Muss Dänemark US-Atom-Müll entsorgen | Polarjournal
Die amerikanische Basis «Camp Century» bestand aus 21 Tunnels die ins Eis gegraben wurde. Die Anlage hatte eine Gesamtlänge von 3000 m. Zusätzlich sollten tausende Kilometer Schienen, für Atomraketen und ein paar Hundert Startrampen für 600 Raketen mit Atomsprengköpfen, in Röhren unter’s Eis gebaut werden.

Ein streng geheimes Projekt des US-Militärs aus dem ‘Kalten Krieg’ und der darin verborgene Giftmüll könnte schon bald Gesprächsstoff geben. Inzwischen gilt die längst verlassene Basis «Camp Century» als Umweltrisiko. Der Klimawandel und das schmelzende Eis werden wahrscheinlich mithelfen die Abfälle schon bald ans Tageslicht zu bringen. Noch nicht ist ganz klar wer die Entsorgung stemmen muss.

Die 0,5 Quadratkilometer große Anlage wurde 8 Meter unter Firneis gebaut. Zur Infrastruktur gehörten wohnliche Unterkünfte für bis zu 200 Soldaten die unter dem Eis eingebaut wurden. Nicht fehlen durften ein Spital, Kantine und soziale Einrichtungen zur Freizeitgestaltung.

Es waren die hektischen Tage des ‘Kalten Krieges’, als die Rivalität zwischen den Nuklearmächten USA und Sowjetunion dazu führte, dass die militärischen Führer ständig neue Wege suchten, um die andere Seite zu überlisten. Die Planer des Pentagons dachten, durch das Hin- und Herbewegen von 600 atomar bestückten «Iceman»-Raketen zwischen 2.100 Silos könnte ihre Gegenspieler in der Sowjetunion im Ungewissen lassen.

«Camp Century» lag zudem strategisch günstig unter der Eisdecke 225 km von Thule entfernt im Nordwesten Grönlands. «Camp Century» wurde vom «Corps of Engineers» der US-Armee konzipiert. Zur Stromversorgung wurde ein mobiler 1,5-MW-Kernreaktor «Alco PM-2A» eingesetzt. Die Installation des Reaktors war eine der letzten Arbeiten, die im November 1960 abgeschlossen wurden, kurz bevor das Camp offiziell eröffnet wurde.

Der Deckel des unversiegelten Kernbrennstoffbehälters von «Camp Century» im Jahr 1962. (Foto: W. Robert Moore)

Die Basis war Teil eines groß angelegten Plans namens Project «Iceworm». Unter der Eisdecke sollte ein 4.000 Kilometer langes Schienennetz errichtet werden, in dem die Atomraketen transportiert werden konnten. Im Abstand von sechs Kilometern sollten 600 ballistische Raketen gelagert werden und bereit sein ihre Ziele in Russland und Osteuropa zu erreichen.

Von 1959 bis 1961 gruben sie Hunderte von Metern in den verdichteten Schnee und bauten eine unterirdische Stadt mit Schlafquartieren, Laboratorien, Büros, einem Friseursalon, einer Wäscherei, einer Bibliothek und warmen Duschen für 200 Soldaten.

Henry Nielsen und Kristian Hvidtfelt Nielsen haben im Zusammenhang mit ihrem Buchprojekt stark von der Tatsache profitiert, dass die USA während des Betriebs der Basis so viel Berichterstattung wie möglich über «Camp Century» wünschten. Vor allem, um den ‘Roten Ivan’ technologische und militärische Muskeln zu zeigen. Neben amerikanischen Journalisten lud die US-Verteidigung auch Pfadfinder nach «Camp Century» ein. Man wollte zeigen zu was US-Militärs fähig sind und um Propaganda zu verbreiten. 

Im Rahmen einer Propagandakampagne lud die US-Armee Pfadfinder ein, «Camp Century» zu besuchen. Unter ihnen ist der Däne Søren Gregersen, der als 18-Jähriger mit seinem amerikanischen Pfadfinderkollegen Kent Göring sechs Monate auf der Militärbasis blieb. Das Bild zeigt wie der mobile Kernreaktor «PM-2A» vom Kontrollraum gesteuert wird. (Foto: National Archives Washington)

Die erstaunliche technische Meisterleistung funktionierte jedoch nicht so richtig. Die Einrichtungen standen dem Druck und Bewegungen des Eises nicht stand und die Schienen, auf denen der Raketenzug fuhr, wurde zusammengedrückt. Probleme mit dem Kernreaktor erzwangen 1964 seine Entfernung. Die Errichtung der Basis acht Meter unter dem Eis kostete viel Aufwand, Energie und Geld. Trotz der großen Investitionen hatte die Basis von 1959 bis 1965 nur eine Lebensdauer von sechs Jahren. 

