See-Elefanten von South Georgia bevorzugen tendenziell das eher warme Wasser im Norden. Der längste gemessene «Ausflug» (schwarz) dauerte 326 Tage. (Grafik: PNAS)

Luftleere Lungen

Wie alle tauchenden Tierarten müssen auch Robben mit ihrem Sauerstoffvorrat haushälterisch umgehen, denn das Herz und das zentrale Nervensystem wollen auch während des Tauchgangs ausreichend mit Sauerstoff versorgt sein. Dieser wird deshalb grösstenteils den beiden wichtigsten Organen zugeleitet, dem Gehirn und dem Herz.

Und das geht so: Bevor eine Robbe oder ein anderes Meeressäugetier abtaucht, atmet das Tier aus. Es nimmt also nur einen minimalen oder gar keinen Luftvorrat mit unter Wasser. Bei einer Weddellrobbe aus der Antarktis kollabiert die Lunge vollständig ab einer Tiefe von 25 Metern.  Dieser radikale Vorgang verringert den Auftrieb und verhindert den Gasaustausch mit dem Blut und damit das Entstehen der Taucherkrankheit. Das bisschen Restluft verbleibt in den oberen Atemwegen, aus denen die Luft nicht ins Blut übertreten kann. Das eigentliche Zaubermittel, das den Meeressäugern ein sorgenfreies, tiefes Tauchen ermöglicht, heisst Myoglobin. Dieses Eiweiss findet sich in den Zellen von Skelettmuskeln und des Herzens, auch beim Menschen. Es ist der eigentliche Speicherplatz für Sauerstoff schlechthin und macht deutlich, weshalb Robben ohne ein Quäntchen Luft in den Lungen lange und bis in grosse Tiefen tauchen können: Der Stoffwechsel bedient sich einfach des gespeicherten Sauerstoffs im Myoglobin. Tieftaucher unter den Meeressäugern verfügen über 10- bis15-mal mehr Myoglobin als ein Mensch.

Seeleopard auf «Beobachtungsposten». Wenn er abtaucht verschliesst ihm der Wasserdruck die Nasen- und Ohrenlöcher. (Foto: Heiner Kubny)

Eingelagerter Sauerstoff

Praktischerweise häufen diejenigen Robbenmuskeln, die fürs Schwimmen zuständig sind, ausgesprochen mehr Sauerstoff an als die anderen Muskeln. Während wir Landratten in jedem Kilo unseres Muskelpakets etwa 8 Milliliter Sauerstoffvorräte anlegen können, bringt es eine Robbe auf 70 Milliliter. Das hängt einerseits mit dem Myoglobin zusammen, von dem die Robben einfach mehr haben als wir. Doch fairerweise muss gesagt sein, dass Robben die besseren Taucher sind, weil sie natürlich auch viel mehr Blut in ihren Adern haben als wir Menschen. Im Körper eines zierlichen, 30 Kilogramm schweren Robbenweibchens pulsieren etwa 4,5 Liter Blut – fast die gleiche Menge wie bei einem 70 Kilogramm schweren Mann. Zudem ist Robbenblut dickflüssiger und weist besonders viele rote Blutkörperchen auf, die erst noch grösser sind als die unsrigen.

Neuere Forschungen an Klappmützen, einer Robbenart des Nordatlantiks, haben eine weitere Taktik ans Licht gebracht, mit der sich Robben vor der Kälte schützen und sich ein sicheres Tauchen ermöglichen: Sie hören auf zu frösteln. Während Robben, wie andere Säugetiere auch, vor dem Tauchgang zittern, um sich warm zu halten, setzt dieser Reflex aus, sobald sie abgetaucht sind. So sparen sie Sauerstoff, der sonst für das Muskelzittern aufgewendet werden müsste. Gleichzeitig sinkt damit auch die Körpertemperatur der Tiere um bis zu 3° Grad ab, was auch den Sauerstoffbedarf der übrigen Gewebe reduziert.

Mit ihren Barthaaren spüren Robben Fische auf, die bis zwei Meter vorher an ihnen vorbeigeschwommen sind. Im Bild: Bartrobbe. (Foto: Heiner Kubny)

Polarnacht-Taucher

Soweit die Beobachtungen während der Sommermonate. Doch was machen diese Tiere im Winter, wenn es bitter kalt ist, das Meer über hunderte, gar tausende Kilometer gefroren und die Polarnacht monatelange Dunkelheit beschert?  Kleine Satellitensender, die man an den Tieren befestigt, geben uns minutiös Auskunft darüber, wie eine Robbe ihr wahres Leben lebt.

(Fast) nichts bleibt mehr verborgen – auch Tauchtiefen und –zeiten, die Lage des Körpers unter Wasser und sogar die Beschaffenheit des Wassers, Geschwindigkeiten oder zurückgelegte Strecken lassen sich dank dieser Minisender erforschen. So weiss man jetzt, dass eine Weddellrobbe bei ihrem 15-minütigen Tauchgang in der Antarktis 1840 Meter unter Wasser zurücklegte und eine Tiefe von 401 Metern erreichte (ihre Rekordwerte: 750 Meter Tiefe und 73 Minuten unter Wasser!).

Oder die See-Leoparden: Sobald der energiezehrende Haarwechsel Ende Sommer überstanden ist und der Südozean zu gefrieren beginnt, machen sich die Seeleoparden auf hinaus ins Meer. Sie bleiben den ganzen Südwinter über im offenen Wasser am Rande des Packeises, das den Kontinent Antarktika fest umschliesst, und benutzen das Eis nur selten als Ruheplatz. Ein paar unternehmen grössere Ausflüge bis zu den subantarktischen Inseln wie Kerguelen, Heard oder Macquarie.

