Argentinien erteilt grünes Licht für Antarktissaison, aber… | Polarjournal
Der für Argentinien wichtige Antarktistourismus wird praktisch unisono ab Ushuaia abgewickelt. In der Provinzhauptstadt starten und enden alle Fahrten zur antarktischen Halbinsel und die von Argentinien beanspruchten subantarktischen Inseln und die Falklandinseln. Doch seit März 2020 hat man hier kaum mehr Passagierschiffe gesehen. Bild: Michael Wenger

Die COVID-Pandemie beherrscht auch 2021 zum grossen Teil das öffentliche Leben weltweit. Dies trotz grossen Impfkampagnen und zahlreichen Öffnungsversuchen in vielen Ländern. Und während in einigen Ländern bereits eine vierte Welle grassiert, sind in anderen Ländern noch nicht einmal die zweiten oder dritten wirklich vorbei. Dazu zählen einige Länder in Südamerika, darunter Argentinien. Das Land hatte sich bei Beginn der Pandemie abgeschottet und liess keinen ausländischen Tourismus mehr zu, auch keine Antarktissaison 20/21. Nun hat aber die Regierung beschlossen, den wichtigen Sektor wieder zu eröffnen.

Per Dekret wurde bekanntgegeben, dass ab dem 20. Oktober 2021 «die schrittweise und sichere Wiederaufnahme der Aktivität von Biozeanischen und Antarktischen Kreuzfahrten im Rahmen der Bestimmungen dieses Verwaltungsbeschlusses» geplant sind. Der Beschluss gibt auch der Provinzregierung von Tierra del Fuego und allen anderen Provinzen und den nationalen Behörden das Recht, operationelle Pläne, die von den Hafenbehörden aufgestellt worden sind oder noch werden, umzusetzen. De facto wäre damit die Antarktissaison ab dem 20. Oktober eröffnet und Ushuaia und Puerto Madryn, die beiden Abfahrtshäfen für Expeditionsreisen, können mit ihren Plänen vorangehen.

Tourismus ist für Ushuaia ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor. Während man im Winter vor allem auf den Alpintourismus setzt, sind es die Antarktistouristen und Kreuzfahrtgäste, die man im Sommer Willkommen heisst. Tausende von ihnen strömen dann täglich durch die Strassen der Stadt und den umliegenden Sehenswürdigkeiten. Archivbild: Michael Wenger

Für die Provinzregierung von Tierra del Fuego und ihrer Hauptstadt Ushuaia sind die Nachrichten aus dem über 3’200 Kilometer entfernten Buenos Aires gut. Denn schon vor Wochen hatten Behörden von Hafen, Flughafen, Tourismus und Vertreter der Provinzregierung gemeinsam beschlossen, ein Massnahmenpaket für eine Antarktissaison 21/22 zu schnüren. Eine erneute Absage der Saison wäre für die gesamte Region ein schwerer wirtschaftlicher Schlag gewesen. Zu sehr ist man auf die zehntausenden Touristen angewiesen, die von hier aus ihre Reise zu Pinguinen und Co. antreten. Noch vor der Pandemie hatten mehr als 70’000 Menschen die Antarktis besucht, der Grossteil von ihnen ab Ushuaia. Es liegt nun an den Behörden, Pläne zu erstellen, wie man den Forderungen der Regierung, einen möglichst sicheren und reibungslosen Ablauf und die Behandlung der Gäste umsetzen will.

Zumindest die Wintersaison hatte sich für Ushuaia als sehr lukrativ erwiesen, wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren haben. Aufgrund von extremen Wärmeeinbrüchen in Teilen Argentiniens, fehlte es dort an Schnee für den Wintersport. Dagegen hatte Ushuaia einen sehr schneereichen Winter verzeichnet. Gepaart mit einer überdurchschnitttlich hohen Impfquote im nationalen Vergleich und einem gut umgesetzten Schutzmassnahmenpaket, verzeichnete der Ort hohe Zahlen an Wintertouristen.

Für zehntausende von Passagieren war die vergangene Zeit ein Auf und Ab und der Traum einer Antarktisreise musste immer wieder verschoben werden. Ob es nun in dieser Saison klappen wird, ist aber trotz dem grünen Licht aus Buenos Aires noch offen. Bild: Michael Wenger

Damit wäre alles für einen Start einer neuen Antarktissaison bereits? Nicht ganz, denn bei genauerem Hinsehen zeigen sich einige Fragezeichen, ob es am 20. Oktober tatsächlich zum lange erwarteten Start kommen wird. Denn im Beschluss der Regierung steht, dass der Start «im Rahmen der Gesundheitsmassnahmen, die zum Zeitpunkt der Umsetzung in Kraft sind» vorgenommen werden darf und «unter Vorbehalt der zu diesem Zweck von der nationalen Gesundheitsbehörde aufgestellten Empfehlungen» stehen. Dies gilt für die Pläne, die von den Provinzregierungen und deren Behörden erstellt werden sollen. Und auch für die Anbieter der Fahrten gilt dieser Beschluss:  Alle müssen den zum 20. Oktober geltenden Massnahmen und Empfehlungen der Bundesregierung und der nationalen Gesundheitsbehörde entsprechen. Und genau darin liegt die Krux der Sache: Da niemand genau vorhersagen kann, wie die Lage in Argentinien und auch in den Heimatländern der Gäste und Schiffscrews zu diesem Zeitpunkt sein wird, werden Planungen enorm schwierig für alle Beteiligten. Denn zum einen haben die vergangenen Monate gezeigt, dass die einzige Konstante in der gesamten Pandemie deren Inkonsistenz ist.

Ausserdem hat die Regierung in Buenos Aires mit sehr schnellen und teilweise unabgesprochenen Entscheidungen nicht gerade eine glückliche Figur gemacht gegenüber Fluggesellschaften und Ländern. Zwar waren sie zum Schutz der Bevölkerung gedacht gewesen, hatten aber für viel Unmut bei Organisationen, Ländern und auch in der eigenen Bevölkerung geführt. Besonders die Kontingentierung der Flugreisenden und das de-facto-Landeverbot für ausländische Maschinen, die nicht argentinische Staatsbürger zurückbringen, hatte für viel internationale Kritik gesorgt und gezeigt, dass die Situation alles andere als stabil ist. Ob die Anbieter von Antarktisreisen unter diesen Umständen gewillt sind, ihre Gäste in die Schönheit der Antarktis zu führen, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Erste Betreiber haben bereits im Vorfeld Anpassungen an ihre Fahrpläne vorgenommen.

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

Link zum Beschluss der argentinischen Regierung (in Spanisch)

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