Dank ihres Verbindungsmanns und ‘Spions’ Erik Jørgen-Jensen erhielt die dänische Regierung ab 1960 nähere Informationen über das «Camp Century». Der Öffentlichkeit wurde das Projekt erst 1997 bekannt.

Der Däne Erik Jørgen-Jensen spionierte als junger Mann drei Jahre lang das US-Militär im «Camp Century» aus und unterrichtete die dänische Regierung.

Nach der Schliessung des «Camp Century» gingen die Ingenieure davon aus, dass die verlassene Station schließlich von Eis bedeckt sein würde. Damals glaubte man, dass der Abfall wahrscheinlich keinen Schaden anrichteten würde und erst in 8.000 Jahren wiederauftauchen würde. Doch Jahrzehnte später stellte die Erwärmung der Temperaturen unter dem Einfluss des Klimawandels ein Problem dar. Im Jahr 2016 berichtete ein Team von Wissenschaftlern, dass die rasche Erwärmung des grönländischen Eisschildes dazu führen könnte, dass radioaktiver, toxischer und menschlicher Abfall, der in «Camp Century» zurückblieb, freigesetzt wird und möglicherweise den Ozean erreichen könnte.

Lagerräume wurden einfach ins Eis gebaut, blieben aber unverkleidet und ungeheizt.

Was blieb im «Camp Century zurück

Zurückgelassen wurde die gesamte Infrastruktur verteilt in 21 Tunnels in Form von Eisenbahnen und Gebäuden mit einem Gewicht von rund 9.200 Tonnen. Der chemische Abfall in Form von Dieselöl und polychlorierten Biphenylen (PCB) beträgt ca. 200.000 Liter und zusätzlich gibt es biologischen Abfall in Form von 24 Millionen Litern unbehandeltem Wasser. Es wird auch vermutet, dass eine unbekannte Menge schwach-radioaktive Kühlmittel vom Reaktor zurückgelassen wurde. Mitgenommen wurde nur das AKW. Die fast 10.000 Tonnen Müll liegen heute 30 bis 70 Meter unter dem Eis.

US-Militärs montieren einen Tank für nuklearen Abfall (Foto: W. Robert Moor)

Wer soll die Entsorgung bezahlen

Erst am 24. September 1962 einigten sich Dänemark und die Vereinigten Staaten in einem Vertrag auf folgenden Wortlaut:

„Die Regierung der Vereinigten Staaten erkennt ihre Verantwortung an, alle gültigen Ansprüche aus dem Betrieb der Anlage vollständig zu bezahlen, und wird ‘angemessene Maßnahmen’ ergreifen und falls erforderlich Vorkehrungen für solche Ansprüche treffen. Unstimmigkeiten werden auf normale Weise unter Berücksichtigung der einschlägigen dänischen Gesetzgebung und der internationalen Konventionen beigelegt“, heißt es in der Vereinbarung.

Es ist jedoch höchst zweifelhaft, ob das Abkommen von 1962 heute noch rechtliche Auswirkungen hat. Das Abkommen enthält auch so viele vage Formulierungen, dass es Dänemark heute – im Namen Grönlands – möglicherweise schwerfällt, einen tatsächlichen Rechtsanspruch gegen die Vereinigten Staaten geltend zu machen.

Ohne eine etablierte Einigung in dieser Frage könnte das „multinationale, generationenübergreifende“ Problem, das «Camp Century» und seine Abfälle zu einer Quelle von Spannungen zwischen den USA, Grönland und Dänemark werden.

Dänemark erlaubte den USA in einem Abkommen von 1951, «Camp Century» und andere Stützpunkte auf Grönland zu errichten, aber es ist nicht klar, wie viel es über die dort geleistete Arbeit oder die zurückgelassenen Abfälle erfahren hat. Erschwerend kommt hinzu, dass Grönland 1979 weitgehend selbstverwaltet wurde.

Heiner Kubny, PolarJournal

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