Arktisches Meereis lässt auf sich warten | Polarjournal
Wenn im Herbst die Sonneneinstrahlung schwächer wird und keine starken Winde die Wasseroberfläche stören, beginnt die Bildung des arktischen Meereises. Dabei bilden sich im Verlauf der Eisentwicklung auch Inseln aus Pfannkucheneis. Daraus werden dann weiter Schollen, die sich immer weiter ausdehnen und das Packeis bilden. Bild: Michael Wenger

In diesem Jahr hatte sich das arktische Meereis sehr aussergewöhnlich verhalten: Im Sommer hatte es sich zwischen Svalbard und dem westlichen Teil der russischen Arktis bis über den 85. Breitengrad zurückgezogen, die weiteren Teile waren schon sehr früh eisfrei. Die MOSAiC-Expedition fand am Nordpol im August kaum feste Eisschollen und der stärkste russische Eisbrecher muss seine Testfahrt zum Nordpol wiederholen wegen zu dünnem Eis. Nun verzögert sich auch noch die Neubildung des Meereises und hinkt massiv dem normalen Zeitplan hinterher, wie die Messungen der verschiedenen Institutionen zeigen.

Die ungewöhnlichen Wärmemassen über der Region der Laptevsee im östlichen Teil Russlands verhindern, dass sich das Meereis richtig bilden kann, wie auf Karten von meereisportal.de erkennbar ist. Gleichzeitig sind wahrscheinlich auf leicht wärmere Tiefseewassermassen in den unteren Bereich der Meeresregion eingedrungen und durch den Kontinentalhang nach oben gedrückt worden. Somit wird die Meereisbildung weiter gestört. Zurzeit hinkt die Bildung des Meereises in der Laptevsee massiv dem üblichen Tempo massiv hinterher.

Die Karten des National Snow and Ice Data Centers zeigen, wie unterschiedlich die Eisbildung in der Laptevsee im Oktober war (roter Kreis). Während letztes Jahr bereits grosse Teile der Küste eingefroren waren, ist dieses Jahr kaum Eis zu sehen. Auch im längeren Durchschnitt hat sich die Eisbildung stark verändert. Karte: National Snow & Ice Data Center

Wie Experten gegenüber den Medien erklären, ist diese Verspätung der Meereisbildung zusammen mit den meteorologischen Gegebenheiten in der sibirischen Arktis ein beispielloser Vorgang und stimmt mit den Vorhersagen der Wissenschaft zu die Auswirkungen des Klimawandels überein. «2020 ist ein weiteres Jahr, das mit einer sich rasant verändernden Arktis übereinstimmt», erklärt Dr. Zack Labe, Postdoktorand an der Colorado State Universität. Doch überraschend kommt diese Verspätung und das aussergewöhnliche Verhalten des Meereise nicht, denn seit 2007 verschiebt sich die Eisbildung zeitlich immer weiter nach hinten und die Ausdehnung des arktischen Meereises verringert sich mit jedem Jahr. Dies bestätigt auch Walt Meier vom National Snow and Ice Data Center in Boulder, Colorado.

Die Meereisausdehnung im Oktober, traditionell der Startpunkt für ein Anwachsen des Meereises durch den herannahenden Winter, ist in diesem Jahr so gering wie noch nie. Nicht einmal in den beiden Rekordjahren 2007 und 2012, als das arktische Meereis seine Rekordminima aufwies (Bild links oben). Gründe dafür sind warme Wasser- und Luftmassen. Bilder: Meereisportal.de

Gemäss verschiedener Quellen und nach Ansicht der Experten dürfte es nicht mehr lange dauern, bis weniger als 15 Prozent des gesamten arktischen Ozeans eisfrei sind und damit die Arktis als generell eisfrei gilt. Gemäss Vorhersagen dürfte diesen zwischen 2030 und 2050 sein. «Es ist nur noch eine Frage des «Wann», nicht des «ob»,» sagt Walt Meier gegenüber den Medien. Beschleunigt wird dieses Ereignis durch die Erwärmung von Tiefenwasser, welches aus den südlichen Breiten nach Norden transportiert wird, wie eine neue Studie vor kurzem gezeigt hatte. Ausserdem wird durch das weitere Erwärmen der eisfreien Fläche das Wasser weiter erwärmt und damit eine negative Rückkoppelung erreicht.

Wenn das Meereis fehlt, werden in vielen Gebieten des arktischen Ozeans die Nährstoffe wegfallen, die damit transportiert worden sind. Dadurch wird die Nahrungskette stark negativ beeinflusst und Tiere, die von den Meeresorganismen wie Fischen leben, finden zuwenig Nahrung. Bild: Michael Wenger

Von den physikalischen Auswirkungen abgesehen, können auch die biologischen Konsequenzen enorm sein. Denn Phytoplankton, die Basis allen Lebens im arktischen Ozean, benötigt nicht nur Sonnenlicht, sondern auch durch Meereis und Strömungen transportierte Nährstoffe. Und die werden stark reduziert bei einem Wegfall des Eises, was ganz schlecht für den gesamten Nahrungskreislauf arktischer Meeresbewohner sein wird. Eisbären, die sowieso jetzt schon erst spät auf das Packeis können, dürften noch weniger Nahrung finden, da die Robben auch weniger finden. Die Kaskade wäre nicht aufzuhalten. Und davor haben zahlreichen Wissenschaftler bereits seit Jahren gewarnt, jedoch ohne Gehör bei den Politikern und übertönt von den laut schreienden Klimawandelskeptikern.

Dr. Michael Wenger, PolarJournal

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