Sind Eisbären schlauere Jäger als bisher angenommen? | Polarjournal
Eisbären sind zwar die grössten Raubtiere der Welt. Doch sogar der grösste Eisbär kann gegen ein ausgewachsenes Walross kaum etwas ausrichten mit der normalen Jagdstrategie. Nutzen die Jäger deshalb Felsen und Eisbrocken? Dieser Frage gingen drei Forscher nach. Bild: Michael Wenger

Eisbären stehen in der Arktis an der Spitze des Nahrungsnetzes. Die grössten Landraubtiere, die auch den Meeressäugern zugeschlagen werden, bevorzugen zwar Robben als Beute, sind aber auch nicht wählerisch, wenn die Nahrung knapp wird. Geschichten und Beobachtung, wie die cleveren Raubtiere dabei geschickt vorgehen, machen schon seit Jahrhunderten die Runde. Ein Team von Forschern ist nun der Frage nachgegangen, ob Eisbären auch Felsen und Steine nutzen, um grosse Beute wie Walrosse zu erlegen. Dabei sind sie zu überraschenden Resultaten gekommen: Einige Eisbären scheinen schlauere Jäger zu sein als bisher angenommen.

In ihrer Arbeit untersuchten die drei bekannten Eisbärenforscher Ian Stirling, Kristin Laidre und Eric Born verschiedene Quellen aus der Polargeschichte und verglichen sie mit neueren Berichten aus der Wildnis und aus Zoologischen Gärten. Dabei kamen sie zum Schluss, dass tatsächlich einige Eisbären Hilfsmittel verwenden, wenn sich die Gelegenheit bietet, eine Nahrungsquelle zu erschliessen. Doch dies gilt vor allem für Eisbären in Zoos, wo dies auch gesichert beobachtet werden konnte. Für die Tiere in der Wildnis, so die Forscher, könne es gelegentlich vorgekommen sein, aber nicht im gleichen Masse wie bei anderen Wildtieren, wie beispielsweise Schimpansen. Vor allem bei Walrossen, so die Schlussfolgerung des Teams, könnten Eisbären tatsächlich versuchen, die Tiere mit Felsen von oben oder mit Eisbrocken zu verletzen oder gar zu töten. «Folglich schlagen wir vor, dass, obwohl die Verwendung von Werkzeugen durch Eisbären in freier Wildbahn wahrscheinlich ein seltenes Ereignis ist, ihre mögliche Verwendung wahrscheinlich auf Walrosse beschränkt ist aufgrund ihrer Grösse, der Schwierigkeiten, sie direkt zu töten und aufgrund ihres Besitzes potenziell tödlicher Waffen für ihre eigene Verteidigung und ein Raubtier direkt anzugreifen», schreibt das Team in ihrer Arbeit.

Eine der frühesten Beschreibungen, die es in die westliche Welt geschafft hatte, war die Zeichnung von Charles Francis Hall (kleines Bild), die der US-amerikanische Polarforscher aufgrund von Überlieferungen der Inuit erstellte. Darin zeigt er, wie ein Eisbär Felsen auf untenliegende Walrosse wirft. Bild: Charles Francis Hall, Library of Congress

Für die Arbeit nutzten Ian Stirling und seine Kolleginnen und Kollegen den sogenannten TEK-Ansatz (Traditional Ecological Knowledge), bei dem von Inuit überlieferte Erzählungen über das Verhältnis von Lebewesen in ihrer Umwelt als Quelle verwendet werden. Dabei konnte das Team auf zahlreiche und lange zurückliegende Berichte von Jägern und Fischern zurückgreifen, die Eisbären bei den verschiedensten Gelegenheiten beobachten konnten. So erzählten Inuitführer beispielsweise dem US-amerikanischen Polarforscher Charles Francis Hall 1865, dass sie von Eisbären in der kanadischen Arktis gehört hatten, wie sie mit «einer bewundernswerten Genauigkeit und exakt kalkulierter Kurve» einen Felsen auf ein am Fuss einer Klippe liegendes Walross geworfen hatten und so den mächtigen Schädel des Tieres zerschmetterte. Andere Polarforscher berichteten bis in die Neuzeit von ähnlichen Erzählungen der Inuit, bei denen Eisbären grosse Steine oder Eisbrocken verwendet hatten, um Walrossen damit den Schädel einzuschlagen.

