Mobile App zeigt Teil antarktischer Entdeckungsgeschichte in 3D | Polarjournal
Als Carsten Borchgrevink 1899 bei Kap Adare an Land ging, dachter er, er sei der erste Mensch auf dem antarktischen Kontinent. Er liess zwei Hütten von je rund 25 Quadratmeter errichten und verband sie mit einem Vorraum. Adéliepinguine waren während dem knapp 11-monatigen Aufenthalt die einzigen Nachbarn, denn Borchgrevink war der erste Mensch, der eine Hütte in Antarktika baute. Bild: Michael Wenger

Seit rund 200 Jahren hinterlassen Menschen in der antarktischen Region Spuren ihrer Anwesenheit. Zu Beginn waren die Entdecker und Erforscher zurückhaltend, sich lange oder sogar permanent in der lebensfeindlich scheinenden Eiswelt aufzuhalten. Doch der Norweger Carsten Borchgrevink wollte 1898 als erster eine feste Station auf dem antarktischen Festland errichten, um von dort den Kontinent zu erkunden und den Südpol zu erreichen. Seine Behausung bei Kap Adare steht heute noch und ist ein einmaliges Zeitzeugnis aus dem goldenen Zeitalter der Antarktisforschung. Experten des neuseeländischen Antarctic Heritage Trust haben nun eine einzigartige App entwickelt, mit der sie einen Einblick in das Leben der Entdecker geben und zwar in 3D.

In der Saison 2015/16 hatten Elizabeth «Lizzie» Meek, Al Fastier und Torbyn Prytz vom NZAHT die Gebäude und die Gegenstände, die ab 1899 in Borchgrevinks Hütten überdauern, katalogisiert, fotografiert und gegebenenfalls konserviert. Denn die Hütten sind einzigartig auf der Welt: nirgends sonst auf der Welt sind die ersten von Menschen errichteten Gebäude noch erhalten. Daher war es unglaublich wichtig, diese historischen Schätze zu bewahren. Innerhalb zweier Wochen wurden die Hütten sanft repariert und konserviert und so viele Gegenstände wie möglich nach Neuseeland für Konservierungsarbeiten zurückgebracht. «Es war ein sehr knappes Zeitfenster. Doch ich konnte rund 1’500 Artefakte aus dem Hauptraum und dem Dachboden sichern», erklärt Lizzie Meek.

Nicht nur Carsten Borchgrevink und seine 9 Männer hatten die Hütten genutzt. Auch das Nordteam von Sir Robert Falcon Scott während der «Terra Nova»-Expedition hatte die Gebäude genutzt. Daher war eine der Arbeiten des Teams, die Gegenstände und Nahrungsmittel der beiden Expeditionen separat zu katalogisieren. Kein einfaches Unterfangen, denn beide Expeditionen waren in Grossbritannien ausgerüstet worden und brachten entsprechendes Material mit.

Ausserdem hatten die Umgebungsbedingungen an den Gegenständen stärker gewirkt als beispielsweise in den weiter südlich gelegenen Hütten von Shackleton und Scott. «Die Bedingungen im Inneren der Hütte waren nicht so übel. Trotzdem war es eine chaotische und schmutzige Sache und mir war die meiste Zeit ziemlich kalt», erinnert sich Lizzie Meek. Auch die Lichtbedingungen in der Hütte waren nicht gerade günstig, etwas was auch schon Borchgrevinks Männern aufs Gemüt geschlagen hatte.

Die von der NZAHT veröffentlichte App zeigt die digitalisierten Gegenstände detailgetreu und mit viel Hintergrundinformation. Neben den 3D-Gegenständen können die Nutzer auch Führungen durch die Hütten von Shackleton und Scott unternehmen und erhalten sehr viele Informationen über deren Expeditionen und Antarktika. Die App nur in Englisch verfügbar. Video: NZAHT

Die Gegenstände, die von den Forschern gesichert worden waren, wurden nach Neuseeland zurückgebracht, um dort genauer untersucht und vor allem konserviert und katalogisiert zu werden. Ausserdem wurden einige Gegenstände in eine vom NZAHT entwickelte App als dreidimensionale Objekte aufgenommen. Damit sollen Interessierte einen genaueren Einblick erhalten, womit die frühen Expeditionen ausgerüstet waren. Ausserdem ermöglicht die App über eine weitere Funktion den Besuch anderer Hütten von Forschern wie Shackleton und Scott. Das Zauberwort heisst «Augmented Reality». Hier Nutzer in die Gebäude geführt werden und zahlreiche Informationen erhalten. Die App ist sowohl für Android wie auch für Apple-Geräte verfügbar und ein entsprechender Link findet man am Ende dieses Artikels.

Die von Borchgrevink und seinen Männern errichteten Gebäude bei Kap Adare stehen im neuseeländischen Sektor und daher ist der New Zealand Antarctic Heritage Trust (NZAHT) für dessen Konservierung und Erforschung zuständig. Klare Regeln bestehen, wie sich Besucher an diesem historischen Ort zu benehmen haben. Bild: Michael Wenger

Die Gegenstände, die seit 2017 untersucht worden sind, bleiben aber nicht in Neuseeland, wie der NZAHT klarstellt. Wenn die Restaurierungsarbeiten an den Hütten beendet sind, was aufgrund der COVID-Situation aus Eis gelegt worden war in der vergangenen Saison, soll alles wieder zurückgebracht werden. «Der NZAHT ist zu hundert Prozent dazu verpflichtet, alles wieder an seinen Ort zu bringen und es dort zu bewahren», schreibt die Stiftung. Denn für Lizzie Meek ist klar: «Ob Menschen diese Gebäude besuchen können oder nicht, sie tragen eine Resonanz, die für so viele Menschen von Bedeutung ist. Sie sind Verbindungspunkte dafür, wer wir sind und warum wir sind.»

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

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