Von denjenigen Seeleoparden, die Südgeorgien besuchen, weiss man seit kurzem, dass sie in Wintern mit tieferen Wassertemperaturen dort häufiger aufkreuzen. Dies wohl deshalb, weil Seeleoparden pagophil sind, wie die Biologen sagen – eisliebend. Die grösste Tagesstrecke lag bei 150 Kilometern. Während diese Robben im Herbst und Frühwinter noch eher nachts nach Nahrung tauchen, so ziehen sie für ihre Streifzüge ab Mitte Winter die hellen Tageszeiten vor. Die meisten gemessenen Tauchgänge waren kürzer als 5 Minuten und reichten in Tiefen von 10 bis 50 Metern hinab, ein Mal ging es bis auf 304 Meter Tiefe.

Eine eher ungewöhnliche Zusammenarbeit von deutschen und dänischen Zoologen und Astronomen brachte kürzlich an den Tag, dass der Gemeine Seehund, eine Robbenart der nordeuropäischen Küsten, die Sterne am nächtlichen Firmament zur Orientierung erkennen kann. Nun spekulieren die Forscher darüber, ob die Astronavigation bei Robben und anderen Meeressäugern vielleicht sogar noch weiter entwickelt ist als bei Zugvögeln.

Eine junge Pelzrobbe wärmt sich an der Sonne auf. Eine angenehme Art Energie zu tanken. (Foto: Heiner Kubny)

Wenn das Meer müde macht

Weil Robben acht Monate des Jahres oder länger im offenen Meer verbringen, stellen wir uns unweigerlich die Frage: Wie schlafen die denn? Erdverbunden, wie wir Menschen sind, können wir uns nur schwer vorstellen, dass man als Robbe sein Haupt nicht unbedingt auf ein Kopfkissen betten muss, um wohlig zu schlafen. Das Kissen der Robben ist die See – und dort lässt sich selbst unter Wasser prima schlafen.

Beim Unterwasserschlaf wachen Robben jedoch sehr häufig und regelmässig auf, um an die Oberfläche zu gelangen und ein paar Mal kräftig durchzuatmen. Wissenschafter vermuten, dass sich Robben, die in der Tiefe schlafen, sicherer fühlen als an der Wasseroberfläche, weil tief unten weniger Feinde anzutreffen sind.

Man hat auch erkannt, dass Ohrenrobben ein ganz anderes Schlafverhalten an den Tag (besser: an die Nacht) legen als Hundsrobben. Bei den Ohrenrobben schläft nur die eine Hirnhälfte – eine Fähigkeit, die man auch bei den Vögeln festgestellt hat. Wenn also eine Ohrenrobbe im Halbschlaf mit Hilfe der einen wachen Hirnhälfte kurz auftaucht, um zu atmen, döst die andere Hälfte des Gehirns in aller Ruhe weiter.

Walrosse, Seehunde und manchmal einzelne See-Elefanten hat man schon in einer ganz ausgefallenen Schlafposition mitten im Meer gesichtet: Sie schlafen an der Wasseroberfläche. Man sieht aber nur knapp den Kopf mit den grossen Nasenöffnungen aus dem Wasser ragen. Der Rest des Robbenkörpers driftet beinahe senkrecht im Wasser wie der Korken einer Weinflasche. „Bottling“ wird diese Schlafweise genannt, vom englischen Wort für Flasche.

Zumindest bei den See-Elefanten weiss man dank den erwähnten Satellitensendern inzwischen auch, wie diese Tiere normalerweise im offenen Wasser schlafen. Die grösste Robbenart der Welt verbringt Monate auf See und legt dabei Zugstrecken zurück, die mehrere tausend Kilometer lang sein können. Das macht natürlich müde: Überkommt sie der Schlaf, drehen sich See-Elefanten auf den Rücken und lassen sich bis zu 16 Minuten fallen.

Wie ein grosses, fettes, tonnenschweres Laubblatt trudeln sie in Spiralen dem Meeresboden entgegen. Fast wäre man versucht, sich bei diesem Bild an die Finger der Meeresgöttin Sedna zu erinnern, wie sie sachte im Meer nach unten sinken, und denen alle Robben der Welt ihr Dasein verdanken…

Wenn See-Elefanten sich im Wasser zum Schlafen bereitmachen, schaut häufig nur noch die mächtige Nase heraus. Bei Bullen sind diese Bereiche wie ein Rüssel geformt, um auch an Land Eindruck zu machen. Bild: Michael Wenger

Die Robben der Welt: von ganz viel bis fast ausgerottet

Die Krabbenfresserrobbe der Antarktis ist mit einer stolzen – allerdings auch umstrittenen – Zahl die häufigste Robbe und auch eines der häufigsten Säugetiere überhaupt: von ihr soll es 11 bis 12 Millionen Tiere geben, wie grobe Schätzungen behaupten. An zweiter Stelle auf der Südhalbkugel folgt der Antarktische Seebär (auch Antarktische Pelzrobbe) mit bis zu 4 Millionen Tieren.

Auf der Nordhalbkugel hält die Sattelrobbe mit 6 bis 8 Millionen Individuen den Häufigkeitsrekord, mit der Ringelrobbe auf Platz zwei (vermutlich über 3 Millionen Individuen). Am anderen Ende der Volkszählung findet sich die Mittelmeer-Mönchsrobbe mit weniger als 450 Tieren. Sie ist eines der weltweit am stärksten bedrohten Säugetiere. Wer eine solche Mönchsrobbe zu sehen bekommt, dem ist eine glückliche Zukunft garantiert, so sagt man wenigstens. Das Abbild eines Mönchsrobbenkopfes zierte eine der ersten Münzen, die vor gut 2500 Jahren geprägt wurde.

Von Peter Balwin (Text)

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