Seevogel-Hotspot im Nordatlantik soll Schutzgebiet werden | Polarjournal
Falkenraubmöwen brüten im borealen Sommer in der gesamten Arktis in der trockenen Tundra weitab von der Küste. Auf ihren Wanderungen suchen sie den Hotspot im Nordatlantik auf. Foto: Dr. Michael Wenger

Im Rahmen einer umfassenden Studie, an der 79 Wissenschaftler aus der ganzen Welt beteiligt waren, wurde im Nordatlantik ein Gebiet von großer Bedeutung für Millionen von Seevögeln identifiziert. Nun laufen Anstrengungen, dieses zum Schutzgebiet zu erklären. 

Viele Seevogelarten sind auf ihren Wanderungen häufig mehrere Tausend Kilometer unterwegs von den Überwinterungsgebieten in die sommerlichen Brutgebiete und umgekehrt. Dabei begegnen sie zahlreichen, teils menschengemachten Gefahren, wie z.B. von der Fischerei ausgebrachten Langleinen oder Plastikmüll. Hinzu kommen die Überfischung und die Auswirkungen des Klimawandels, die ebenfalls die Nahrungsverfügbarkeit beeinträchtigen. Laut Johannes Lang, Wildbiologe an der Universität Gießen und Co-Autor der Studie, gehören Seevögel deshalb zu den am stärksten bedrohten Wirbeltiergruppen, wobei knapp die Hälfte aller Arten einen Bestandsrückgang erlebt.

Das internationale Forscherteam führte in seiner Studie, die von BirdLife International geleitet und in der Fachzeitschrift Conservation Letters veröffentlicht wurde, Tracking-, Phänologie- und Populationsdaten zusammen und kartierte die Häufigkeit und Diversität von 21 Seevogelarten. Als Ergebnis identifizierten die Wissenschaftler ein Gebiet im Nordatlantik, das ihren Schätzungen zufolge für bis zu fünf Millionen Seevögel aus mindestens 56 Kolonien in 16 verschiedenen Ländern von großer Bedeutung ist.

Der Hotspot befindet sich mitten im Nordatlantik (grün) zwischen 41° bis 53° N und 32° bis 42° W und ist etwa 595.000 Quadratkilometer groß. Die Pfeile zeigen die marinen Ökosysteme an, aus denen die Vögel in das Gebiet wandern, und sind mit dem Namen und der Anzahl der Arten gekennzeichnet. Die gestrichelten Pfeile stammen aus Gebieten im Südatlantik (auf der Karte nicht sichtbar). Seevogelkolonien sind in Kreisen dargestellt (schwarz = in der Analyse verwendete Daten, weiß = berücksichtigte, aber nicht in der endgültigen Analyse enthaltene Daten) Karte: Davies et al. 2021

Laut der Studie besuchten alle 21 untersuchten Arten den Hotspot, darunter auch Arten, die in der Arktis oder borealen Zone brüten. So nutzten beispielsweise Küstenseeschwalben (Sterna paradisaea), Falkenraubmöwen (Stercorarius longicaudus) oder Schwalbenmöwen (Xema sabini) das Gebiet als Zwischenstopp für ihre Wanderungen, je nach Jahreszeit nach Norden oder Süden, um ihre Kraftreserven aufzufüllen. Wohl am zahlreichsten waren Dreizehenmöwen (Rissa tridactyla) und Papageitaucher (Fratercula arctica), die den Hotspot im borealen Winter nutzten. Auch Arten, die in der südlichen Hemisphäre brüten, fliegen bis zu 13.000 Kilometer, um im Südwinter die Region aufzusuchen, z.B. Südpolarskuas (Stercorarius maccormicki), Große Sturmtaucher (Ardenna gravis) und Dunkle Sturmtaucher (Ardenna grisea). Besonders wichtig ist der Hotspot für den Großen Sturmtaucher, der sich von April bis September mit 1,5 Millionen Vögeln dort aufhielt.

Im borealen Winter im Zeitraum von Januar bis März war die Gesamtzahl der Seevögel mit etwa fünf Millionen am höchsten. Zwischen April und Juni waren noch 2,9 Millionen Vögel im Gebiet bevor die Zahl im letzten Quartal wieder auf ungefähr 4,3 Millionen stieg. Bei drei Arten nutzen etwa zwei Drittel der jeweiligen weltweiten Population das Gebiet als Winterquartier: Südpolarskua, Falkenraubmöwe und Dunkler Sturmtaucher. Falkenraubmöwen wurden unter anderem von Johannes Lang mit kleinen Geologgern ausgestattet. 

Ein kleiner Geologger am Bein der Falkenraubmöwe gibt Aufschluss über ihre Wanderrouten. Foto: Dr. Michael Wenger

Die verbesserten elektronischen Ortungstechnologien sind sehr wertvoll für die Erforschung schwer erfassbarer Arten. «Diese Fortschritte sind auch für den Schutz von Seevögeln von entscheidender Bedeutung – zum Beispiel bei der Planung von Meeresschutzgebieten für diese stark bedrohte Gruppe», erläutert Lang. Darüber hinaus, so der Biologe, tragen solche Daten zu einem besseren Verständnis der Dynamik mariner Ökosysteme im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung bei.

Der Hotpsot gilt als «Important Bird Area» (wichtiges Vogelschutzgebiet, IBA) und kann als wichtigstes ozeanisches Futtergebiet für brütende Seevögel im Nordatlantik sowie als eine der wichtigsten Ansammlungen wandernder Seevögel im Atlantik angesehen werden. Die Forscher sind der Ansicht, dass der Hotspot als ganzjähriges Meeresschutzgebiet  (Marine Protected Area, MPA) ausgewiesen werden sollte, vor allem vor dem Hintergrund, dass 17 der 21 untersuchten Arten von Beifang, Überfischung, Energieerzeugung, Verschmutzung und Klimawandel betroffen und deren Populationszahlen rückläufig sind. Die OSPAR-Kommission (Oslo-Paris-Convention on the protection of the North East Atlantic) zieht immerhin die Ausweisung des Hotspots als Meeresschutzgebiet in Betracht.

Julia Hager, PolarJournal

Link zur Studie: Davies, Tammy E., Carneiro, Ana P.B., Tarzia, Marguerite, et al. Multispecies tracking reveals a major seabird hotspot in the North Atlantic. Conservation Letters. 2021; e12824. https://doi.org/10.1111/conl.12824

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