Corona-Lockdown bringt Ruhe in die Ozeane | Polarjournal
Buckelwale (Megaptera novaeangliae), hier im Glacier Bay National Park in Alaska, und andere Meeresbewohner profitieren von der plötzlichen Ruhe in den Ozeanen. Foto: Jonathan Irish

Insgesamt betrachtet stellt die Pandemie weltweit vielerlei Bedrohungen für die Tierwelt dar: Naturschutzprogramme kämpfen um die Finanzierung und gleichzeitig nutzen Wilderer die Gunst der Stunde, da sie aufgrund reduzierter Patrouillen weniger zu befürchten haben. Den Giganten der Meere und auch anderen Tieren scheinen jedoch die globalen Coronavirus-Beschränkungen zugute zu kommen. Denn in die Meere kehrt Ruhe ein: es gibt wesentlich weniger Lärm durch Schiffsverkehr und auch die extrem lauten seismischen Erkundungen haben abgenommen.

Einige der anfänglich verbreiteten herzerwärmenden Geschichten über die während der Abriegelung gedeihende Natur – wie die Behauptung, dass Delphine in die Kanäle von Venedig zurückgekehrt seien – sind nicht wahr. Andere dagegen schon. Es gibt Anzeichen dafür, dass Wildbienen vom Rückgang der Luftverschmutzung profitieren, die ihre Fähigkeit, Blumen aus der Ferne zu riechen, stören kann. Ein weiterer positiver Nebeneffekt des Lockdowns ist die drastische Abnahme der Lärmverschmutzung in den Ozeanen. Für Meeresbewohner, allen voran die Wale, dürfte die Ruhe von Vorteil sein, selbst für das kleine Zooplankton.

Im Glacier Bay National Park and Preserve in Alaska sollte das erste Kreuzfahrtschiff der Touristensaison am 30. April ankommen. Aber das passierte nie. Die Kreuzfahrten wurden wegen der Bedrohung durch Covid-19 abgesagt. „Es gab keinen großen Schiffsverkehr, und wir erwarten keinen vor mindestens Ende Juli“, sagt Christine Gabriele vom Glacier Bay National Park and Preserve in Gustavus, Alaska. Die einzigen Boote, die unterwegs sind, sind kleine lokale Boote.

Gabriele ist an einer mehrere Jahrzehnte dauernden Studie über Buckelwale in der Region beteiligt. Ein Schlüsselelement ist die Überwachung ihrer Laute inmitten des Unterwasserlärms, der durch den starken Bootsverkehr verursacht wird. Ein Hydrophon (ein Unterwasser-Mikrophon), das am Meeresboden an der Mündung von Glacier Bay verankert ist, zeichnet die Kommunikation der Wale auf.
Es ist zwar zu früh für eine definitive Aussage, aber laut Gabriele ist es den Bootslärm betreffend “sehr ruhig”. Das könnte bedeuten, dass sich die Wale über ein größeres Gebiet ausbreiten können, da sie sich über viel größere Entfernungen miteinander verständigen können, als in einer lauten Umgebung. Es könnte auch die Art und Weise verändern, wie sie kommunizieren. „Werden sie längere Kommunikationsphasen haben? Werden sie komplexere Vokalisationen haben?“, fragt Gabriele.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde es schon einmal plötzlich ruhiger im Lebensraum der Nordatlantischen Glattwale (Eubalaena glacialis), woraufhin diese laut einer Studie weniger Stresshormone produzierten. Foto: Anderson Cabot Center for Ocean Life at the New England Aquarium

Es gibt eindeutige Hinweise darauf, dass Wale weniger Schiffslärm in ihrem Lebensraum bevorzugen. In den Tagen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 kam der Schiffsverkehr rund um Nordamerika zum Erliegen. Manuel Castellote und Susan Parks, Wissenschaftler der Woods Hole Oceanographic Institution, sammelten während dieser Zeit  in der Bay of Fundy, Kanada, Daten für eine Studie über das Sozialverhalten von Nordatlantischen Glattwalen (Eubalaena glacialis) und stellten fest, dass sich die Lärmumgebung über Nacht drastisch verändert hatte. Durch die Kombination von Analysen gesammelter Walexkremente und Unterwasseraufnahmen stellten Parks und ihre Kollegen fest, dass Schiffslärm mit Stress bei Walen korreliert ist.
“Diese Studie ist ein ziemlich schöner Beweis dafür, dass industrieller Lärm tatsächlich eine Stressbelastung für Meerestiere darstellt“, erklärt David Barclay, Wissenschaftler für marine Akustik an der Dalhousie University.

Von dem, was wir bisher wissen, scheint die derzeitige Lärmumgebung nicht allzu weit von dem entfernt zu sein wie die Ozeane vor 150 Jahren geklungen haben. Nicht gerade leise, denn nicht-menschliche Geräusche wie Wellen, Wind, Regen und sogar Garnelen haben schon immer einen natürlichen Lärm gemacht, aber auch nicht erfüllt von menschengemachtem  Motorenlärm.
Leisere Ozeane bringen wahrscheinlich gesündere Meeressäuger hervor. Frei von der Ablenkung und dem Stress, die wir verursachen, würde die Nahrungssuche für sie einfacher, die Paarung bequemer und die Orientierung ungestörter werden.

Zooplankton, das nach dem Einsatz sogenannter seismischer ‘Airguns’ im Umkreis von 1,2 Kilometern gefangen wurde. Ein großer Anteil der Tiere überlebte die lauten Knalle nicht. Fotos: McCauley et al. 2017

Eine Verringerung der Lautstärke könnte neben Walen auch noch viel mehr Arten schützen. Eine Studie aus dem Jahr 2017 fand heraus, dass Zooplankton durch die extrem lauten Knalle, die bei der seismischen Exploration ausgesendet werden, getötet wird. Zudem können Zehntausende von Fischarten hören und viele nutzen Schall zur Kommunikation.
Aller Wahrscheinlichkeit nach werden die Vorteile, die der Lockdown mit sich bringt, für die natürliche Umwelt nur von kurzer Dauer sein. Michelle Fournet, Marine Akustikerin an der Cornell University, sagt, dass die „Momentaufnahme“, die gerade jetzt produziert wird, genau das ist: eine Chance zu hören, wie die vorindustrielle Welt klang.

Christine Gabriele vom Glacier Bay National Park and Preserve in Alaska hofft jedenfalls, dass die Ruhe gut für die einheimischen Buckelwale ist. Ihre Population ist seit 2013 rückläufig, viele Individuen verschwinden und nur wenige Kälber werden geboren. Im Jahr 2019 nahmen die Zahlen zwar zu, aber viele der Wale blieben abgemagert, was darauf hindeutet, dass ihnen die Nahrung fehlte.
„Wenn es ein produktiver Sommer und ein ruhiger Sommer ist, wird das ein echter Vorteil für diese Population sein, die einige wirklich harte Zeiten durchgemacht hat“, sagt sie.

Quellen: NewScientist, The Narwhal, Rolland et al. 2012, McCauley et al. 2017

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