Neuer Antrieb zum Schutz der Arktis am Arctic Circle Treffen | Polarjournal
Das Arktische Meereis verschwindet in alarmierender Geschwindigkeit, Permafrostböden tauen auf und verursachen grosse Schäden an der Infrastruktur. Um den Schutz der Arktis noch zu gewährleisten, müssen die Staaten nun Gas geben. Am Arctic Circle Treffen in diesem Jahr scheint dies angekommen zu sein.

Wie wichtig die Arktis ist, zeigt sich daran, wie viele Staaten die Region mittlerweile auf ihre Agenda gesetzt haben, unabhängig davon, ob sie eine Arktisnation sind oder nicht. Besonders deutlich zeigt sich dies bei Halbzeit des grössten Treffens über arktische Belange der Welt, die Arctic Circle Assembly 2021.

Was haben die EU, Frankreich, die USA mit Südkorea, Schottland und den Färöer-Inseln, Grönland, Dänemark, Russland und den Orkney-Inseln gemeinsam? Auf den ersten Blick kaum etwas. Doch an der diesjährigen, endlich wieder live stattfindenden Arctic Circle Assembly haben sie alle ihre zukünftigen Arktis-Strategien vorgestellt. Dabei zeigte sich schon fast ein unheimlich einheitliches Bild, ganz so, als ob sie sich abgesprochen hätten. Nachhaltigkeit, Reduktion der Emissionen, verstärkte Forschungsprojekte und gleichzeitig die verstärkte Einbindung der lokalen indigenen Bevölkerung in die Lösungsfindung und Entscheidung bei allen Projekten wurden auf die Agenda gesetzt. Das Ziel bei allen: die Rettung der Arktis vor den Auswirkungen des Klimawandels, dessen Ursprung zumindest von den meisten gegenwärtigen Regierungen nicht mehr in Frage gestellt wird.

Das für viele Leute wichtigste Thema in der ersten Hälfte des Treffens war die neue, klare Arktis-Strategie der EU, die von EU-Kommissar Virginijus Sinkevicius und in den Sessions von EU-Botschafter für die Arktis, Michael Mann, vorgestellt worden war. Bild: Arctic Circle via Flickr

Besonders die EU stach in diesem Jahr mit sehr viel Aktivität in den verschiedenen Plenar- und Arbeitssessionen hervor. EU-Kommissar Virginijus Sinkevicius hob die Bedeutung der Arktis für die EU in seiner Rede vor den Teilnehmern hervor. «Wir kämpfen dafür, dass Öl und Gas im Boden bleiben werden», erklärte er eine der Forderungen der EU in ihrer Arktis-Strategie. Auf Gegenliebe trafen diese Worte besonders bei Befürwortern der Öl- und Gasförderung aber nicht. Mead Treadwell, ehemaliger Vizegouverneur von Alaska bezeichnete das Vorgehen als schikanös und meinte, es wäre besser, wenn die EU den Dialog suchen würde anstatt die Industrie aus dem Geschäft zu drängen. «Nicht wir machen das, sondern der Klimawandel und die steigenden Temperaturen sorgen dafür», erwiderte der EU-Kommissar selbstbewusst. Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe seien gefragt und dazu sei die EU bereit, erklärte Sinkevicius weiter. Jeder sei eingeladen, der Aufforderung nachzukommen.

Das Schweizer Projekt “Sailing in the Arctic» will mithelfen, Löcher in der Datenlage über Methanausstoss im arktischen Ozean zu stopfen und gleichzeitig Menschen ausserhalb der Arktis diese Region näherbringen und so ein Bewusstsein für deren Schutz zu fördern. Im Bild v.l.n.r.): Ava Moll (Schweizer Botschaft für Norwegen und Island), Prof. Daniel McGinnis (Uni Genf), Pierre Baumgartner (Künstler), Manon Wagner (Fondation Pacifique), Laure Müller (Fondation Pacifique) Bild: Michael Wenger

Die Arctic Circle Treffen bestehen im Wesentlichen aus zwei Bereichen: den Plenumsdiskussionen, an denen Politiker und Sachverständige zum einen die Visionen und Ziele für die Arktis vorstellen und dann den Teilnehmern Rede und Antwort stehen müssen; zum anderen präsentieren verschiedenste Interessenvertreter konkretere Arbeiten, Projekte und Ziele in kleineren Treffen einem interessierten Publikum. An beiden Teilen war auch in diesem Jahr die Schweiz in der einen oder anderen Form mit dabei. Einerseits präsentierte die «Fondation Pacifique» ihr Projekt «Sailing in the Arctic», ein multisdisziplinäres Forschungs- und Lernprojekt. Weiter wird heute Abend der «Frederik Paulsen Arctic Academic Action Award» verliehen. Dabei ist der namensgebende Mäzen Dr. Frederik Paulsen auch eine der massgebenden Persönlichkeiten in der Schweizer Polarforschung. Wir werden über beides noch eingehender berichten.

Zahlreiche Länder und Regionen bekundeten am diesjährigen Treffen ihre Entschlossenheit, an der Zukunft der Arktis aktiv mitarbeiten zu wollen. Dabei zeigte sich, dass diese Arbeit vor allem Klimaschutz, Integration, und Kooperation in Sicherheitsfragen beinhaltet. Dies bekräftigten alle Redner, auch die Regierungschefin Schottlands Nicola Sturgeon, im Vorfeld des Klimagipfels. Bild: Michael Wenger

Insgesamt zeigte der bisherige Verlauf des Arctic Circle Treffens, dass der Schutz der Arktis und das Bewusstsein, dass zur Rettung der Region nur Zusammenarbeit und rasches Handeln aller Beteiligten gewünschten Erfolg bringen wird. Auch die Tatsache, dass Lösungen nur unter dem Miteinbeziehen der lokalen Bevölkerung gefunden werden können, scheint nun auch in den obersten Etagen der Politik angekommen zu sein. «Wir müssen die Arktis nicht aus unserer Sicht sehen, sondern Rücksicht darauf nehmen, wie die einheimische Bevölkerung ihre Welt wahrnimmt», erklärte dazu Heiðar Guðjónsson, Vizevorsitzende der Arktischen Wirtschaftsrates.

«Die Arktis hat den Schritt von der ungastlichen, unbekannten Region in das Zentrum der Weltöffentlichkeit gemacht»

Olafur Ragnar Grímsson, Vorsitzender Arctic Circle

Neben diesem Bewusstsein wird auf dem Treffen viel stärker über erneuerbare Energien, Digitalisierung der Region, Förderung des arktischen Selbstverständnisses, neuen und nachhaltigeren Wirtschaftsmodellen diskutiert. «Die Arktis hat den Schritt von der ungastlichen, unbekannten Region in das Zentrum der Weltöffentlichkeit gemacht», sagte Olafur Ragnar Grímsson an seiner Eröffnungsrede. Es bleibt zu hoffen, dass diese Aussage tatsächlich gilt und auch in zwei Wochen am Klimagipfel in Glasgow denselben Schwung mitbringen wird, um die Visionen und Strategien in handfeste Entscheidungen umzuwandeln.

Dr. Michael Wenger, PolarJournal, live vor Ort

Link zur Webseite von Arctic Circle Assembly 2021

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