Erstautor der Studie, Professor Ian Stirling, erhielt von einem Forscher des US Geological Survey ein Video, in dem gezeigt wird, wie ein Eisbär mit Eisschollen nach einer Robbe im Wasser wirft. Dem Bären war im Zuge einer anderen Forschungsarbeit eine GoPro umgebunden worden. Video: USGS

Neben den Erzählungen aus zweiter Hand betrachtete das Team auch Erlebnisse von Inuit aus erster Hand, wobei sie diese als Geschichten von Jägern, deren Namen klar bekannt und auf eigenen Beobachtungen basierend, definierten und auf veröffentlichten direkten Beobachtungen. Und auch hier konnten sie einige solche Beobachtungen notieren: Von einem Eisbären, der durch das Werfen von Eisbrocken versucht hatte, erwachsene Walrosse von einem Kalb zu trennen; Ein Eisbär, der mit einem Eisbrocken ein Kalb bewusstlos geschlagen hatte und es danach tötete. Ausserdem mehrere Beobachtungen, bei denen Eisbrocken neben Spuren von Jagdversuchen von Eisbären auf Robben auf dem Eis entdeckt worden waren. Dabei zeigten einige Eisbrocken Spuren von Manipulation. Das Team kommt dabei zum Schluss, dass Eisbären die Eisbrocken vor der Verwendung für ihre Zwecke geformt haben könnten.

«Wir wissen überhaupt nichts Experimentelles oder Objektives. Wir haben jedoch viele Beobachtungsinformationen, die darauf hindeuten, dass Eisbären wirklich schlau sind.»

Professor Ian Stirling, University of Alberta, Erstautor der Studie

Direkte Beobachtungen, wie Eisbären Gegenstände für die Nahrungsbeschaffung verwenden, konnte das Team nur aus dem Zoologischen Garten von Osaka verwenden. Dort wurde gezeigt, wie der Eisbär „GoGo“ mit verschiedenen Gegenständen nach einer weit obenliegenden Futterquelle fischt. Nach der Veröffentlichung des Artikels in der Zeitschrift Arctic, erhielt Erstautor Professor Ian Stirling ein Video eines Eisbären, der mit Eisstücken nach einer Robbe im Wasser wirft. Die Aufnahmen stammten aus einer Forschungsarbeit des US Geological Survey USGS in Alaska.

Eisbären sind sehr geschickte und schlaue Raubtiere, die bei der Jagd in erster Linie mit ihren mächtigen Pranken und dem kräftigen Gebiss auf den Kopf ihrer Beute zielen. Meistens handelt es sich dabei um Ringel- und Bartrobben, denen an einem Atemloch im Eis aufgelauert wird. Deren Grösse ist für den bis zu 600 Kilogramm schweren Eisbären auch noch nutzbar. Doch Walrosse, die als ausgewachsene Tiere zwischen 700 und 1’500 Kilogramm wiegen, meist in grossen Gruppen an Land und auf dem Eis liegen und eine dicke Haut und Speckschicht besitzen, sind für einen Eisbären eine andere Liga. Die Schädel der Walrosse sind massiv und lassen sich nicht so leicht knacken. Ausserdem sind die Tiere mit ihren bis zu einem Meter langen Stosszähnen durchaus in der Lage, einen Eisbären schwer zu verletzen oder sogar zu töten. Daher müssen Eisbären bei der Jagd auf Walrosse sehr vorsichtig sein und ihre Strategie entsprechend anpassen und vorausplanen. Ihre kognitiven Fähigkeiten seien auch durchaus gross genug, dafür. Das kann durchaus auch bedeuten, dass sie dabei auch auf Gegenstände in ihrem Lebensraum zugreifen können, kommen die drei Forscher zum Schluss. «Wir wissen überhaupt nichts Experimentelles oder Objektives», sagt Ian Stirling gegenüber ScienceNews. «Wir haben jedoch viele Beobachtungsinformationen, die darauf hindeuten, dass Eisbären wirklich schlau sind.»

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

Link zur Studie: Stirling et al (2021) Arctic 74 (2) 175-187 Do wild polar bears use tools when hunting walrus; DOI: https://doi.org/10.14430/arctic72532

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